10. Juli 2008 Sie kamen an dem Tag, als Fraport seine Anteilseigner eingeladen hatte. An einem warmen Sommertag Ende Mai, als sich ein Gewitter zusammenbraute, das aber gerade noch einmal am Kelsterbacher Wald vorüberzog. Während die Aktionäre in der Jahrhunderthalle den Zahlen lauschten, schlugen die Aktivisten unter den Bäumen ihre Zelte auf. Dort, wo die neue Landebahn gebaut werden soll. Sie bauten Plattformen in den Baumkronen und spannten Planen gegen den Regen. Sechs Wochen ist das her. Inzwischen sprechen viele nicht mehr von einem Camp, sondern nur noch vom Dorf“. Vielleicht, weil es besser klingt. Weil es ein wenig an die Zeiten des Kampfes gegen die Startbahn West erinnert. Oder aber weil ein Camp impliziert, dass irgendwann die Zelte abgebrochen werden. Und das wollen die Bewohner“ auf keinen Fall.
Öko-Nomaden mit großer Leidensfähigkeit
Es sind junge Menschen zwischen 20 und 30. Umweltaktivisten, Aussteiger, Rebellen, die auf der Suche nach einer neuen Aufgabe sind. Männer wie Peter. 21 Jahre alt, aus Berlin. Dass in Kelsterbach ein Nest des Widerstands“ errichtet werden soll, hat er aus dem Internet erfahren. Kelsterbach, diesen Ort kannte er nicht. Er klang nach Langeweile, nach einem durch und durch unaufgeregten Städtchen, das doch nur im Windschatten Frankfurts liegt. Dennoch packte der Schüler seinen Rucksack, stellte sich an die Straße und wartete, bis der nächste Lastwagen hielt. Nun lebt er hier, im Lager, der dürre Körper von Mücken zerstochen, die Haare verfilzt. Seine Füße sind schmutzig, kleine Erdklumpen haben sich zwischen seinen Zehen festgesetzt.
Er ist einer der Aktiven im Dorf“, hat das Lager ausgebaut. Äste gesammelt und Lehm angerührt und daraus eine Hütte errichtet, die auch dann noch stehen soll, wenn die ersten Bulldozer angerückt sind. Wissen Sie“, sagt er, wir sind hier alles friedliche Leute. Auf der Suche nach einer alternativen Lebensform.“ Seine Zeltnachbarn heißen Marco und Lisa. Die anderen Waldbesetzer kennt er nicht so gut, denn viele bleiben nur ein paar Tage, dann verschwinden sie wieder ins Nirgendwo. Ein Leben als Öko-Nomaden. Sie ziehen durch das Land, besetzen Genfelder, Wälder, fahren nach Gorleben und protestieren gegen den Atommülltransport. Peter will im Dorf“ bleiben, zumindest bis nach den Sommerferien, wenn die Schule wieder beginnt. Einmal ist er schon durch das Abitur gefallen. Noch mal zu wiederholen, dazu habe ich keine Lust.“
Sponsored by Kelsterbach“ - Die Anwohner solidarisieren sich
An diesem Abend ist es ruhig im Kelsterbacher Wald. Weil der Boden knochentrocken ist und das Laub verwelkt, knistert es bei jedem Schritt. Vom Mönchwaldsee dringt Geplätscher herüber. Es sind späte Schwimmer, die den See nutzen, solange die Landebahn noch nicht gebaut worden ist. Auch die Waldbesetzer gehen dort schwimmen. Mit Öko-Duschgel, das ist biologisch abbaubar, wie Peter sagt. Zum Haarewaschen fährt er nach Kelsterbach. Dort hat ein Unterstützer“ seine Wohnung zum Duschen und Wäschewaschen zur Verfügung gestellt. Und Peter sagt, ab und zu eine warme Dusche sei auch mal schön.
Die Gruppe sitzt um einen Biertisch in der Küche“ herum. Eine Anrichte, eine Theke, ein Gewürzregal – alles aus Fallholz gebaut. Seit diesem Morgen gibt es auch ein Regal für Lebensmittel und Geschirr, das Lisa aus alten Holzkisten gezimmert hat. Auf einem Tisch liegen Pfefferminztee-Packungen, getrocknete Bohnen, Fruchtaufstriche und Brot. Auf der Theke steht ein Gaskocher, den ein Anwohner aus Kelsterbach vorbeigebracht hat. Darauf ein Topf mit Kohlrabi, denn die Waldbesetzer leben vegan. Neben der Küche haben sie unter einer weißen Lastwagenplane eine Versammlungsstätte aufgebaut, mit einem Sofa und einem kleinen Tisch, auf dem eine Vase mit Wiesenblumen seht. Ebenfalls sponsored by Kelsterbach“, sagt ein Aktivist, zeigt auf die Möbel. Im Ernst, die Leute bringen uns alles vorbei, was man so zum Leben braucht.“
Fanpost für die Waldbesetzer
Das normale“ Leben eines Waldbesetzers fängt beim Briefträger an. Ein gebürtiger Kelsterbacher, der den Protest der jungen Leute unterstützt. Als vor einigen Tagen der Briefkasten gestohlen wurde, den die Gruppe am Ende des Weges nahe der Hauptstraße aufgestellt hatte, kam der Bote jeden Tag die 800 Meter in den Wald spaziert. Jungs“, sagte er dann mit schelmischem Blick, jeden Tag machen kann ich das aber nicht.“ Also haben die Jungs einen neuen Briefkasten besorgt, ihn bunt angemalt und ihn dorthin gehängt, wo der alte war. Wahrscheinlich wäre der Briefträger auch ohne neuen Kasten weiterhin jeden Tag gekommen. Denn den Waldbesetzern die Fanpost“ zu überreichen war auch für ihn etwas Besonderes.
Die Postkarten an der Pinwand werden täglich mehr, sie sind kreuz und quer aufgehängt. Hallo, Ihr WaldbesetzerInnen“, schreibt Jossy aus Norddeutschland, die von der Aktion aus dem Internet erfahren hat. Tolles Signal, and the show must go on.“
Die Show allerdings hat für viele noch gar nicht begonnen. Das wird erst sein, wenn die Rodung beginnt und das Lager geräumt werden soll. Noch haben wir Schonfrist“, sagt Peter, während er sich seinen mückenzerstochenen Körper kratzt. Wenn geräumt werden soll, ist er womöglich schon wieder in Berlin. Er sagt: Dann komme ich halt zurück.“ Seine Lehrer seien Alt-Achtundsechziger. Die verstehen das.
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Tägliches Training für den Ernstfall
Die Waldbesetzer sagen, sie hätten die Zusicherung der Polizei. Sie würden Bescheid geben, bevor sie das Lager räumten. Einige Aktivisten glauben daran, sind fast erstaunt, dass sich die Polizei so nachsichtig zeigt. Andere sagen, die Polizei komme bestimmt irgendwann in der Nacht. Auf die Erklärungen des Flughafenbetreibers, man habe überhaupt kein Interesse an einer Eskalation, die Besetzer störten in den nächsten Monaten bei der Vermessung und Untersuchung des Geländes nicht, gibt man im Dorf“ nichts. Die Besetzer schlafen in den Bäumen. Damit wir vorbereitet sind.“
Die Gruppe hat eine Art Alarmsystem. Jene, die unten schlafen, geben Signal, wenn Unerwartetes geschieht. Die oben bereiten sich auf eine Kletterjagd mit den Eindringlingen“ vor. Etwa zwei Wochen könnten sie in den Bäumen überleben, sagen sie. Sie haben dort Trinkwasser, Nahrung und Kleidung deponiert. Und sie trainieren jeden Tag. Klettern die Bäume hoch, seilen sich ab. Kennen inzwischen jeden Ast, der ihnen Halt bieten kann. Manche hier sind Profis“, sagt Peter. Er selbst würde sich an den Baum ketten, damit der Wald erhalten bleibt.
