Hessentag

Lebendige Barockzeit im Schloß

17. Juni 2005 Lukas Leimpek schwitzt. Dem Schüler der Realschulklasse 7b stehen die Schweißtropfen auf der Stirn, obwohl sich in Mittelhessen am Freitag mittag weder der Sonnenschein noch die 26 Grad Celsius eingestellt haben, die der Wetterbericht hartnäckig ankündigt. Aber während seine Altersgenossen es beim bequemen T-Shirt bewenden lassen, wird Leimpek von Weste, Jacke und Gürtel eingeschnürt.

„Unter den Ledergamaschen ist es besonders warm“, ergänzen seine Mitschüler Christian Abel und Christopher Kohl. Dann tragen die Jungs noch Säbel, Gewehr und Bajonett mit sich herum. Die spitze Mütze nicht zu vergessen. Und Leimpek hat noch eine Trommel dabei, mit der er die Aufmerksamkeit auf die kleine Truppe zieht, die durch den Torbogen in den Schloßhof marschiert.

Gebundene Hosen und Spitzenärmel

Wer in diesen Tagen das Weilburger Schloß besucht, begegnet nicht nur Zeitgenossen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Er stößt zum Beispiel im Erker des Familienzimmers auf zwei Schachspieler, deren schillernde Jacken, gebundene Hosen und Spitzenärmel darauf hindeuten, daß sie einer anderen Zeit entsprungen sind. Es handelt sich um Kanzleirat Johannes Plönnies, der sich bei dem Hofbaumeister Julius Ludwig Rottweil über den Fortgang der Bauarbeiten am Schloß informiert. Die neue Küche sei fertig, berichtet dieser, und das Dach der Kirche werde gerade gedeckt.

Die Vorbilder der beiden lebten zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Graf Johann Ernst zu Nassau-Weilburg seine Residenz im barocken Stil erweitern ließ. Aber nicht nur auf diesem Gebiet tat sich der Graf hervor, wie die Zuhörer von Plönnies erfahren. Der erzählt nämlich von der neuen Schulordnung, nach der die Schulmeister nicht mehr selbständig die Schulstunde verkürzen dürfen und „sich nicht bei der Kirmes finden lassen sollen“. Außerdem ist jetzt sommers wie winters Unterricht. Sogar eine Kranken- und Sterbekasse für die Maurerzunft gibt es 1703 neuerdings.

Einige Mädchen lernten spinnen

Andrej Draytsel gibt den Plönnies und Sören Reifenberg den Hofbaumeister, auch sie Realschüler der Heinrich-von-Gagern-Schule in Weilburg. Vor einem Jahr haben sie und ihre Klassenkameraden mit den Vorbereitungen begonnen, während des Hessentags mit kleinen Spielszenen in historischen Kostümen einen lebendigen Eindruck vom früheren Leben im Schloß zu vermitteln. Die Idee dazu hatte ihr Lehrer Thomas Hemp, der nicht etwa Geschichte, sondern Biologie, Sport und Englisch unterrichtet. Drei Klassen der Stufen sieben bis neun haben sich für das von Hemp und seinem Kollegen Martin Engelmann (Chemie und Biologie) betreute Projekt zusammengetan.

70 Schüler studierten ihre selbst gewählten Rollen ein, denen jeweils historische Vorbilder zugrunde liegen. Einige Mädchen lernten eigens spinnen, weil sie als Handarbeiterinnen auftreten. Bei einem Wochenende in einer Jugendherberge setzten die Jugendlichen sich intensiv mit der damaligen Zeit auseinander, die eigentlich nicht so recht in den Lehrplan paßt, wie Engelmann erläutert. Bei den Kostümen halfen die Schneiderin Heike Kurzius-Schick und ihre Nähgruppe. „Sie hatten schon einen Fundus von verschiedenen Veranstaltungen“, sagt Engelmann.

Die Mägde in Holzpantinen

Eine andere Hürde hatte das Projekt unerwartet schnell genommen. Denn Hemp mußte die Verwaltung der Hessischen Schlösser und Gärten überzeugen. Schließlich verfügt das Weilburger Schloß über eine umfangreiche Ausstattung mit Möbeln und handgedruckten Tapeten. Wo Besucher sonst nur mit Filzpantoffeln entlangschlurfen dürfen, sollten Jungs und Mädels im besten Rabaukenalter Barockleben spielen? Frank Schröder, Leiter der Außenstelle Schloß und Schloßgarten Weilburg, zeigte sich nach eigenen Worten von dieser Vorstellung überhaupt nicht entsetzt. Es gebe klare Absprachen mit Hemp, und er habe volles Vertrauen in Lehrer und Schüler. Natürlich waren Konzessionen notwendig. Denn auch als lebendige Personnage des Schlosses sind für die Schüler die originalen Möbel ebenso tabu wie die Alltagsgegenstände in der berühmten neuen Küche der Barockzeit. „Alles, was die Jugendlichen anfassen, mußte eigens besorgt werden“, sagt Schröder.

Der Aufwand lohnt sich nach Einschätzung des Außenstellenleiters aber: „Immer wieder fragen Besucher nach, wie die Leute gekleidet waren oder was sie gegessen haben.“ Die Antwort bekommen sie jetzt in der Schloßküche, wo die Mägde in Holzpantinen umherklappern und das Zinn mit Kräutern putzen, Weißkraut einlegen oder die ganz neu auf den Speiseplan gelangten Kartoffeln schälen. Auch Kaffee gab es schon und Tee, von dem ein Pfund 18 Gulden kostete, wie ein Küchenjunge den Besuchern erzählt. Den Wert erkenne man daran, daß er selbst nur acht Gulden im Jahr verdiene. Dann klatscht Engelmann auch schon wieder in die Hände und scheucht als Küchenmeister Dupois mit französischen Befehlen das Personal auf.

Wichtigster Vorteil: keine Schule

Für die Vorbereitung des Projekts sei keine Schulstunde ausgefallen, hebt Hemp hervor. Während des Hessentags allerdings ist nicht nur an der Heinrich-von-Gagern-Schule ohnehin kaum an geregelten Unterricht zu denken. Daß die Schüler daher als wichtigsten Vorteil ihres Engagements nennen, daß sie nicht zur Schule müssen, gehört dazu. Aber auch die Verkleidung und die Kostüme machen ihnen Spaß. Vielen ist bewußt, daß sie etwas Besonderes machen. „Wir dürfen in Räume, in die man sonst nicht hineinkommt“, schätzt etwa Hannes Schmidt aus der R8c an dem Projekt.

Die Schüler lernen Geschichte aus erster Hand und bekommen ein völlig neues Verhältnis zum Schloß vor ihrer Haustür, ist Hemp überzeugt. In einer Arbeitsgruppe sollen Rollen und Kostüme weiterleben, um das Schloß bei besonderen Gelegenheiten auch künftig mit Personal zu versorgen. Was wiederum Außenstellenleiter Schröder angesichts leicht rückläufiger Besucherzahlen in den vergangenen Jahren durchaus recht ist. Und der trommelnde Gardist Leimpek hat in seiner Rolle ein neues Hobby entdeckt. Er will sich jetzt bei einem Fanfarenzug bewerben.



Text: bie., F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 18. Juni 2005
Bildmaterial: F.A.Z., Cornelia Sick

 

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