Hochschule

Hochgefährlichen Viren auf der Spur

Von Thorsten Winter

Beim Ausbruch des Marburg-Virus in Angola starben 2005 324 Menschen

Beim Ausbruch des Marburg-Virus in Angola starben 2005 324 Menschen

03. Juli 2006 Innerhalb weniger Tage erkranken gut 30 Frauen und Männer in Marburg, Frankfurt und Belgrad an einem rätselhaften Leiden. Die Infektion geht nicht allein mit hohem Fieber einher: Die Patienten bluten aus dem Mund und anderen Körperöffnungen. Und infizieren andere Menschen, die ihnen helfen wollen. Es vergehen Monate, um den Erreger zu bestimmen, da alle bisher bekannten Viren als Ursache ausgeschlossen worden sind. In der Zwischenzeit erleidet eine Reihe von Erkrankten ein Schocksyndrom und stirbt. 39 Jahre liegen diese Ereignisse inzwischen zurück, in deren Verlauf am Institut für Virologie der Universität Marburg ein neues Virus entdeckt wurde.

Obwohl das Marburg-Virus nun seit fast vier Jahrzehnten erforscht wird, gibt es bisher weder zugelassene Impfstoffe noch Therapien. Das gleiche gilt für das Ebola- und das Lassa-Virus, die ebenso wie das Marburg-Virus zu sogenannten hämorrhagischen Fiebern führen. Doch um die Forschungen voranzutreiben, wird in Marburg derzeit ein Hochsicherheitslabor gebaut. Das Gebäude lassen sich Bund und Land rund 160 Millionen Euro kosten. Es wird den Anforderungen der höchsten Sicherheitsstufe S4 nach dem deutschen Gentechnikgesetz genügen und die vorhandene Forschungseinrichtung ablösen, die den mittlerweile üblichen Hygiene- und Sicherheitsvorgaben nicht mehr genügt.

Steigende Zahl von Forschungsobjekten

Da vergleichbare Labore in Europa nur in Lyon und Stockholm bestehen, wird die Marburger Universität Maßstäbe setzen, wie das hessische Wissenschaftsministerium hervorhebt. Zumal es „eines der weltweit ganz wenigen Hochsicherheitslabore an einer Universität ist“, sagt Hans-Dieter Klenk, Direktor des Instituts für Virologie. Die Einrichtung sei ein Alleinstellungsmerkmal der Hochschule.

Wie in ähnlichen Laboren beschäftigen sich die mittelhessischen Forscher nur mit Erregern, die außerordentlich gefährliche Krankheiten verursachen, gegen die nicht geimpft werden kann und die nicht behandelt werden können. Dazu zählen nicht das Virus, das das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Sars) verursacht und auch nicht der beim Menschen gefundene Vogelpesterreger H5N1; diese beiden Erreger zählen lediglich zur Kategorie S3, wie Klenk erläutert. Dessenungeachtet rechnet der Virologe mit einer steigenden Zahl von Forschungsobjekten. Weil das Sicherheitsbedürfnis der Menschen gestiegen ist, werden Krankheitskeime nämlich heutzutage höher eingestuft als früher.

Wer soll geimpft werden?

Zwar gehört die Marburger Virologie zum hessischen Überwachungszentrum, das vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt koordiniert wird und zu dem auch das Frankfurter Uniklinikum zählt, das eine Station für hochinfektiöse und schwerkranke Patienten vorhält. Doch geht es an dem Institut weniger um Diagnostik als um die Antwort auf die Frage, warum gewisse Viren so stark krankheitserregend sind und welche Mechanismen damit verbunden sind. Schließlich forderte der Ausbruch des Marburg-Virus in Angola im vergangenen Jahr 324 Tote unter den 388 registrierten Infizierten; mehr als vier von fünf Kranken starben. Bei Ebola beträgt die Todesrate nach Angaben von Klenk in der Regel 60 bis 90 Prozent.

Wann diese Krankheiten mit Erfolg behandelt werden können, ist unklar. Vergleichsweise ermutigender ist laut Klenk die Impfstoffentwicklung. Es gebe mittlerweile experimentelle Vakzine, die sich als sehr wirksam erwiesen hätten - im Tierversuch. Mit Blick auf eine mögliche Markteinführung sieht der Virologe noch offene Fragen. Eine davon lautet: Wer soll geimpft werden? Aus seiner Sicht sind es Ärzte und Pflegepersonal in jenen Weltgegenden, in denen diese hochgefährlichen Viren verbreitet sind, also vor allem im zentralen Afrika. Auch Wissenschaftler, die an diesen Viren forschen, müßten geschützt werden. Massenimpfungen hält Klenk für nicht vertretbar, auch wenn es aus seiner Sicht bei einer Markteinführung nicht nur um die Rentabilität gehen kann und das Mittel subventioniert werden müsse: „Dazu sind die Ausbrüche zu selten.“

Die Arbeit in dem neuen Hochsicherheitslabor werden die Forscher im Lauf des nächsten Jahres aufnehmen können. Nach dem Rohbau geht es nun vor allem darum, für das Laborgeschoß ein „Gebäude im Gebäude“ zu errichten, das von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt ist.

Text: F.A.Z., 04.06.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Ist das neue Logo der Commerzbank gelungen?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche