Ymos AG

Mehr als 1100 Verfahren sind bislang anhängig

Von Eberhard Schwarz

Rentner im Arbeitsgericht Offenbach: Klagen gegen die Streichung der Betriebsrenten durch die Ymos AG

Rentner im Arbeitsgericht Offenbach: Klagen gegen die Streichung der Betriebsrenten durch die Ymos AG

13. Juli 2008 Schlagzeilen hat die Ymos AG in Obertshausen während der vergangenen Wochen und Monate reichlich gemacht. Die Entscheidung des Vorstands Wilfried Hüge, rund 1.800 ehemaligen Mitarbeitern die Betriebsrenten von Oktober vergangenen Jahres an auf 50 Euro im Monat zu begrenzen und zum 1. März „wegen nichtiger Vertragsgrundlagen“ ganz zu streichen, löste eine Lawine von Klagen aus, die die Arbeit des Arbeitsgerichts Offenbach lahmzulegen drohte: Mehr als 1.100 Verfahren sind dort bislang anhängig. Dabei geht es meistens um Beträge zwischen 30 und 200 Euro im Monat. Über 191 Klagen hat die Sechste Kammer bisher entschieden – von wenigen Ausnahmen abgesehen im Sinne der Betroffenen, die auf Nach- und Weiterzahlung der Betriebsrenten klagen. Auch ehemalige Vorstandsmitglieder der Ymos AG sind betroffen: Ihre Pensionen wurden im Oktober vergangenen Jahres um 90 Prozent gekürzt.

Das Offenbacher Arbeitsgericht hat inzwischen eine Siebte Kammer als Hilfskammer eingerichtet; sie wird über weitere 111 Klagen verhandeln. Die Sechste Kammer befasst sich mit noch einmal 71 Verfahren. Am 25. und 29. Juli setzt das Arbeitsgericht Offenbach das Verhandlungsmarathon fort. Die Kürzung der Betriebsrenten zieht inzwischen Kreise: Auch die Auswärtige Kammer Bad Kreuznach des Arbeitsgerichts Mainz gab im Juni Klagen von Rentnern statt, die im früheren Ymos-Werk in Idar-Oberstein tätig waren. Sowohl gegen diese Entscheidungen als auch gegen zahlreiche Urteile des Arbeitsgerichts Offenbach wird der Ymos-Vorstand Einspruch einlegen.

Stille Beteiligungen an zwei Gesellschaften

Die Ymos AG gehörte früher zu den bedeutendsten deutschen Automobilzulieferern. Hinter dem Unternehmen liegt eine bewegte Geschichte. Sie begann 1926 mit einem von Jakob Wolf in Hausen, heute Stadtteil von Obertshausen, gegründeten Zulieferbetrieb für die Lederwarenindustrie. Seit 1929 führten Jakob Wolf und Friedrich Karl Becker den Betrieb gemeinsam unter dem Namen Jakob Wolf & Co. Seit Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts firmierte das Unternehmen als Ymos Metallwerke Wolf & Becker GmbH & Co. und stellte unter anderem auch Schließzylinder her; die Abkürzung Ymos steht für „You Must Observe Security“. 1983 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1990 übernahm der belgische Stahlkonzern Cockerill Sambre die Mehrheit; damals hatte Ymos sechs Werke in Deutschland und eine englische Tochtergesellschaft mit insgesamt rund 5.400 Mitarbeitern. Allein in Obertshausen waren einmal rund 2.000 Menschen beschäftigt. Kurz darauf wurden Bilanzfälschungen und andere Manipulationen festgestellt.

Auch unter Cockerill Sambre schrieb die Ymos AG keine schwarzen Zahlen. Mit dem Verkauf der einzelnen Unternehmensteile endete in den späten neunziger Jahren das operative Geschäft des einstigen Automobilzulieferers. Mit der Übernahme durch die WCM Beteiligungs- und Grundbesitz-AG, Frankfurt, im April 1999 richtete sich die Ymos AG darauf aus, das heute noch 63.000 Quadratmeter große Betriebsgelände und das ehemalige Verwaltungsgebäude in Obertshausen zu entwickeln und zu vermieten. Außerdem hält die Ymos AG stille Beteiligungen an zwei Gesellschaften, die 2004 und 2005 Immobilien von Tochtergesellschaften der Maternus Kliniken AG erwarben und an diese zurückverpachteten. Ende 2006 meldete WCM Insolvenz an. Seit dem vergangenen Jahr hält die Cura 13. Seniorencentrum GmbH, Hamburg, eine Tochtergesellschaft der Cura Kurkliniken Seniorenwohn- und Pflegeheime GmbH, 90,3 Prozent der Ymos-Aktien. Die Cura-Unternehmensgruppe, die ihren Verwaltungssitz in Berlin hat, betreibt 29 Seniorenzentren in ganz Deutschland.

