Odenwald

Wer früh losgeht, ist eher da

Von Werner Breunig

Zwingenberg: Hier beginnt der Nibelungensteig. Über schmale Pfade geht es zu einer der zahlreichen Siegfriedsquellen

Zwingenberg: Hier beginnt der Nibelungensteig. Über schmale Pfade geht es zu einer der zahlreichen Siegfriedsquellen

19. Oktober 2008 Langgezogene Bergketten, weite Ausblicke über Hügel und Kuppen, in die Täler und über die Ebenen. Finstere Wälder und steile Hänge, ursprüngliche, fast zurückgeblieben anmutende Orte – das ist der Odenwald. Abseits der großen Verkehrsströme findet der Besucher eine Landschaft, die nicht von Autobahnen und Schnellstraßen zerfurcht ist. Hier gedeihen die Erinnerungen an Sagengestalten und geheimnisvolle Wesen, sind die Mythen lebendig – es soll Hagen, wie engagierte Nibelungenforscher jeweils herausgefunden haben, den Recken Siegfried an 14 verschiedenen Quellen von hinten gemeuchelt haben.

Stille - und Wege ohne Asphalt und Schotter

70 Kilometer auf 70 Kilometer ist dieses Mittelgebirge groß; es liegt abseits der geschäftigen Zentren Rhein-Main und Rhein-Neckar und doch in deren Nähe. Die in diesen Ballungsräumen leben, sollen nun in einen Odenwald gelockt werden, der sich „Wanderregion mit Ausblicken“ nennt. Zwei neuangelegte Strecken, der Alemannenweg und der Nibelungensteig, sind speziell für Tages- und Kurzurlauber konzipiert.

Bei der Planung haben sich die Touristik-Fachleute an den Vorgaben des Deutschen Wanderverbandes orientiert, des Dachverbandes der Wandervereine, dessen Klassifizierungen für die neuen Strecken inzwischen vorliegen. Der Odenwaldklub half dabei mit: Er konzipierte die Wege, legte die Routen fest, verlangte auch gelegentlich eine andere Trasse. Bieten muss ein Weg, für den es die offiziellen Siegel geben soll, schöne Ausblicke und Naturerlebnisse, es soll still sein und der Untergrund zu mindestens 80 Prozent ohne Asphalt und Schotter. Dem Wanderer sollen kulturelle Erlebnisse geboten werden, Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten und Anbindung durch den Nahverkehr. All das ist festgelegt in einem Kriterien-Katalog „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“.

Am Rande der neuen Wege liegen nun die vielen kleinen touristischen Besonderheiten der Region. Man stößt auf Galgen, Überreste von Bergwerken, Fürstenresidenzen, Burgruinen und immer wieder auf Erzählungen. So soll die Burg Frankenstein Mary Shelley wenn nicht zu ihrer Frankenstein-Geschichte, so doch wenigstens bei der Namensfindung für ihren geheimnisvollen Forscher inspiriert haben. Wolfram von Eschenbachs Wildenburg aus dem „Parcival“ thront auf einem Berg.

Der Odenwaldklub übernahm die lückenlose und gut sichtbare Wegemarkierung, die noch um Pfeilwegweiser und Kilometerangaben ergänzt werden soll. Allein für den 132 Kilometer langen Alemannenweg gab die Tourismusorganisation 14 000 Euro an den Verein aus, 3700 Euro steuerte die EU dazu bei.

Über schmale Pfade

Wanderer können sich inzwischen davon überzeugen, dass sie die Wege ablaufen können, ohne eine detaillierte Wanderkarte zu bemühen. Schwachstellen des Rundkurses bleiben die fehlenden Möglichkeiten, sich mit öffentlichem Nahverkehr wieder an den Ausgangspunkt der täglichen Wege zurückbringen zu lassen. Das liegt an dem dünnen Netz von Bussen und Bahnen in dem dünnbesiedelten Gebiet. Doch erstellten die Touristikorganisationen der Region Pauschalangebote mit Übernachtungen und Gepäcktransport.

Der Alemannenweg mit dem Zeichen „rotes S“ ist der nordwestliche Teil des sogenannten Odenwald-Schmetterlings. Von Erbach und Michelstadt im Zentrum aus wurden vier Rundwege angelegt, für die allerdings jeweils mehrere Tage zu veranschlagen sind. Mit den Märchen und Sagen, mit Burgen und Schlössern wirbt die Landschaft nun beim Alemannenweg. Dieser Rundweg führt von der Einhardsbasilika in Michelstadt-Steinbach über Reichelsheim (Ruine Rodenstein), die höchste hessische Odenwald-Erhebung (Neunkirchner Höhe) zum spektakulären Felsenmeer bei Reichenbach, erreicht das Fürstenlager bei Bensheim-Auerbach, dann die Bergstraße, führt über das Auerbacher Schloss und den Melibokus zur Burg Frankenstein und dann über Schloss Lichtenberg und die Veste Otzberg zurück nach Michelstadt.

Der Nibelungensteig („rotes N“), der am nächsten Wochenende eröffnet wird, ist dagegen mit 42 Kilometern weit kürzer, aber mit 1600 Höhenmetern verhältnismäßig anstrengender. Er führt auf schmalen Pfaden und anspruchsvollen Steigen von Zwingenberg an der Bergstraße über lichte Höhen und tiefe Täler bergauf und bergab, streift ebenfalls den Melibokus und das Felsenmeer, berührt Lindenfels und Grasellenbach und endet schließlich an einer der zahlreichen Siegfriedsquellen, die seit 1851 mit einem gotischen Gedenkkreuz und einigen Zeilen aus dem Nibelungenlied an das Geschehen erinnert, als ob es sich um Geschichtsschreibung handelte.

Mit den beiden anspruchsvollen Wanderwegen will der Odenwald, der sich über drei Bundesländer und diverse Landkreise erstreckt, dem Rückgang der Übernachtungszahlen um bis zu 22 Prozent in den vergangenen zehn Jahren begegnen, der rund 4000 Arbeitsplätze gekostet haben soll. Drei Viertel der Touristen kommen heute nur für einen Tag in das Gebiet zwischen Main und Neckar.

26 Millionen Menschen leben im Umkreis

Ein Gutachten empfahl nun, die Verantwortlichen im Odenwald sollten mit dessen Stärken wuchern und sich nicht in Angeboten für unterschiedlichste Zielgruppen verzetteln. Vorrangig sollten sie also mit den Themen Bewegung, Wandern und Radfahren arbeiten. In einem Umkreis von drei Autostunden leben der Expertise zufolge 26 Millionen Menschen, die für solche Kurzreisen gewonnen werden können. Familien mit Kindern bis 14 Jahre sowie die sogenannten „Best Ager“ bezeichnen die Marketingleute als potentielle Kunden, und sie wollen sie außer mit Wander- und Radtouren mit Naturerlebnissen, kulinarischen Produkten sowie der Kultur locken. Und mit dem legendären Schatz der Nibelungen.

Informationen im Internet: www.nibelungensteig.info, www.odenwald.de und www.tg-odenwald.de

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Immer mehr Infizierte: Lassen Sie sich gegen Schweinegrippe impfen?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche