Rhein-Main

Sicherheit für Kinder in Not

Von Nicolas Schöneich

Der Aufkleber zeigt, wo Kinder Hilfe erwarten können

Der Aufkleber zeigt, wo Kinder Hilfe erwarten können

13. Juni 2007 „Deutschland wird kinderfreundlich“, heißt es auf der Homepage des Bundesfamilienministeriums. Dessen eingedenk, sind in den vergangenen Jahren in Hessen lokale und regionale Initiativen entstanden, die die Gesellschaft stärker für Kinderschutz und Kinderfreundlichkeit in die Pflicht nehmen wollen. Um ihr Bemühen in die Öffentlichkeit zu tragen, wird vor allem auf Gewerbetreibende gesetzt. Im Kampf gegen die Gleichgültigkeit ist ein Aufkleber an Geschäftstüren häufig das Mittel der Wahl – als Signal der Vertrauenswürdigkeit und Bekenntnis zur Hilfsbereitschaft gegenüber Kindern.

Warum er solche Initiativen für notwendig hält, erläutert Jerome Braun, Geschäftsführer der Karlsruher Stiftung Hänsel + Gretel, die 2002 vor dem Hintergrund der Entführung und offenbaren Ermordung der neunjährigen Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg die „Notinseln“ ins Leben rief, mit denen sie seit einiger Zeit auch in Rüsselsheim vertreten ist: „Eigentlich ist es selbstverständlich, dass Kindern in Not in Geschäften geholfen wird. Für Kinder ist aber das Misstrauen gegenüber einer fremden Umgebung und fremden Erwachsenen häufig zu groß.“ Deshalb hülfen Logos wie das der Notinseln. Drei Männlein, darunter der Slogan der Initiative: „Wo wir sind, bist Du sicher“.

„Es geht um bürgerschaftliches Engagement“

In Deutschland kooperieren in 47 Städten und Gemeinden rund 4000 Einzelhändler und öffentliche Einrichtungen mit der Stiftung. Für Rüsselsheim rechnet Sandra Ehrenstein von der Gewerbevereinigung „Treffpunkt Innenstadt“ mit 25 Läden. Auch nach Frankfurt habe es Kontakte gegeben, sagt Tanja Pesler von Hänsel + Gretel. Eine Kooperation sei aber nicht zustande gekommen. Es fehle der lokale Partner, der die Ladenbesitzer anspreche und sie über ihre Aufgaben als Notinsel informiere. Aussagen über die Nutzung der bestehenden Inseln sind schwierig, da keine Meldepflicht für etwaige Vorfälle besteht. Nach Auskunft Peslers berichteten aber 275 der Karlsruher Teilnehmer von insgesamt 17 Vorfällen innerhalb eines Jahres. In Ludwigshafen meldeten 283 Inseln zuletzt 33 „Notfälle“.

Falls Kinder ein gekennzeichnetes Geschäft aufsuchen, sollen sie laut Braun umfassende Hilfe erhalten. Fühlten sie sich bedroht oder meldeten einen versuchten sexuellen Übergriff, würden Polizei, Jugendamt, Eltern oder Schulen verständigt. Hierfür würden den Geschäften Listen mit Notrufnummern und anderen Kontaktpersonen in der jeweiligen Gemeinde zur Verfügung gestellt. „Zu 95 Prozent sind es aber die kleinen Probleme des Alltags, die behandelt werden“, konzediert er. Auch Tanja Pesler schränkt ein: „Die Notinsel zielt nicht speziell auf Missbrauch. Es geht um bürgerschaftliches Engagement generell.“ Einzig in Bochum sei für 2006 der Fall eines Mädchens dokumentiert, das vor einem Mann in eine Bäckerei geflüchtet sei. Dieser habe sie „mit nach Hause“ nehmen wollen.

Im Frankfurter Stadtteil Riederwald hat die Kinderbeauftragte Simone Rößer die Initiative ergriffen. Zusammen mit besorgten Eltern hat sie Geschäfte angeschrieben und gebeten, sich mit einem vom Frankfurter Präventionsrat gestalteten grünen Aufkleber als „Notfallinseln“ für hilfsbedürftige Kinder auszuweisen. „Einen konkreten Anlass wie Gewalt gegen Kinder gab es nicht. Wir wollten ihnen aber signalisieren, wo sie in Notsituationen Hilfe erhalten können – obwohl das eigentlich selbstverständlich sein sollte“, sagt Rößer. Die Resonanz sei überwiegend positiv, schließlich koste die Geschäftsinhaber der Aufkleber nichts. Da das Projekt erst anläuft, sind keine Angaben über konkrete Ereignisse verfügbar.

