04. Dezember 2005 Von der 125 Jahre alten Rundbogenbrücke aus Sandstein sind nur noch Stücke des Fundaments im Sand zu sehen, die Überreste bilden einen gewaltigen Steinhaufen. Bereits in der Nacht zum Freitag hatten die Arbeiter der Firma Himmel und Papesch die alte Brücke, die nach Aussagen der Deutschen Bahn baufällig war, abgerissen.
Jetzt, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, soll die neue Konstruktion, die vor vier Wochen fertiggestellt wurde, an ihre Stelle gesetzt werden. Doch dafür muß der Stahlbetonkoloß noch 15 Meter auf Schienen bewegt werden. Um Mitternacht soll die Brücke ihren endgültigen Platz einnehmen. Dann wird von ihrer Vorgängerin lediglich noch ein Schild übrig sein, das ein Bauarbeiter spaßeshalber auf die neue Brücke gestellt hat. Es warnt vor der geringen Durchfahrtshöhe: Nur 3,90 Meter. Die wird dann allerdings schon auf 4,70 Meter erhöht sein. Zudem wird der Durchlaß von vier auf 9,50 Meter verbreitert, ein Fußweg und ein Radweg werden geschaffen.
Daryoush Amirzadeh Asl, leitender Bauüberwacher der Deutschen Bahn, ist vor Beginn der Verschiebung noch frohen Mutes. An Probleme glaubt er nicht, "Wir haben bereits erfolgreich einen Probeversuch gemacht", sagt er. Er ist zu Scherzen aufgelegt: Man habe überlegt, ob man für die Schaulustigen nicht einen Glühweinstand errichten sollte.
Das das nicht nötig ist, weiß er nicht - der Harreshäuser Harald Weidler und seine Freunde haben vor der Absperrung schon einen Grill und Gasheizer aufgestellt, lassen es sich bei Glühwein und Würstchen gutgehen. "Just for Fun", sagt Weidler, "Die Harreshäuser feiern halt gerne." Von der nächtlichen Brückenverschiebung erwartet er sich ein einmaliges Erlebnis. Der alten Brücke trauert er nicht nach.
Andere, die in dieser Nacht zuschauen, tun das schon. Christian Funk zum Beispiel war Mitstreiter einer Initiative, die sich für den Erhalt der alten Brücke einsetzte. Sie sammelten Unterschriften, schalteten den Denkmalschutz und den Bund der Steuerzahler ein. Das 900 000 Euro teure Projekt - die Kosten tragen zu 60 Prozent der Landkreis Darmstadt-Dieburg und zu 40 Prozent die Deutsche Bahn - konnten sie nicht stoppen. "Ein Industriedenkmal wurde gestern Nacht zerstört." Funk klingt resigniert.
Auf der Baustelle laufen mittlerweile die letzten Vorbereitungen. Die Schienen werden fixiert und eingefettet. Polier Karsten Gilbert sieht den Arbeiten entspannt zu. "In vier Stunden sind wir mit dem Verrücken fertig", sagt er. Die Brücke ist für ihn eine Kleinigkeit. Als sie vor drei Jahren einen Tunnel unter der A5 verlegt haben, das war etwas ganz anderes.
Um 19.40 Uhr ist es soweit: Schlosser Ulrich Linhose betätigt die Steuerung der beiden hydraulischen Pressen, die die Brücke anschieben sollen. Kaum merklich bewegen sich die 830 Tonnen - 70 Tonnen Schotter liegen bereits auf der Brücke - vorwärts, langsam Millimeter für Millimeter, unter lauten Geknirsche des unter der Brücke befindlichen Styropors und Holzes. Mike Lingner kniet in der mannshohen Grube, mißt mit einem Zollstock die Entfernung. "zehn, 15, 20", ruft er seinem Kollegen Linhose zu. Es scheint alles zu funktionieren.
Doch eine halbe Stunde und 50 Zentimeter später ertönt ein Knall: Die Schweißnaht eines Stahlträgers ist gerissen, eine Presse seitlich weggebrochen. Die Schaulustigen bekommen nichts mit, , kaum einer hat bemerkt, daß sich die Brücke bewegt hat. "Geht es denn schon los", rufen sie.
Funk und ein Freund sind die ersten Zuschauer, die es wagen, die Baustelle zu betreten. Sie wollen den Arbeitern etwas zu essen anbieten: "Wenn die die Nacht durchschuften, können sie doch ruhig mal eine Wurst essen." Sie wissen nicht, daß es im Bauwagen Gulaschsuppe und Schnitzel gibt. Immer mehr Menschen kommen auf die Baustelle, laufen zwischen den Maschinen umher. Lingner ist nicht wohl bei dem Anblick der vielen Menschen. "Das ist zu gefährlich." Doch die Gefahr ist den neugierigen Besucher egal. "Wir sind mutig", lacht ein Vater und sein elfjähriger Sohn fügt begeistert hinzu: "Das macht hier voll den coolen Beat."
Doch so "cool" läuft es nicht. Die Reibung ist größer als erwartet, die Brücke schiebt sich langsamer als gedacht vorwärts. Dann beginnt es auch noch zu regnen. Doch den Arbeitern ist das ganz recht, denn den Zuschauern wird es zu kalt und zu ungemütlich. Um Mitternacht sind nur noch elf Mann bei der Arbeit. Unter ihnen ist Markus Möslein. Er ist schon seit zehn Uhr morgens hier, weigert sich zu gehen. "Das ist meine Baustelle", sagt er, will wissen woran es liegt, daß die Arbeit so langsam vorankommt, warum erst sechs Meter geschafft sind.
Nicht alle, die nichts tun müssen, sind heimgegangen. Einer der Zuschauer ist auch um halb zwei noch da. Helmut Herdt hat sich seit 1972 für eine neue Brücke eingesetzt. Nun feuert die Arbeiter an. Doch es nützt nichts, das Holz unter der Betonkonstruktion hat sich verkantet. Fünfeinhalb Stunden später ist Herdt und sind die Bahn-Arbeiter am Ziel. Sieben Uhr ist es, als die Brücke endlich den vorgesehen Standort erreicht.
Philip Eppelsheim, F.A.Z. vom 5. Dezember 2005