Von Oliver Bock
16. Juni 2005 Nonnen bauen anders. Sie nehmen keine Kredite auf und vereinbaren keine langfristigen Tilgungsraten, sondern plündern ihr Sparbuch und vertrauen auf Spender. Sie denken bei jedem Schritt langfristig und nicht nur für zwei oder drei Generationen. Und sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.
Das alles läßt sich derzeit an einem ehrgeizigen Bauprojekt beobachten, das die rund 60 Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim-Eibingen vor gut drei Jahren in Angriff genommen haben. Auf vier Millionen Euro war zunächst ihr Wunsch nach einer 400000 Euro teuren Gerätehalle, nach einem Ausbau des einstigen Pferdestalls zum Klosterladen mit 16 neuen Gästezimmern, nach neuen Werkstätten, Lagern, Seminar- und Meditationsräumen sowie einer die Arbeitsabläufe erheblich erleichternden Architektur taxiert worden.
Drei Stellschrauben
Utopisch nannte Schwester Scholastika damals diese Zahl, und doch wird sie wohl fast erreicht werden, wenn die Schwestern einmal am Ziel ihrer Wünsche sind. Daß sich der später auf 2,5 Millionen Euro verringerte Kostenrahmen nicht halten ließ, hängt viel mit den Überraschungen eines 100 Jahre alten Hauses zusammen, wenn man hinter Putz, Boden und Dachluken blickt, aber auch mit den Forderungen eines zeitgemäßen Brandschutzes.
Geld, Qualität und Zeit nennt Schwester Scholastika die drei Stellschrauben des Projektes. Geld sei immer zuwenig da, an der Qualität wolle man keine Abstriche machen, mithin müsse man sich die notwendige Zeit nehmen, um aus eigenen Ersparnissen, Spenden und dem Engagement eines rührigen Fördervereins ans Ziel zu kommen. Dem Förderverein steht seit kurzem Georg Freiherr von Boeselager vor, der hofft, daß sich vielleicht doch noch Sponsoren und Gönner finden, um das gegenwärtig gebremst laufende Projekt wieder zu beschleunigen.
Nach jahrhundertealten Prinzipien errichtet
Die Abtei St. Hildegard ist jünger, als sie den meisten Besuchern erscheint. Ihren Bau verdankt sie dem schlechten Gewissen von Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, der 1904 den Grundstein zur Wiederbegründung der Benediktinerinnenabtei legte und einige Millionen Goldmark für den Bau und seine Ausgestaltung aufbrachte.
Die Vorfahren des Klosterstifters hatten wiederum 100 Jahre zuvor von der Säkularisierung 1803 und der Aufhebung der Klöster profitiert, indem auch die Familie Löwenstein mit Kircheneigentum für verlorengegangene Besitztümer entschädigt worden war. 1814 hatten die Schwestern den alten Standort in Eibingen räumen müssen. Dort war die Neubegründung 90 Jahre später aus vielerlei Gründen unmöglich geworden.
Das neue Kloster in den zuvor mühsam erworbenen Weinbergen wurde unter der Leitung des Mönchs Ludger Rincklage nach jahrhundertealten und bewährten Prinzipien, dem St. Galler Klosterplan, errichtet und 1904 von 13 Benediktinerinnen aus dem Prager Kloster St. Gabriel bezogen.
2,8 Millionen Euro investiert
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges zählte die Abtei 116 Schwestern, die damals allerdings nicht wie heute in 15 Quadratmeter großen Einzelzellen untergebracht waren. Die Schwestern loben noch heute die damaligen Baumeister für die Qualitätsarbeit, doch taugt das Haus zwar ideal als Betstätte und für die Lebensbedürfnisse des Konvents, nicht aber für die wirtschaftlichen Betriebe, die den Schwestern das Auskommen sichern.
