17. August 2006 Unterrichtsausfall, mäßige Ergebnisse beim internationalen Pisa-Test und unzureichende Ganztagsangebote: Die Entwicklung des staatlichen Schulsystems bereitet immer mehr Eltern in Hessen Sorge - und läßt die Schülerzahlen an Privatschulen kontinuierlich steigen. Dieser Trend wird sich fortsetzen, glaubt Lothar Jordan, der Landesvorsitzende des Berufsverbands Deutscher Privatschulen (VDP). Dort sind die Schüler Kunden und die Betreuung ist durch kleinere Klassen besser, die Lehrer sind engagierter und die Ausstattung oft komfortabler.
Im vergangenen Schuljahr stieg die Zahl der Schüler auf den 110 Privatschulen in Hessen nach Angaben des Statistischen Landesamts um 1000 auf 38.400, während die staatlichen allgemein bildenden Schulen einen Rückgang um 7000 auf 662.600 verzeichneten. Zwar lernt damit noch immer nur gut jeder achtzehnte Schüler privat, aber ihr Anteil wächst seit 20 Jahren stetig.
Nach Jordans Worten gewinnen auch Montessori- und Waldorfschulen im Vergleich zu herkömmlichen Bildungseinrichtungen zunehmend an Gewicht. Norbert Handwerk, Landesgeschäftsführer der Freien Waldorfschulen in Hessen, bestätigt: Immer mehr Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten dem Druck auf dem Gymnasium nicht standhalten. In den Waldorfschulen gibt es kein Sitzenbleiben und die Wahl der weiterführenden Schule nach der vierten Klasse fällt weg. Das wirkt entlastend und stabilisierend auf die Kinder, glaubt Handwerk.
Neue Privatschulen in Frankfurt und Darmstadt
Jordan ist davon überzeugt, daß sich deutlich mehr Eltern für Privatschulen entscheiden würden, wenn das Angebot größer wäre. Da neue Häuser aber in den ersten drei Jahren nicht vom Land bezuschußt würden, liege die Eintrittsbarriere für Neugründungen sehr hoch.
Dennoch gehen auch in Hessen dank der Eigeninitiative von Eltern und Lehrern und durch entsprechende Schulgelder immer wieder neue Bildungseinrichtungen an den Start. Zum Schuljahr 2006/2007 nehmen beispielsweise in Darmstadt eine Montessori- und in Frankfurt eine dreisprachige Grundschule mit Kindergarten den Lehrbetrieb auf. Wir haben die Genehmigung erst sehr spät bekommen, daher beginnen wir mit nur einer ersten Klasse, sagt die Projektleiterin der neuen Erasmus-Schule in Frankfurt, Christel Jahn.
Die private Einrichtung, die auf eine gemeinsame Lehrer- und Elterninitiative zurück geht, soll den modernen Anforderungen gerecht werden: sie bietet Unterricht in deutscher, englischer und spanischer Sprache an, Ganztages- und Ferienbetreuung und einen handlungsorientierten Unterricht in der Muttersprache der Lehrer. Da Fördergelder erst nach drei Jahren fließen, liegen die Gebühren mit 450 Euro im Monat relativ hoch.
300 bis 400 Euro monatlich fällig
Im Landesdurchschnitt kostet die Schule mit Ganztagesbetreuung nach Jordans Worten zwischen 300 und 400 Euro monatlich. Vor allem für Familien mit mehreren Kindern ist der Preis sehr hoch. Wir suchen ständig Sponsoren, berichtet Jahn. Im Gegenzug könnten die Kinder aber von 7.30 bis 18.00 Uhr in der Schule mit angeschlossenem Hort bleiben, und die Einrichtung werde nur sechs Wochen im Jahr geschlossen. Wir wollen die Vereinbarkeit von Schule und Beruf ermöglichen, sagt Jahn.
Trotz der für manche Eltern unbezahlbaren Gebühren sind Privatschulen nach Meinung Jordans keine Inseln der wirtschaftlichen Elite: Im Durchschnitt haben Privatschulen eine ganz normale soziologische Schüler- und Elternverteilung. Der Ausländeranteil sei allerdings geringer als bei staatlichen Schulen. Die Berufschancen der Absolventen bezeichnet Jordan, selbst Inhaber und Leiter einer privaten Handels- und Sprachschule in Fulda, als vergleichbar mit den Möglichkeiten anderer Schulabgänger. Nach meiner Auffassung sind die Chancen keinesfalls schlechter, vielleicht eher besser.
Das gilt nach Auffassung Handwerks auch für Waldorfschüler: Vielleicht haben unsere Absolventen bei naturwissenschaftlichen Hochschulstudien fachlichen Nachholbedarf. Aber dank ihrer sozialen Kompetenzen, ihrer Teamfähigkeit und Selbstständigkeit sowie ihrer breiten Allgemeinbildung sind sie sehr gut auf ein Studium vorbereitet.
Text: F.A.Z.