„Schutzburgen“ in Südhessen

Was im Riederwald die „Notfallinseln“, sind in südhessischen Gemeinden die „Schutzburgen“. 2002 wurde in Seeheim-Jugenheim die erste Ladentür mit einer lachenden Burg beklebt. Sabine Müller von der Stadt beschreibt die Anfänge: „Wir haben uns gefragt: Wie können wir die Sicherheit für Kinder erhöhen?“ Zusammen mit einem Berliner Planungsbüro sei dazu ein Logo entwickelt worden.

Nicola Moczek vom Planungsbüro Psy Plan hebt hervor, die Hilfestellungen, die die Geschäfte übernähmen, seien lediglich eine Erweiterung ihrer Funktion als Anrainer an Straßen und Beobachter des öffentlichen Lebens. In Seeheim-Jugenheim liege deren Teilnahmerate bei fast 100 Prozent, sagt Müller. Vom anfangs bundesweiten Anspruch der Initiative hat die Planerin Abstand genommen. Geographisch konzentrieren sich die Burgen derzeit in Südhessen, wo 550 Läden in 17 Gemeinden an dem Projekt teilnehmen.

Geht es um die Art der Vorfälle, berichtet auch Müller von „eher kleinen Problemen“: Ein verlorener Schlüssel, ein dringender Telefonanruf, ein aufgeschürftes Knie, die Benutzung der Toilette – diese Anliegen seien die häufigsten. Ohnehin verpflichte sich keiner der Teilnehmer zu Hilfsleistungen, die „über das Maß der üblichen Unterstützung, zu der alle Bürgerinnen und Bürger verpflichtet sind“, hinausgingen, sagt Moczek von Psy Plan. Beratungen sollten die Angestellten nicht durchführen, sondern den Experten bei Jugendamt und Kinderschutzbund überlassen. Bislang sei nur in 20 Prozent der Läden überhaupt um Hilfe gebeten worden. „Dabei ging es in mehr als der Hälfte der Fälle darum, auf die Toilette gehen zu dürfen.“

„Sicherheits-Inseln“ entlang der Schulwege

In Oberursel agiert seit 1999 die Elterninitiative „Laufen bringt’s“, die Kinder zu sichereren Verkehrsteilnehmern erziehen will. Das Maskottchen der Initiative ist der Tausendfüßler Leo von Tipp Tapp. „Er soll es den Kindern erleichtern zuzuordnen, wo sie Hilfe bekommen“, sagt die Kinderbeauftragte der Stadt, Kornelia Benner. In Oberursel habe man sich an Läden entlang der Schulwege gewandt, um sie als „Sicherheits-Inseln“ zu gewinnen. Die Stadt gebe jedes Jahr aktualisierte Schulwegepläne heraus, auf denen auch die Inseln verzeichnet seien, sagt Benner.

Genutzt würden die Inseln jedoch „nur ab und zu“. Die Mitarbeiterin einer teilnehmenden Apotheke etwa sagt, in den vier Jahren, in denen man jetzt dabei sei, habe „noch nie auch nur ein Mensch danach gefragt“. Heiko Scholl, Inhaber von „City Zweirad“ in Oberursel, findet das Anliegen gut, betont aber zugleich, Hilfe zu leisten sei auch trotz fehlenden Aufklebers eine Selbstverständlichkeit. Er selbst habe den Sticker jahrelang an der Tür gehabt. „Aber wenn Kinder hereingekommen sind, dann nicht deswegen, sondern schlicht, weil sie mir persönlich vertrauen.“

In anderen Gemeinden muss dieses Vertrauen freilich erst hergestellt werden, wozu die Projekte sich und ihr Logo an Schulen und in Kindergärten vorstellen. Vor allem Eltern sollen so sensibilisiert werden für Orte, die ihren Kindern Zuflucht und Hilfe bieten. Im Ergebnis sind die Verantwortlichen aller Projekte aber mit einer größeren „Sichtbarkeit“ zufrieden, sie sprechen von „Signalen“ und „Symbolen“, die sie für die Kinderfreundlichkeit setzen wollen. Auf die Resultate vor Ort angesprochen, sagt etwa Nicola Moczek: „Viele sind froh, dass nichts Schlimmes passiert ist.“ Jedoch würden Probleme oft auch gar nicht in die Läden getragen. Sabine Müller aus Seeheim-Jugenheim verficht daher einen abstrakten Anspruch: „Wir wollen erreichen, dass die Kommune zusammenwächst und sich das Bild der Stadt verbessert. Außerdem ist Kinderfreundlichkeit ein ,weicher‘ Standortfaktor.“

Eine Übersicht über die „Notinseln“ ist unter www.notinsel.de zu finden. Die Teilnehmer des Projekts „Schutzburg“ sind unter www.schutzburg.net aufgelistet, die „Sicherheits-Inseln“ unter www.laufen-bringts.de.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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