Verkehr

Verbundstoff statt Grauguss lässt die Züge flüstern

Für eine “physiologisch gefühlte Halbierung des Lärms“ ist nun auch die Bahn AG

Für eine "physiologisch gefühlte Halbierung des Lärms" ist nun auch die Bahn AG

02. April 2007 Verbundstoff statt Grauguss als Bremsklötze: Das ist das Rezept, mit dem die Deutsche Bahn AG den zunehmenden Forderungen nach mehr Lärmschutz entlang der Schiene begegnen will. Vor allem in dem im Jahr 2002 zum Unesco-Welterbe erhobenen Mittelrheintal mehren sich derzeit die Proteste von Kommunen und Bürgern gegen den wachsenden Lärm von immer mehr Güterzügen. Im Mittelrheintal und im Rheingau war dieser Protest noch gewachsen, nachdem die Bahn angekündigt hatte, die elektronische Ertüchtigung der rechtsrheinischen Strecke für eine Ausweitung des Gütertransports um bis zu 20 Prozent nutzen zu wollen.

Dass diese Proteste im Rheintal nicht ohne Wirkung geblieben sind und dass in Berlin die Sorgen inzwischen ernst genommen werden, las der rheinland-pfälzische Wirtschafts- und Verkehrsminister Hendrik Hering (SPD) gestern an der Teilnahme von Bahnchef Hartmut Mehdorn und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) an einer Fachtagung „Schienenlärm“ in Bingen ab.

Die „K-Sohle“

Höhepunkt war am Ende eine Demonstrationsfahrt der Bahn AG mit einem Zug, an den zwanzig Waggons angehängt waren – jeweils zehn mit der herkömmlichen Graugussbremse und mit der neuen, „K-Sohle“ genannten Verbundstoffbremse ausgestattet. Die subjektiv deutlich geringer empfundenen Vorbeifahrgeräusche der modernen Bremsvariante belegten die Messgeräte der Ingenieure: acht bis zehn Dezibel weniger durch die „K-Sohle“, was laut Bahn einer „physiologisch gefühlten Halbierung des Lärms“ entspricht.

Allerdings sind seit dem Jahr 2001 erst 3100 von insgesamt 135.000 Waggons der Bahn AG und anderer deutscher Transportunternehmen umgerüstet worden, was die Bahn mit den Kosten erklärt: 4500 Euro je Waggon summieren sich auf insgesamt rund 600 Millionen Euro Umrüstkosten, ohne dass der Bahn dabei ein wirtschaftlicher Vorteil entsteht. Weitere 285.000 Waggons, die auf dem 34000 Kilometer umfassenden Netz der Bahn AG unterwegs sind, gehören ausländischen oder privaten Bahnunternehmen.

Hilfe aus der Politik

Nun soll die Politik helfen: einerseits, indem sie über die EU-Kommission einen einheitlichen Standard bei der Ausstattung der Waggons vorschreibt, andererseits, indem die Bahn AG Geld aus dem Programm des Bundes zum Lärmschutz an bestehenden Eisenbahnstrecken für die Umrüstung von Waggons beantragen darf. Im Mittelrheintal, so Mehdorn, ist das Programm, mit dem bislang vorwiegend der Bau von Schallschutzwänden und der Einbau von Schallschutzfenstern gefördert werden, bis Ende 2008 ohnehin abgearbeitet. Die Bahn wolle ingesamt bis 2020 den Güterverkehrslärm halbieren.

Neue Waggons werden schon jetzt grundsätzlich mit der modernen Bremstechnik bestellt, doch haben Waggons eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten und eine Laufleistung von bis zu 500.000 Kilometern im Jahr. Die lärmminderte Wirkung der neuen K-Sohle besteht darin, dass sie – anders als die konventionellen Graugussbremssohlen – Schiene und Räder nicht aufrauht. Je glatter Schiene und Rad bleiben, desto besser der Kontakt und geräuschloser die Waggons.

Mehdorn und Tiefensee ließen gestern aber keinen Zweifel daran, dass die beiden Mittelrheinstrecken, über die täglich schon jetzt 330 Güter- und 280 Personenzüge abgewickelt werden, unerzichtbare Abschnitte der Verkehrsachse Rotterdam–Genua sind und der Verkehr auf ihnen noch zunehmen wird.

Text: F.A.Z., obo.
Bildmaterial: AP

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