Leben im Exil

Ein Tempel soll Burma näher bringen

Von Issio Ehrich

Gebet für ihre Landsleute: Exil-Burmesen in Frankfurt

Gebet für ihre Landsleute: Exil-Burmesen in Frankfurt

19. November 2007 „Wir geben Burma eine Stimme“. Die Buchstaben leuchten im kalten Licht der Straßenlaterne. Vor dem Banner mit dem Schriftzug steht Khin Than Nwe. Sie ist 41 Jahre alt und war Grundschullehrerin, als sie noch in Burma lebte. 2002 kam sie nach Deutschland. Unter ihrer dunkelbraunen Kunstlederjacke trägt sie einen roten Rollkragenpullover. Ihr glattes schwarzes Haar bindet sie in einem strengen Zopf.

Das Banner hängt zwischen einer Straßenlaterne und einem Laubbaum an der Kalbächer Gasse in Frankfurt. Es ist spät am Nachmittag und es regnet. Vor dem Stand des Vereins Buddha Sasana Ramsi erzählt Khin Than Nwe von ihrer Heimat. Sie spricht meist Englisch, mit einem starken Akzent, in das sich immer wieder deutsche Worte mischen.

„Im Dschungel gibt es keine Gesetze“

Freundlich, aber bestimmt: Protest gegen die burmesische Junta

Freundlich, aber bestimmt: Protest gegen die burmesische Junta

Khin Than Nwe ist eine von mehr als 600 Burmesen, die in Deutschland leben; rund ein Drittel von ihnen wohnt in Frankfurt und Umgebung, die meisten sind Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Buddha Sasana Ramsi. Viele wurden von der Militärjunta um General Than Shwe vertrieben. Seit 1988 hat sich die Zahl der Zuwanderer mit burmesischer Staatsbürgerschaft fast verzehnfacht. Das zeugt von den Zuständen in dem südostasiatischen Land.

„Es ist mehr als 13 Jahre her, dass Soldaten zu meinem Mann kamen“, berichtet Khin Than Nwe. Er unterstütze die separatistische KNU, die Karen National Union. Er selbst gehörte der Volksgruppe der Karen an, die seit Burmas Austritt aus dem Commonwealth für ihre Autonomie kämpfen. Die Soldaten wollten dem Assistenzarzt verbieten, Karen zu behandeln. „Der Druck wurde immer größer, und die Soldaten kamen immer wieder“, sagt Khin Than Nwe. Auch beim letzten Besuch der Soldaten bei ihrem Mann weigerte er sich.

„Am nächsten Morgen fand ich meinen Mann im Dschungel.“ Er war tot. Im Dschungel gebe es keine Regierung, keine Gesetze, sagt Khin Than Nwe. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Fünf oder zehn Sekunden später spricht sie weiter und erzählt, wie die höheren Militärs die mordenden Soldaten schützten. Die Mutter von zwei Kindern erfuhr dies am eigenen Leib, als sie einem Offizier vom Mord an ihrem Mann erzählte. „Sie bissen mich, und sie schlugen mich, sie haben so viele Dinge mit mir gemacht“, sagt sie. Sie verließ Burma, reiste von einem Land zum anderen, um sich letztendlich in Offenbach niederzulassen. Sie hält inne und sagt: „Wir sollten jetzt aufhören, ich kann mich jetzt schon nicht mehr kontrollieren.“ Dies sei nur ihre Geschichte, sagt sie. „Es gibt so viele.“

90 Prozent aller Burmesen sind Buddhisten

Im Verein Buddha Sasana Ramsi gibt es fast 150 dieser Geschichten. Eine für jeden seiner Mitglieder. Fast alle dieser Geschichten haben eines gemeinsam. Egal, wie die genauen Umstände der Flucht aus Burma waren, ob sie mit dem Flugzeug aus Thailand kamen oder sich in Lastkraftwagen über die deutsche Grenze schmuggeln ließen: Kaum einer von ihnen könnte zurück nach Burma gehen. Für die insgesamt 192 Burmesen in Frankfurt heißt dies, sich ein Leben in einem fremden Land aufzubauen, in dem das Essen anders schmeckt und an dem ein Frühlingsmorgen nicht wärmer ist als der tiefste Winter zu Hause. Noch fremder ist nur die deutsche Sprache oder die Vorherrschaft des Christentums.

Wenn Aung Pyaitphyo die Kaiserstraße in Frankfurt hinunterschlendert, trifft er viele Bekannte. Man grüßt sich und hält ein kleines Schwätzchen, fast immer auf Burmesisch. Aung Pyaitphyo ist der Vorsitzende von Buddha Sasana Ramsi. Er ist 28 Jahre alt und wirkt aufgeweckt. Er arbeitet zurzeit in einer Flughafenbar. Aung Pyaitphyo verließ Burma vor fünf Jahren. Er studierte Betriebswirtschaft, stellte aber bald fest, dass es kaum möglich ist, in Burma Geschäfte zu machen. „Wenn wir Business in Burma machen, müssen wir immer mit dem Militär zusammenarbeiten“, sagt er. Aung Pyaitphyo brach sein Studium ab, um nach Deutschland zu ziehen. Der Unterricht sei ohnehin viel zu oft ausgefallen. Die Universitäten fanden seit den Aufständen der Studenten Ende der achtziger Jahre nicht wieder zu einem geregelten Lehrbetrieb zurück.

Als Aung Pyaitphyo Buddha Sasana Ramsi mit rund 25 anderen Exilburmesen vor zwei Jahren gründete, gab es vor allem ein Ziel: „Wir wollten, dass die Leute einen Ort haben, an dem sie zumindest ihre Religion ausüben können.“ Fast 90 Prozent aller Burmesen sind Buddhisten. Die meisten von ihnen praktizieren den Theravada-Buddhismus – eine Art orthodoxer Buddhismus, der sich vor allem auf die Lehren der ersten Mönche aus der Buddhazeit beruft. Für die Burmesen nimmt dabei der Tempel eine zentrale Rolle ein. Dass es in ganz Deutschland keinen Tempel für diese Form des Buddhismus gibt, ist angesichts der verschwindend kleinen Zahl von Buddhisten kaum verwunderlich – sie machen nur 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Für viele Exilburmesen ist es deshalb schwer, die eigenen Traditionen und religiösen Gewohnheiten zu bewahren.

Spenden für die Religion

Vor allem das Ritual der Spende ist davon betroffen. „Unsere Leute wollen immer spenden, für unsere Religion“, sagt Aung Pyaitphyo. Es sei üblich, die Gelder den Mönchen im Tempel zu geben. Der Tempel könnte außerdem als Vereinshaus dienen. Bisher haben sich die Mitglieder in ihren Wohnungen getroffen. Bei großen Veranstaltungen mussten sie Säle mieten. „Ich habe aber schon ein Objekt für unseren Tempel gefunden“, sagt Aung Pyaitphyo. Es handelt sich dabei um ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück in Offenbach. Das Haus auf dem Gelände sei ungefähr 300 Quadratmeter groß und habe zwei große Räume, eigentlich ideal. „500.000 Euro soll das Gelände kosten – wir sammeln noch.“ Dass die Burmesen viel spenden, helfe, aber vorerst können sie das Grundstück nur mieten. „Im Dezember werden wir anfangen, das Haus einzurichten“, sagt er.

Kyaw Zaw Aung sitzt mit seinem Vater Thein Yu und Kyan Lin, der auch Mitglied bei Buddha Sasana Ramsi ist, im ICE von Frankfurt nach Fulda. Sie sollen auf einer Veranstaltung der Amnesty-International-Gruppe Fulda von Burma erzählen. Das Interesse an Burma ist seit den Demonstrationen im September groß, auch wenn es kaum noch Nachrichten aus dem Land gibt. Kyaw Zaw Aung ist 19 Jahre alt und lebt seit 2003 in Deutschland. Mit seiner Schwester und seinen Eltern wohnt er im Frankfurter Gutleutviertel. Er trägt ein weißes Longsleeve, darüber ein graues T-Shirt, lässig geschnittene schwarze Jeans und weiße Turnschuhe. Um seinen Hals hängen ein silbernes und ein goldenes Amulett.