Liquidität der Gesellschaft aufrechterhalten

Ende 2007 beschäftigte die Ymos AG außer dem Vorstand noch einen Mitarbeiter. Das Betriebsgelände zu vermarkten ist schwierig: Dem Geschäftsbericht 2007 zufolge lag die Vermietungsquote bei 30 Prozent. Die früher von Ymos betriebenen Galvanik-, Reinigungs- und Eloxalanlagen hinterließen Boden- und Grundwasserbelastungen durch leichtflüssige halogenierte Kohlenwasserstoffe (LHKW); seit Jahren wird das Areal saniert. Nach Ansicht des Ersten Stadtrats von Obertshausen, Hubert Gerhards (CDU), werde es „noch lange dauern, bis das Gelände sauber ist“. Im Ymos-Geschäftsbericht 2007 ist zu lesen, man habe „nach Beratung mit dem Aufsichtsrat“ die Betriebsrenten und Vorstandspensionen gekürzt, „um aus den Ersparnissen die Kosten der Dekontamination bezahlen zu können“.

Die Ymos AG wies im Geschäftsjahr 2007 einen Überschuss von 1,8 Millionen Euro – gegenüber einem Verlust von fast 13,4 Millionen Euro 2006 – aus. Aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit ergab sich jedoch ein Minus von knapp 634.000 Euro. Im ersten Quartal 2008 summierte sich der Fehlbetrag auf 623.000 Euro. Fast 1,2 Millionen Euro wurden 2007 für die Altersversorgung ehemaliger Mitarbeiter gezahlt. Als wichtigste Aufgabe sei anzusehen, die Liquidität der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, schrieb der Vorstand im Geschäftsbericht.

Personelle Überschneidungen nicht zu übersehen

Auf der Internetseite der Cura-Unternehmensgruppe ist zu lesen, man wolle, dass die Senioren, die sich für Cura entschieden hätten, „den dritten Lebensabschnitt in Sicherheit, Würde und mit Vergnügen erleben“. Der Vorsitzende der Cura-Geschäftsführung, Dietmar Meng, hatte im Mai mitgeteilt, das Schicksal der Ymos-Betriebsrentner liege dem Unternehmen „sehr am Herzen“. Als neuer Mehrheitseignerin der Ymos AG sei es Cura „sehr wichtig, gemeinsam mit dem Ymos-Management nach einer Lösung zu suchen“. Das Aktienrecht verbiete allerdings, dass Cura als Mehrheitseignerin in die Vorstandsentscheidungen der Ymos AG eingreife.

Personelle Überschneidungen zwischen Ymos AG, Cura und Maternus sind allerdings nicht zu übersehen: Dem Aufsichtsrat der Ymos AG, mit dem der Vorstand die Rentenkürzungen beraten hatte, gehören der Jurist Mario Ruano Wohlers, Berlin, als Vorsitzender sowie zwei weitere Mitglieder – die Diplomatin Sylvia Wohlers de Meie, Wien, und der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Stefan Grau, Paphos/Zypern – an. Wohlers de Meie ist auch Hauptgesellschafterin der Cura 13. Seniorencentrum GmbH, die die Mehrheit der Ymos-Aktien hält, sowie der Cura 12. Seniorencentrum GmbH, die 2007 fast 80 Prozent der Aktien der Maternus Kliniken übernommen hat. Seit 2007 steht Maternus in einem Leistungsverbund mit Cura.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

2 Wochen gratis testen!Möchten Sie die F.A.Z. oder die Sonntagszeitung erstmal kennenlernen? Kostenlos und unverbindlich 2 Wochen testen.

Besuchen Sie die Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche