09. Januar 2009 Das Horrorszenario haben Science-Fiction-Filme wie Outbreak“ längst bildreich vorweggenommen. Es sind aber nicht nur Hollywood-Drehbuchautoren, die beschreiben, was passiert, wenn eine tödliche Seuche breite Landstriche erfasst und dagegen partout kein bekanntes Gegenmittel helfen will. Spätestens seit der Virus H5N1, der Vogelgrippe auslöst, über die Flughäfen aus Asien den Weg nach Deutschland fand, beschäftigen sich die Gesundheitsexperten mit dem nach wie vor vorhandenen Bedrohungspotential einer weltweiten Massenerkrankung, Pandemie genannt.
Der sogenannte Pandemieplan des Landes Hessen beschreibt auf 102 Seiten einen Handlungsrahmen, der für den Notfall das Vorgehen bis zur Aufrechterhaltung der Ordnung regelt. Insbesondere die kreisfreien Städte und Kreise, die zu den Anrainern des Flughafens zählen, bereiten sich in Arbeitsgruppen intensiv auf diesen Katastrophenfall vor. Im Main-Taunus-Kreis erarbeiten Fachleute derzeit ihren eigenen Notfall- und Vorsorgeplan, der im ersten Quartal dieses Jahres vorgestellt werden soll.
Impfstoff Tamiflu angeschafft
550.000 Euro lasse sich der Kreis die Vorsorge für einen Ernstfall kosten, der vielleicht niemals eintreten werde, erläuterte Gesundheitsdezernent Michael Cyriax (CDU). Denn mit der jährlichen Wintergrippe, die derzeit mal wieder grassiere, habe die Influenza, die eine Pandemie auslöse, nichts zu tun, hebt er hervor. Keiner der verantwortlichen Politiker im wohlhabenden Main-Taunus-Kreis wolle sich aber einmal vorwerfen lassen, man habe nicht alles Menschenmögliche getan, um die Bevölkerung bestmöglich vor den Gefahren einer Supergrippe zu schützen.
So lagerten allein 20.000 leichte Schutzanzüge bei den Wehren und in Krankenhäusern, es seien 27.000 Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel zum Schutz der Ersthelfer angeschafft worden. Eigens für die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes stellte der Kreis obendrein Geld bereit, um schnellstmöglich eine Fieberambulanz aufbauen zu können, falls dies nötig werden sollte. Tatsächlich wurden sogar in allen Schulen und öffentlichen Einrichtungen Flugblätter deponiert, die über das richtige Verhalten bei Seuchenausbruch informieren. Denn oftmals seien es simple Dinge, wie das richtige und permanente Händewaschen, die einen Menschen vor einer Ansteckung bewahrten, erläutert der Kreisbeigeordnete. Auch der Impfstoff Tamiflu“ wurde Cyriax zufolge in großen Mengen angeschafft, obwohl es zweifelhaft sei, dass er gegen einen wandlungsfähigen Influenzaerreger wirke.
Kreisbrandinspektor Joachim Dreier hält die Bevorratung keineswegs für übertrieben. Medizinisch könne er über die tatsächliche Gefahr zwar nichts sagen, aber der Krisenplan sei krisentauglich. Wen die Vorkehrungen dennoch übertrieben anmuten, der überdenkt dies vielleicht angesichts der errechneten Zahlen. Denn was passiert, wenn die Pandemie im Main-Taunus-Kreis grassiert, steht bei den Statistikern schon fest: Bei einer geschätzten Dauer von 60 Tagen erkranken etwa 30 Prozent der Bevölkerung zwischen Hochheim und Eschborn – also 70.000 Menschen. Das entspricht Cyriax zufolge einer Neuerkrankungsrate von 9000 Menschen je Woche. 250 Schwerkranke müssten nach diesem Szenario stationär behandelt werden, und sechs Wochen lang sei jede Woche mit 60 Influenza-Toten zu rechnen.
Spanische Grippe wütete kurz nach dem Ersten Weltkrieg
Diese Zahlen seien keineswegs absurd, äußert Cyriax und verweist auf die Spanische Grippe“, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Menschen auch in Deutschland hingerafft hatte. Mit der Drehscheibe des Großflughafens Rhein-Main schätzten Fachleute sogar, dass eine Seuche auf jeden Fall eingeschleust würde, sich das Risiko in einer globalen Welt eher erhöht habe – aber keiner wisse eben, wann dies geschehe. Und die Folgen seien akuter Personalmangel in Betrieben oder den Verwaltungen. Es müsse deshalb klar vorab geregelt sein, was zu geschehen habe, um in der Hochphase der Pandemie das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten.
Seit 2004 sind im Main-Taunus-Kreis in die Pandemie-Planung jedenfalls alle wichtigen Institutionen eingebunden: Dazu zählen unter anderem die Kreisverwaltung, die Kliniken, die Bürgermeister, Polizei, Brandschutz, Rettungsdienste, ärztlicher Notdienst, Pflegedienste, Kindertagesstätten, Altenheime und Apotheken.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Marcus Kaufhold