Kreis Miltenberg

Milchbauern drohen wieder mit Boykott

Von Ewald Hetrodt

Die Kuh “Faironika“ wirbt für “faire“ Milchpreise

Die Kuh "Faironika" wirbt für "faire" Milchpreise

24. Juni 2008 Drei Cent mehr pro Liter – so zahlt sich der Milchboykott für den Landwirt Michael Schäfer aus Kirchzell im Landkreis Miltenberg aus. Zehn Tage lang hat er die Milch seiner Kühe weggeschüttet, um jetzt festzustellen, dass er seine Produktionskosten noch immer nicht decken könne. „Das reicht noch lange nicht“, meint Schäfer und gibt sich weiterhin kämpferisch: „Wenn wir den Preis nicht kriegen, den wir brauchen, müssen wir halt noch mal in den Streik.“

Schäfers Betrieb ist einer von 50, die im Landkreis Miltenberg mit der Milchproduktion ihr Geld verdienen wollen. Wie berichtet, beteiligten sie sich fast ausnahmslos an dem bundesweiten Lieferstopp, mit dem der Verband der Milchviehhalter in der ersten Hälfte des Monats eine höhere Vergütung erzwingen wollte. Schon nach einer guten Woche wurde den beschwichtigenden Prognosen des Einzelhandels zum Trotz auch in den Lebensmittelläden am Bayerischen Untermain die frische Milch spürbar knapper. Wieder ein paar Tage später war die Aktion vorüber.

Wer den Markt beherrscht

Rund 900 Liter geben Schäfers 50 Kühe täglich. Im April zahlte die Schwälbchen Molkerei 35 Cent pro Liter, im Mai nur noch 30. Mit dem Boykott entging Schäfer natürlich auch die Vergütung. Das waren 270 Euro täglich. Das rechne sich, wenn er am Ende 43 Cent pro Liter bekomme, hatte der Landwirt erklärt. Doch dieser Effekt ist, jedenfalls bislang, noch nicht eingetreten.

33 Cent werde Schwälbchen im Monat Juni zahlen, berichtet Schäfer. Er glaubt, dass der Preis ohne den Lieferstopp noch weiter gefallen wäre. So habe er mit dem Lieferstopp etwa fünf Cent pro Liter gewonnen. Ausreichend sei dieser Anstieg allerdings bei weitem nicht. „Die Kosten laufen uns davon. Nach wie vor zahlen wir drauf.“

Schäfer berichtet, dass manche Berufskollegen im Kreis Miltenberg die Frage gestellt hätten, ob man den Lieferstopp nicht zu früh beendet habe. Er selbst meint, dass Lidls Ankündigung, zehn Cent pro Liter mehr zu zahlen, ein deutliches Entgegenkommen gewesen sei. Angesichts dieses Signals hätten die Bauern einen guten Grund gehabt, ihrerseits positiv zu reagieren. Allerdings hätten sie geglaubt, dass die anderen Discounter Lidls Vorbild folgen würden. Tatsächlich habe Aldi den Preis für die Verbraucher nur um sieben Cent erhöht und damit bewiesen, wer den Markt wirklich beherrsche. Das entscheidende Problem, so Schäfer, sei die Milchindustrie. Die Molkereien brächten nicht die nötige Geschlossenheit auf, um gegenüber dem Lebensmittelhandel höhere Preise durchzusetzen.

Bevölkerung bereit, mehr zu zahlen

Dabei habe sich bei den Protesten in der Öffentlichkeit gezeigt, dass die Bevölkerung nicht nur großes Verständnis für die Forderungen der Bauern habe, sondern auch bereit sei, mehr Geld für ihre Erzeugnisse auszugeben, glaubt Schäfer. So berichtet er beispielsweise von dem Gespräch einer Delegation der Milchbauern aus dem Kreis Miltenberg mit dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Zöller (CSU). Dieser habe sich an demselben Ort zunächst mit Ärzten und gleich anschließend mit den Bauern getroffen. Dabei hätten die Mediziner mit großem Applaus ihre Solidarität mit den Landwirten zum Ausdruck gebracht und sie ermuntert, ihre Aktionen so lange fortzusetzen, bis das Ziel erreicht sei.

Sehr genau hat Schäfer außerdem registriert, dass sich nach anfänglichem Zögern inzwischen auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, in Gesprächen mit Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) sowie den Vertretern von Molkereien und Handel für die Interessen der Milchbauern einsetze. Sonnleitner hatte die Hoffnung geäußert, dass die Verhandlungen bis Ende Juli zu einer Lösung führten.

Schaber: „Möglich ist alles“

Indem die Miltenberger Bauern nun gleichsam als Begleitmusik laut über einen zweiten Lieferstopp nachdenken, folgen sie der Linie, die der Bundesvorsitzende der Deutschen Milchviehhalter, Romuald Schaber, vorgab, indem er weitere Proteste auf Befragen ausdrücklich nicht ausschloss: „Möglich ist alles.“

Zunächst bleibt es am Untermain aber nur bei kleineren PR-Aktionen. So wollen die Milchbauern in der Miltenberger Fußgängerzone mit „Faironika“ für „faire“ Milchpreise werben. Die lebensgroße Kuh aus Kunststoff taucht schon seit dem Herbst des vergangenen Jahres in zwölf europäischen Ländern in verschiedenen Varianten auf. Die deutsche scheint angesichts der Fußball-Europameisterschaft besonders gut geeignet, um Sympathien zu wecken: Sie hat ein schwarzrotgoldenes Fell.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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