Das silberne ziert ein schwarzer Drache, auf dem goldenen ist ein kleiner Buddha zu sehen. Kyaw Zaw Aung geht in die 11. Klasse. Von allen kann er am besten Deutsch und soll deshalb bei Amnesty International übersetzen. „In der Schule gab es einen Deutschkursus für Neue. Nach zwei Jahren konnte ich dann einigermaßen Deutsch.“ Mittlerweile spricht er fast fehlerfrei. Kyaw Zaw Aung ist ein großer Fußballfan und spielt selbst in einem Griesheimer Verein. Er hat schon in Burma Fußball gespielt, bevor seine Familie das Land verlassen musste, weil sein Vater als Polizist nicht mehr gegen den Volksaufstand vorgehen wollte. „Wahrscheinlich sperrt das Militär in dem Fußballstadion, in dem wir früher gespielt haben, jetzt Menschen ein“, sagt Kyaw Zaw Aung.

Zweimal im Monat wird demonstriert

Bei Amnesty International fragt man die Burmesen, ob sie noch Kontakt nach Burma hätten. Kyaw Zaw Aung, sein Vater Thein Yu und Kyan Lin verneinen die Frage, wie auch viele der Mitglieder bei Buddha Sasana Ramsi. Aung Pyaitphyos Familie zum Beispiel lebt noch in Burma. Seit die Militärjunta das erste Mal die Internetverbindungen zum Ausland kappte, hat er kaum noch Kontakt. „Alles wird vom Militär kontrolliert, und da ist es gefährlich für meinen Bruder und meine Familie.“ Die Grundschullehrerin Khin Than Nwe hat nicht nur ihren Mann vor 13 Jahren verloren. Ihren Sohn und ihre Tochter musste sie bei ihrer Flucht zurücklassen. Seit Monaten kann sie sie nicht erreichen. „Sie verstecken sich im Dschungel“, sagt sie. „Wenn meinen Kindern irgendetwas zustößt – ich habe mich jetzt schon nicht mehr unter Kontrolle.“

Freunde oder Familienmitglieder, die noch in Burma leben, sind nur ein Grund für viele Burmesen, sich nach ihrer einstigen Heimat zu sehnen. „Burma ist ein schönes Land, und für uns ist es unser Zuhause“, sagt Aung Pyaitphyo. Wenn es in Burma Demokratie gibt, werden viele Burmesen zurückgehen. „Ich gehe auch nach Burma, das ist sicher“, sagt er. Dass es trotzdem einen Verein wie Buddha Sasana Ramsi gibt, mag auch daran liegen, dass kaum einer der Exilburmesen wirklich daran glaubt, dass sich nach über 45 Jahren Militärdiktatur in Burma plötzlich etwas ändern könnte.

Zweimal im Monat gehen die Mitglieder des Vereins Buddha Sasana Ramsi demonstrieren. Dann schallen die Rufe von mehr als 100 Demonstranten durch Frankfurts Innenstadt: „Free, Free – Free Burma! Free, Free – Free Aung San Suu Kyi!“, rufen sie. Für gewöhnlich führen Khin Than Nwe und Aung Pyaitphyo den Zug an. Beide haben sich rote Tücher um den Arm gebunden. Der neunzehnjährige Kyaw Zaw Aung geht am Rand des Zugs – redet mit den Passanten und verteilt Flugblätter. Jedes Mal, wenn mit dumpfem Geschrei „Military-Diktatur – raus, raus!“ ertönt, reißt Khin Than Nwe ihre Faust in die Höhe. Sie schreit von allen am lautesten. Einmal sagte sie, wenn sie könnte, würde sie die Militärregierung in Burma umbringen. Sie würde sie nicht einfach erschießen, sagt sie. „Ich will sie Stück für Stück zerreißen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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