Von Inka Wichmann
11. April 2007 Kartoffeln und Zwiebeln baut Landwirt Hartwig Jourdan bald nicht mehr an, dafür aber Mais und Roggen. Denn mit diesen Getreidesorten wird er die Biogasanlage betreiben, die von Mai an auf seinem Hof im Darmstädter Stadtteil Wixhausen entsteht. Die Heag Südhessische Energie AG (HSE) errichtet die Anlage, die voraussichtlich Ende des Jahres die Arbeit aufnimmt. Sobald sie in Betrieb geht, speist die HSE als erstes Energieunternehmen in Hessen Biogas in das gewöhnliche Erdgasnetz ein.
Den entsprechenden Vertrag haben Jourdan und Albert Filbert, Vorstandsvorsitzender der HSE, unterzeichnet. Erster Gratulant in der Scheune an der Wolfsgartenallee war der hessische Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU): Das Projekt trage dazu bei, den Bioanteil am Energieverbrauch in Hessen zu steigern, sagte er. Dietzel sprach von einem Durchbruch“, weil gleichzeitig Strom und Wärme genutzt würden. Bei herkömmlichen Biogasanlagen gehe dagegen ein Großteil der Wärme verloren.
Biogas rückt an die erste Stelle
3,5 Millionen Euro investiert HSE in den Bioreaktor, das Gärrestelager und die Gasaufbereitung. Die Anlage soll dafür aus organischen Stoffen – neben Silomais und Roggenschrot handelt es sich um Schweinegülle – 2,5 Millionen Kubikmeter Biogas im Jahr liefern. Eine solche Menge reicht aus, um ein Neubaugebiet mit rund 650 Häusern zu versorgen. Dabei würden jährlich fast 3500 Tonnen Kohlendioxid eingespart, so Filbert.
Der Beitrag zum Umweltschutz“ sei aber nicht der einzige Vorteil der Anlage: Wir sammeln Erfahrungen und Kenntnisse, wie die Energieversorgung von morgen aussehen wird.“ Das Unternehmen setze auf erneuerbare Energien. Weil das Potential von Wasserkraft und Windenergie in Südhessen weitgehend ausgeschöpft sei, rücke Biogas an die erste Stelle“. Deshalb soll es laut Filbert nicht nur bei dem Wixhausener Projekt bleiben.
Insgesamt will die HSE in der Region zehn Millionen Euro in die Energieerzeugung aus Biogas und Biomasse stecken. Im Rahmen des sogenannten Aktionsprogramms Bioenergie sind zunächst vier bis fünf weitere Anlagen geplant. Für dieses Vorhaben gibt es noch keinen Zeitplan. Fest steht allerdings: Auch in diesen Fällen möchte das Unternehmen wieder mit Landwirten zusammenarbeiten und langfristige Verträge für die Lieferung von Biomasse schließen.
Auf der Suche nach neuen Einkommensquellen
Über diese Entscheidung zeigte Dietzel sich froh. Schließlich verfolge die Landesregierung das Ziel, den Anteil regenerativer Energien bei der Energieerzeugung“ in den kommenden Jahren erheblich zu erhöhen, sagte er. Spätestens 2015 sollten es 15 Prozent sein. Das könne nur mit Hilfe von Biogasanlagen gelingen.
Dass Bioenergie nicht nur dem Klima, sondern auch der Landwirtschaft dient, machte Hartwig Jourdan deutlich. Bislang hatte er überwiegend Kartoffeln, Zwiebeln und auch Zuckerrüben geerntet. Doch gegen die Kartoffeln sprach der schwierige Sandboden, gegen die Zwiebel die südamerikanischen Importe und gegen die Zuckerrübe der Preisverfall um 30 Prozent. Deshalb war er auf der Suche nach neuen Einkommensquellen.
Bioenergien haben ihn früh gereizt, doch allein hätte er den Bau einer Anlage nicht bewerkstelligen können. Das Angebot der HSE kam ihm deswegen sehr zupass, wie er sagt: Früher habe ich Supermärkte beliefert, jetzt eben ein Energieunternehmen.“ Und das ist ihm auch wegen der langen Vertragslaufzeit von mehr als zehn Jahren keineswegs unrecht. Und eine kleine Parzelle für den Zwiebelanbau wird er womöglich trotzdem behalten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa