Darmstadt

„Wiederauferstehung“ im kleinen Barockgebäude

Von Rainer Hein

14. April 2008 Die „Wiederauferstehung“, von der Vorstandsmitglied Thomas Thomsen spricht, ist unübersehbar: Die Schar der Gäste hat die Dimension einer kleinen Demonstration, und weil die neuen Ausstellungsräume des Instituts für Neue Technische Form (Intef) für einen solchen Andrang nicht ausreichen, findet die Begrüßung im Freien vor dem „Lange Bäuchen“ statt. So heißt das neue Domizil des Intef, an dem jeder Darmstädter schon einmal vorbeigelaufen ist, weil das kleine Barockgebäude mitten in der Innenstadt am Friedensplatz liegt.

Nach fehlt am Eingang der Hinweis auf das Institut. Dort verweist allein das Schild „Großherzogliche Vermögensverwaltung“ auf den Hausherren. Der ist auch anwesend: Landgraf Moritz von Hessen, Vorsitzender des Intef, begrüßt die Gäste zwischen Tür und Angel mit den Worten. „Wir leben noch und rühren uns.“ Wie Intef-Geschäftsführer Michael Schneider hinzufügt, sei es seiner königlichen Hoheit zu verdanken, dass der Verein eine neue Bleibe gefunden habe: „Sie, Prinz Donatus und die Hessische Hausstiftung haben ihren Schirm ausgespannt.“

„Neuanfang“ für das erste deutsche Design-Institut

Schneider ist über die Eröffnung der neuen Institutsräume und der Schau „Design für Design – Vom Sammeln, Archivieren, Präsentieren“ hoch erfreut und darf sich über viel Lob freuen. Nach den „schlimmen Ereignissen“ sei es insbesondere ihm zu verdanken, dass es für das erste deutsche Design-Institut einen Neuanfang gebe, sagt Thomsen. Mit den „schlimmen Ereignissen“ sind die von Stadt und Land initiierten Veränderungen auf der Mathildenhöhe und im Alfred-Messel-Haus gemeint, in dem das Institut seit seiner Gründung 1952 seinen Sitz hatte. Dort fanden in den vergangenen 50 Jahren mehr als 300 Ausstellungen statt und wurden renommierte Design-Wettbewerbe und Expertenrunden veranstaltet. Dort beherbergte das Intef sein umfangreiches Archiv mit Produktsammlungen zahlreicher Unternehmen wie AEG, Braun, Rosenthal oder WMF. Schneider wirkt seit 1975 als Geschäftsführer.

Dann kam vor zwei Jahren der Oberbürgermeister und Kulturdezernent mit der Idee einer Neuordnung der Mathildenhöhe und dem Vorschlag, das Intef solle in den vierten Stock des Hauses für Industriekultur umziehen, das in einem Darmstädter Gewerbegebiet liegt. Die Pläne von Walter Hoffmann (SPD) wurden zwar später wieder aufgegeben. Dafür aber einigten sich das Land, die Stadt und die Hochschule Darmstadt darauf, das Messel-Haus zu einem „hessischen Kompetenzzentrum“ für Design auszubauen. Unter das Dach des Trägervereins „Hessen Design“ hätte zwar auch das Intef schlüpfen können. Das aber wollten Schneider und die Mitglieder nicht. Auch aus diesem Grund war der Auszug unvermeidlich.

Zur Eröffnung spielten die „schlimmen Ereignisse“ nur am Rande noch eine Rolle. Aber die Nachwirkung der Dissonanzen bleiben spürbar: Kein städtischer Vertreter war bei der Wiederauferstehung anwesend, und die aktuelle Schau stammt nicht von Studenten des Fachbereichs Design der Darmstädter Hochschule, sondern von Studierenden der Visuellen Kommunikation an der Fachhochschule Mainz. Es ist der Kurs „Typographie“ von Professorin Isabel Naegele, der die Ergebnisse eines Wettbewerbs zum Thema „My private Collection – My catalogue“ sowie die Resultate zum Relaunch des Intef-Erscheinungsbildes zeigt. In einem Raum sind außerdem typische Gegenstände und Erzeugnisse der Alltagskultur ausgestellt, die Schneider seit Jahren sammelt.

„Rauswurf“ aus dem Messel-Haus

Genießt das Intef außerhalb Darmstadts ein größeres Ansehen als in der Stadt selbst? Naegele bewertete den „Rauswurf“ aus dem Messel-Haus als „grotesken“ Vorgang, der für Mainzer nicht nachvollziehbar sei. Ihre Kollegin, die Design-Theoretikerin Petra Eisele, hob in ihrem Einführungsvortrag besonders die avantgardistische Funktion des Intef hervor, das mit dazu beigetragen habe, dass Darmstadt in den Nachkriegsjahren zum „Zentrum gestaltungstheoretischer Neuorientierung“ geworden sei.

Schneiders Sammlung von Alltagsgegenständen – in der Ausstellung sind so ungewöhnliche Objekte zu sehen wie eine Gummi-Friedhofsgießkanne aus der DDR, ein Handschuhspanner aus Holz oder ein „Roll Fix Set“ der fünfziger Jahre – bezeichnete Eisele als ein Feld, das über Jahrzehnte hinweg von der Design-Geschichte ignoriert worden sei. Die vom Schneider mit „traumwandlerischer Sicherheit“ zusammengetragenen Exponate stellten „Suchschnitte“ durch die Alltagskultur dar, deren Bedeutung im Zeitalter virtueller Parallelwelten, in der die Materialität immer mehr an Bedeutung verliere, ständig wachse.

Die Materialität ist als Thema im „Lange Bäuchen“ tatsächlich gut aufgehoben. 1730 wurde das Gebäude als Leibstall für Pferde der Landgrafen angelegt, später von der Eilpost genutzt, noch später als Nähstube, Wäscherei und für Versuche zur Seuchenbekämpfung. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau 1959 diente es der großherzoglichen Vermögensverwaltung, die weiterhin den ersten Stock nutzt. Unten stehen dem Intef drei Ausstellungsräume zur Verfügung. Das ist weniger Platz als im Messel-Haus. Die Materialität der Dinge bleibt für den Verein deshalb nicht nur eine ästhetische Herausforderung. Schneider ist auch auf der Suche nach einem Magazin für die umfangreiche Intef-Sammlung.

Die Ausstellung beim Intef, Friedensplatz 10, ist bis 10. Mai zu sehen, dienstags bis samstags von 14 Uhr bis 19 Uhr und sonntags von 14 Uhr bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung (Telefonnummer 0 61 51/4 80 08).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A..Z - Cornelia Sick, F.A.Z. - Cornelia Sick

 

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