Einst bildeten Erbschaften, Stiftungen und Spenden die wichtigste Einnahmequelle, heute erwirtschaftet der Klosterladen zwei Drittel des Umsatzes, vor allem Wein und Dinkel sind noch deutlich vor dem Buchverkauf die Umsatzträger. Für die klostereigenen Betriebe war und ist der Klosterbau nicht ausgelegt, die Keramikwerkstatt beispielsweise ist auf fünf Räume aufgeteilt, der Brennofen steht im Flur. Die Logistik ist katastrophal, sagte die für das Wirtschaftsunternehmen Kloster zuständige Schwester Philippa einmal.
Insgesamt 2,8 Millionen Euro sind seit 2002 von den Nonnen investiert worden. Daß nun noch einmal eine Million Euro nötig ist, liegt vor allem daran, daß das Ober- und das Speichergeschoß des Ökonomiegebäudes, einer früheren Stallung, komplett abgetragen und erneuert werden mußten, sonst hätte der Brandschutz dort keine Gästezimmer zugelassen. Die Folgen waren unvorhergesehene Ausgaben in Höhe von fast 500000 Euro.
Günstiger Einkauf im Internet
Dem L-förmigen Gebäude gegenüber entstand inzwischen ein zweites, ebenfalls L-förmiges und rund 50 Meter langes neues Wirtschaftsgebäude. Die dazwischen entstandene Freifläche soll eigentlich noch durch ein weiteres Gebäude als Querriegel zum Innenhof werden, doch dafür fehlt vorerst das Geld. Auch der Innenausbau von altem und neuem Ökonomiegebäude geht derzeit auf Sparflamme weiter.
Mit Schwester Scholastika haben die Bendiktinerinnen eine erfahrene und umsichtige Bauleiterin, die seit 25 Jahren ihr Metier beherrscht. Ihre ungewöhnliche, aber kostengünstige Strategie: Nur die versierte Arbeitsleistung qualitätsbewußter Handwerker einkaufen, nicht aber für Geräte und Baustoffe zahlen.
Diese erwirbt Schwester Scholastika beim Internet-Auktionshaus Ebay, wie ihren Baukran für 550 Euro, bei Versteigerungen und Unternehmensauflösungen. Manche der neuen Räume gleichen einem Baustofflager und zeugen vom Erfolg der Schwester. Dank ihrer Umsicht besitzt das Kloster einen eigenen Bagger, Lastwagen und Radlader. Die Förderbänder stammen aus einem Konkurs in Chemnitz, Heizkörper aus der Insolvenz eines Baustoffhändlers, Rohre von einem insolventen Baumarkt im Saarland. Die 150000 Euro teure, aber kaum gebrauchte Ausstattung eines zahlungsunfähigen Buchladens hat sie für 15000 Euro nach Eibingen geholt.
Hoffen auf Mäzenne
Wir hören auf, wenn wir kein Geld mehr haben, sagt sie, der nicht die Zeit, sondern die erreichte Qualität wichtig ist. Deshalb ist auch ungewiß, wann das Bauvorhaben abgeschlossen oder zumindest in größeren Schritten als gegenwärtig weitergehen kann. Etwa 300000 Euro müssen noch für Brandschutz aufgewendet werden, unter anderem in neue Wasserleitungen und eine Feuerwehrzufahrt.
Rund 200000 Euro wird der Innenausbau des schon errichteten Neubaus kosten und weitere 500000 der noch notwendige Erweiterungsbau. Erst dieser komplettiert das Vorhaben, erweitert die Flächen des Klosterladens, verbessert die Infrastruktur deutlich und erleichtert die Arbeitsgänge für das klostereigene Weingut erheblich.
Woher das Geld dafür kommen wird, ist noch offen, denn die Schwestern erhalten keine öffentlichen Zuschüsse, und Bankkredite sind trotz historisch niedriger Zinsen und Baupreise aus Überzeugung tabu. Von Boeselager, Generalbevollmächtigter einer Münchner Privatbank, hat dafür großes Verständnis. Er hofft jedoch auf Mäzene, Stiftungen und Sponsoren, die dem Anliegen der Schwester noch den notwendigen Schub geben.
Text: F.A.Z. vom 17. Juni 2005