Plädoyer für Gewaltlosigkeit: Ruhm brauchen wir nicht“
In solchen Momenten, wenn sie über ihre Taktiken sprechen, werden die Besetzer ruhig. Als spielten sie die Szenen im Geiste durch. Dass wir vorbereitet sind, ist wichtig“, sagen sie. Denn darum geht es ja.“ In der Nähe der Versammlungsstätte hängt ein riesiges Plakat mit einem Stundenplan. Offene Uni im BesetzerInnen Camp“ steht darauf. Angeboten wird unter anderem Direct Action“, als Erklärung steht dahinter: Widerstand im Alltag, der sich nicht auf die vorgegebenen Spielregeln begrenzt“.
Diese Spielregeln kennen die meisten der Besetzer nur zu gut. Vor einigen Jahren wurde Peter bei einer Demonstration eingekesselt. Und auch das war nicht seine erste Erfahrung mit der Polizei, wie er sagt. Dennoch beteuern die Waldbesetzer, dass niemand von ihnen gewalttätig sei. Nicht so wie damals bei der Startbahn West. Wir wollen einfach nur die Bäume schützen. Ruhm oder so was brauchen wir nicht.“
Erinnerungen an die Zeit des Protests gegen die Startbahn West
Die damaligen Zeiten kennen sie nur aus Erzählungen, denn die meisten von ihnen waren noch Kinder, als der Widerstand an der Startbahn 18 wütete. Zeitzeugen haben sie im Lager genug. Sascha Friebe kommt fast jeden Tag zu Besuch, er hatte damals das Hüttendorf mit aufgebaut. Er sitzt auf einer Bierbank, raucht selbstgedrehte Zigaretten und sagt Sätze wie: Eigentlich müssten wir viel mehr Menschen mobilisieren. Aber wir sind auf einem guten Weg.“ Dass der Protest ähnliche Ausmaße annehmen könnte wie damals, glaubt er nicht. Aber dafür haben wir diesmal mit den rechtlichen Möglichkeiten die bessere Ausgangsposition.“
Als Nachfolger der damaligen Öko-Bewegung sehen sich Peter, Marco und Lisa nicht. Früher war das ja so eine Art feste Gemeinschaft“, sagt Peter. Wir aber sind in erster Linie Individuen, die zufällig gemeinsam gegen die gleiche Sache sind.“ Dabei haben fast alle ähnliche Lebensläufe. Kommen aus gutbürgerlichen Familien, haben aber irgendwann beschlossen, dass sie nicht so leben wollten wie ihre Eltern. Marco sagt, sein Vater sei morgens um sieben aus dem Haus gegangen, abends um neun heimgekommen, habe sich ein Bier aufgemacht und vor den Fernseher gesetzt. Irgendwann habe ich gewusst, dass das nicht mein Leben ist.“ Er zog in ein Öko-Dorf. Heute sagt er, dass das autarke Leben etwas Wunderbares sei, wenn der Mensch überhaupt nicht mehr von der globalen Wirtschaft abhängig ist“. Auch Peter zog schon als Teenager von zu Hause aus. Er lebt in einer Kommune in Berlin, in der es keine privaten Zimmer gibt und jeder so viel Miete zahlt, wie er will.
Proviant vom Öko-Bauern
Kurz vor Sonnenuntergang kommt Klaus, ein Öko-Bauer aus der Nähe von Rüsselsheim. Auch er will die neue Landebahn nicht, weil ihm die Kunden wegliefen mit der Begründung, so richtig öko“ sei sein Gemüse ja bei dem ganzen Kerosin nicht mehr. Er bringt zwei Blumenkohl und eine Stange Lauch, stellt die Kiste neben dem neuen Regal in der Küche ab. Die Kerle brauchen doch was zu essen“, sagt er dann. Ein wenig ausharren müssen die ja noch.“
Es wird dunkel im Dorf. Solarlampen gehen an, beleuchten den Weg zum Kompost-Klo. Keiner der Waldbesetzer weiß, wie es morgen weitergeht. Keiner weiß, ob nicht dann der Bescheid kommt, der Wald werde geräumt. Wir leben von einem Tag zum anderen“, sagt Peter. Was anderes übrig bleibt uns ja nicht.“ Vielleicht wird er diese Nacht ausnahmsweise unten schlafen, in seiner neuen Hütte aus Lehm.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cornelia Sick, Michael Kretzer