Von Bernhard Biener
08. Februar 2008 Selbst ist die Frau. Auch bald acht Jahre nach der musikalischen wie wirtschaftlichen Selbständigkeit hält Barbara Clear an ihrem absolutistischen Anspruch fest: Die Künstlerin bin ich. Kein von Marketingstrategen geplantes Produkt, das je nach Marktlage dringend mal ein bisschen härter klingen oder die Erwartung nach einer Ballade mit Streichern erfüllen müsste. Ich habe ein grundsätzlich schlechtes Gefühl bei Verträgen mit der Industrie“, sagt die Folk- und Rocksängerin mit der kräftigen Stimme, die neben eigenen Stücken auch Songs von Janis Joplin in ihrem Repertoire hat und vor dem Friedenslied über die verschwundenen Blumen ebenso wenig zurückschreckt wie vor dem Deep-Purple-Klassiker Smoke on the water“.
Sie steht nicht nur mit ihrer Gitarre allein auf der Bühne, sondern organisiert auch ihre Konzerte selbst und verkauft ihre CDs in Eigenregie. Genau das hat sich paradoxerweise als geniales Marketinginstrument erwiesen: Als Clear und ihr Partner Ralph Dittmar 2004 die Münchener Olympiahalle mieteten, um sie auf eigene Faust voll zu bekommen, wurde die Musikerin plötzlich bundesweit bekannt.
Kulleraugen-Tour mit selbstgemalten Bildern
Dreimal hat sie das seither geschafft, dazu den AWD Dome in Bremen gefüllt, das Velodrom in Berlin und zum Abschluss die Festhalle Frankfurt. Der Titel der Tour, Zwergenaufstand“, trifft das Selbstverständnis der Rebellin, die sich nach wie vor gegen die Regeln der Branche stellt. Im Juni startet ihr neues Projekt, die Kulleraugen-Tour“, bei der sie ihren Auftritt um Projektionen ihrer – was sonst – selbstgemalten Bilder ergänzt. Auf Begleitmusiker will sie weiterhin verzichten.
Bis dahin ist sie mit dem Zwischenprogramm Für den Rest der Welt“ unterwegs. Zu den mehr als 100 Konzerten, die sie dabei innerhalb eines Jahres absolviert, gehört auch ein Auftritt in der Oberurseler Stadthalle um 20 Uhr am nächsten Freitag, 15. Februar. Damit kehrt sie an ihre Wurzeln zurück: In Oberursel hat die in Bad Homburg geborene Sängerin 1983 Abitur gemacht.
Für die aktuellen Auftritte hat sie den Kitzel noch ein wenig erhöht. Karten im Vorverkauf – Fehlanzeige. Clear mietet nicht nur die Hallen auf eigene Rechnung, sondern verlangt auch keinen Eintritt. Am Ende dürfen die Besucher so viel Geld in einen Kasten werfen, wie ihnen das Konzert wert war. Die Sängerin bezeichnet den freiwilligen Beitrag als Unterstützung, nicht als Spende. Aber sie kann sich auf ihre Fans verlassen. Etwa zehn Euro je Person kämen durchschnittlich zusammen, sagt sie. Neben der offiziellen Begründung, auf diese Weise Familien mit Kindern den Besuch ihrer Konzerte ohne große Ausgaben zu ermöglichen, gibt es noch eine weitere. Wieder hat es mit Rebellion zu tun.
Angriff der Graswurzel-Folk-Bewegung
In diesem Fall sind es die Regeln der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, besser bekannt als Gema, die Clear brechen will. Durch deren Abrechnungsmodalitäten sieht sie sich benachteiligt, weil sie zwar viel abführen müsse, aber kaum etwas zurückbekomme. Wo aber kein Eintrittsgeld anfalle, gehe auch die Gema weitgehend leer aus.
Die eigene Verantwortung für Erfolg und Misserfolg bringt es mit sich, dass Clear inzwischen selbst zur Business-Frau“ geworden ist, wie sie sagt. Immerhin bleibt durch den Verzicht auf eine große Organisation auch mehr in der Kasse, so dass sie zur Not einmal einen Einnahmeausfall ausgleichen kann. Sie nennt das Investieren in Glaubwürdigkeit“, denn sie wolle ihre Fans langfristig gewinnen. Dazu muss ich 100 Prozent authentisch bleiben“, sagt Clear. Aber warum strebt sie dann in große Hallen? Weil sie von ihrer Arbeit überzeugt ist, darf man aus der Antwort schließen: Das gehört auf eine große Bühne!“
Unterdessen steht dem Pop-Establishment der nächste Angriff der Graswurzel-Folk-Bewegung bevor. Ohne Plattenfirma in die Charts, lautet das Ziel, und zwar auf Anhieb unter die Top Ten“. Dazu hat Clear Tausende Anhänger gebeten, sich in einen E-Mail-Verteiler einzutragen. Wenn demnächst ihr neues Album Steh auf!“ erscheint, sollen sie in einer konzertierten Aktion die Single-Auskopplung eines Lieds kaufen, das entweder Die Zecken“ oder Zeckennation“ heißen wird. Darin geht es um das Abzocken“ von Managern und Politikern. Ich muss nichts erfinden, die Beispiele dafür sind ja täglich nachzulesen“, sagt Clear.
In die Hitparade
Wenn sich ihre Fans als treu erweisen, könnten sie die Sängerin tatsächlich in die Hitparade katapultieren. Dafür sind angesichts des geschrumpften Gesamtmarkts heutzutage deutlich weniger CD-Verkäufe nötig als in früheren Zeiten. Und Clear hätte die Plattenindustrie mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Ach ja: Einen Euro je CD will sie an den Bundesverband der Tafeln spenden.
Text: F.A.Z.
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Anspruch auf Hauptrolle und Regie
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