05. Mai 2006 Ganz langsam schiebt sich der Maikäfer aus dem warmen Sandboden. Benommen und geblendet von der Sonne kriecht er tapsig ans Licht. Minuten dauert es, bis er seine Flügel ausbreitet und zu seinem ersten Flug startet. Schnurstracks steuert der braune Brummer die nächste Eiche an, die gerade ihre frisch-grünen Blätter entfaltet hat, und beginnt zu fressen. In Südhessen sind Maikäfer zur Plage geworden, während sie im übrigen Deutschland eher selten sind.
Südlich von Darmstadt ist derzeit ein gigantisches Naturschauspiel zu beobachten: Millionen Wald-Maikäfer krabbeln innerhalb weniger Tage aus der Erde. Die warme Frühlingssonne hat den Boden aufgewärmt und den Käfern damit das Signal gegeben, ans Licht zu kommen. Alle vier Jahre fliegen die Käfer in Massen aus, für Südhessen ist es schon das sechste Maikäfer-Massenflugjahr. Auf 9000 Hektar - das entspricht einer Fläche von 18.000 Fußballfeldern - hat sich Melolontha hippocastani ausgebreitet. Das Gebiet reicht inzwischen von Darmstadt bis über die baden-württembergische Landesgrenze nach Mannheim - und jedes Jahr dringen die Käfer weiter vor.
Käfer leben nur etwa drei Wochen lang
Die jetzt ausfliegende Käfergeneration wurde vor vier Jahren angelegt: Aus befruchteten Maikäfereiern entwickelten sich Engerlinge und daraus schließlich die Käfer, die nun für kurze Zeit überirdisch leben, fressen und sich paaren. In etwa drei Wochen sterben sie, wenn die neue Brut in der Erde liegt.
Für Forstleute haben Maikäfer nichts Romantisches. Laubbäume im betroffenen Gebiet werden in den nächsten Wochen kahl gefressen, vor allem Eichen und Buchen steuern die Brummer an. Wenn dort nichts mehr zu holen ist, weichen sie auf andere Arten aus und verschmähen in größter Not sogar Kiefernnadeln nicht. Der Kahlfraß ist allerdings nicht das größte Problem, denn die Bäume bekommen Ende Juni mit dem Johannistrieb neue Blätter. Viel schlimmer sind die Schäden unter der Erdoberfläche: Die Engerlinge fressen die Feinwurzeln der Bäume. Sie zerstören damit den Nährstofftransport, die Bäume sterben schließlich ab.
Große Flächen drohen zu versteppen
Riesige Schäden haben die Maikäfer in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Südhessen angerichtet, große Flächen drohen zu versteppen. Schon heute ist der Wald in der betroffenen Region sichtbar geschädigt, auch wegen der Schadstoffeinträge aus der Luft, anderer Schädlinge und Grundwasserabsenkung. Neuanpflanzungen von Laubbäumen gibt es seit Jahren nicht, denn sie hätten keine Überlebenschance. Eine Bekämpfung der Käfer ist nicht möglich, weil es kein zugelassenes Mittel gibt. Zwar sind die eiweißreichen Insekten ein Festmahl für Fledermäuse und Vögel, und Wildschweine wühlen die Engerlinge aus dem Boden, aber auch wenn sie die Insekten tonnenweise vertilgen - es sind viel zu viele, sagt Horst Gossenauer-Marohn vom Landesbetrieb Hessenforst.
In diesem Jahr will die hessische Landesregierung auf 500 Hektar versuchsweise und mit wissenschaftlicher Begleitung der Biologischen Bundesanstalt (BBA) ein Pflanzenschutzmittel und Pilzsporen ausbringen. Die Sporen des Pilzes Beauveria brongniartii gehören zu den natürlichen Feinden der Käfer, sind aber nach Darstellung des Umweltministeriums für andere Insekten unschädlich. Als Ergänzung wird das Insektizid Neem-Azal versprüht, das auch gegen Kartoffelkäfer wirkt.
Naturschützer für ernsthaftes Gesamtkonzept
Naturschützer lehnen die Bekämpfung ab. Der BUND sieht in dem geplanten Versuch einen unausgegorenen Schnellschuß und fordert eine ganzheitliche Walderhaltungsstrategie. Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU) müsse endlich ein ernsthaftes Gesamtkonzept zur Stabilisierung der südhessischen Wälder vorlegen, statt plakativ mit der Giftspritze herumzuhantieren, fordert BUND-Vorstandssprecher Herwig Winter. Auch der Naturschutzbund (NABU) ist gegen eine Bekämpfung: Maikäfer seien in den südhessischen Wäldern heimisch, das Ökosystem sei auf die Tiere eingestellt.
Große Maikäferbestände brechen nach Darstellung des NABU normalerweise von selbst zusammen, wenn sie von Krankheiten befallen würden. Als Gründe für die immer wiederkehrende Plage ohne natürlichen Zusammenbruch nennt der NABU die Absenkung des Grundwassers und Fehler der Forstwirtschaft. Eine Bekämpfung könnte den natürlichen Zusammenbruch im übrigen sogar hinauszögern. Anzeichen, daß die Maikäfer in diesem Jahr schwächer sind als sonst oder gar von Krankheiten befallen, sehen die Forstexperten nicht. Es ist kein Zusammenbruch in Sicht, sagt Forstexperte Gossenauer- Marohn. Die Experten fürchten, daß es 2010 noch schlimmer kommt.
Text: dpa
Bildmaterial: AP
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