
Für einzelne Ärzte kaum erschwinglich: Die Computertomographen in den Rhön-Kliniken in Miltenberg und Erlenbach kosten rund 1,5 Millionen Euro.
26. August 2008 Bislang hat die Rhön-Klinikum AG vor allem Krankenhäuser betrieben. Jetzt wendet der Konzern sich auch der ambulanten Behandlung zu. Zu den 18 Versorgungszentren, die er in den zurückliegenden drei Jahren in Deutschland gegründet hat, gehört auch das Haus in Erlenbach im Kreis Miltenberg. Die niedergelassenen Ärzte sehen sich dadurch in ihrer Existenz bedroht. Manche von ihnen wehren sich, indem sie den Krankenhäusern des Konzerns keine Patienten mehr überweisen.
Im Frühjahr 2005 hatte der Kreistag nach langen Kontroversen beschlossen, seine beiden Krankenhäuser in Miltenberg und Erlenbach zu privatisieren. Die Rhön-Kliniken errichteten in Miltenberg für mehr als 15 Millionen Euro eine Tele-Portal-Klinik. In das Erlenbacher Haus will der Konzern bis zum Jahr 2010 rund 25 Millionen Euro investieren.
Darüber nutzt er die Möglichkeiten, die der Bundesgesetzgeber in den Jahren 2004 und 2007 schuf, als er die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren regelte. Erst im Juni dieses Jahres schwärmte der Vorstandschef Wolfgang Pföhler auf der Jahreshauptversammlung des Konzerns in Frankfurt von den Wachstumschancen. Sein erklärtes Ziel sei „nicht mehr und nicht weniger als ein umfassendes Angebot medizinischer Vollversorgung“, das die bisherige Trennung zwischen stationärer und ambulanter Behandlung aufhebe.
Gemäß dieser Strategie ist im vergangenen Jahr auch dem Erlenbacher Haus der Rhön-Kliniken ein Versorgungszentrum angegliedert worden. Zurzeit arbeiten dort ein Chirurg, ein Gynäkologe, ein Neurochirurg und ein Radiologe. Weil für die meisten Disziplinen ein Bedarfsplan gilt, der nicht überschritten werden darf, haben die Rhön-Kliniken zwei Ärzten aus dem Kreis Miltenberg ihre Praxis und die damit verbundene Zulassung abgekauft. So sind aus niedergelassenen Medizinern mit eigener Praxis Angestellte der Rhön-Klinikum AG geworden.
Das „Ärztenetz Untermain“ wehrt sich mit aller Macht dagegen, dass der Konzern „mit viel Geld über unsere Praxen herfällt und versucht, sie aufzukaufen“, wie der Sprecher Andreas Morgenroth sagt. Wenn diese Entwicklung nicht aufhöre, werde aus dem Rhön-Klinikum „eine Marktmacht, die uns an die Wand drückt“.
In der Tat bezeichnet Pföhler die Versorgungszentren unverblümt als „Eingangstor“ seines Systems. Von dort aus werden die Patienten an die Klinik überwiesen, und dort werden sie auch wieder für die Nachsorge in Empfang genommen. Ärzte mit eigenen Praxen sind in diesem Modell entbehrlich. Die wirtschaftlichen Vorteile der „Vollversorgung“ aus einer Hand sind unübersehbar: Extrem teure Diagnosegeräte wie Computertomographen oder Linkskatheter können sich einzelne Hausärzte nicht leisten, der Konzern aber hat das Geld. Und da die Geräte sowohl in der Klinik als auch in den Versorgungszentren gebraucht werden, kann er sie sogar auslasten. Einsparungen sind auch beim Personal möglich: So arbeiteten die angestellten Ärzte des Versorgungszentrums je nach Bedarf auch in der Klinik. An diesem Punkt kann Kritiker Morgenroth einen Vorteil nennen, den der Patient habe, wenn er zu einem niedergelassenen Arzt gehe: In ihm habe er langfristig immer dieselbe Vertrauensperson, in einem Versorgungszentrum treffe er mal auf diesen, mal auf jenen Mediziner.
Das Ärztenetz verlangt die Auflösung des Medizinischen Versorgungszentrums und belässt es nicht bei öffentlichen Protesten. Guido Paterna, Geschäftsführer der Rhön-Kliniken, berichtet, dass eine Reihe von niedergelassenen Ärzten des Landkreises ihre Patienten nicht mehr an seine Häuser überwiesen oder ihnen zumindest davon abrieten, sich dort behandeln zu lassen. Dieser „Boykott“ werde allerdings keinen Erfolg haben. „Wir lassen uns nicht erpressen.“ Dadurch würden allenfalls Arbeitsplätze gefährdet.
Landrat Roland Schwing (CSU) sieht durch den Konflikt den Erfolg zerredet, den der Kreis aus seiner Sicht errang, als er mit den Rhön-Kliniken ins Geschäft kam. Er beklagt, dass es bislang nicht gelinge, die Akteure an einen Tisch zu bekommen.
Stattdessen ist das Thema zu einem Politikum geworden. Den Ärzten gefällt es allerdings nicht, dass die Freien Wähler mit ihren Forderungen in den Wahlkampf ziehen. „Wir sind nicht die Steigbügelhalter von Politikern“, sagt Morgenroth. Hans-Jürgen Fahn, Kreisvorsitzender der Freien Wähler, sagt, dass seine Partei nicht erst seit gestern, sondern immer schon die Interessen der freiberuflichen Mediziner vertreten habe.
Ungünstig scheint sich die Debatte derzeit für die CSU auszuwirken. Obwohl auch FWG-Chef Fahn für den Verkauf der Krankenhäuser an das Rhön-Klinikum votiert hat, gilt die Union als der entscheidende Befürworter der Privatisierung. Wenn die Ärzte beklagen, dass die Bundespolitiker dem Rhön-Klinikum die Gründung von Versorgungszentren erst ermöglicht hätten, so richtet sich dieser Vorwurf genaugenommen auch gegen SPD und Grüne. Wegen der Machtverhältnisse in Bayern trifft er jedoch in der öffentlichen Debatte in erster Linie die CSU. Im Übrigen stammt Wolfgang Zöller, gesundheitspolitischer Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, aus dem Kreis Miltenberg. Er argumentiert, dass die niedergelassenen Ärzte es selbst in der Hand hätten: Wenn sie ihre Praxen mitsamt der Zulassung nicht verkauften, lohne es sich für die Rhön-Kliniken nicht, Versorgungszentren zu errichten.
Darüber hinaus hat Zöller eine Regelung formuliert, die Bayern inzwischen beim Bundesrat eingebracht hat. Danach sollen Kapitalgesellschaften die niedergelassenen Ärzte nicht zu Angestellten in ihren Versorgungszentren machen dürfen. Stattdessen müssten sie ihnen einen Status einräumen, der sicherstelle, dass die Mediziner das Sagen hätten und nicht der Konzern.
Damit hat die CSU sich zwar demonstrativ auf die Seite der Ärzte gestellt. Dass ihr Konzept verwirklicht wird, ist aber höchst ungewiss: Denn dazu wird die SPD gebraucht. Und dort hat neben der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach ein gewichtiges Wort mitzureden. Er gilt als Erzfeind der Hausärzte und gehört dem Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken an.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt