„Open Ohr Festival“

Blätteresser und Müßiggänger

Von Markus Schug

12. Mai 2008 Kundenkartenbesitzer zieht es erfahrungsgemäß nicht gerade zum „Open Ohr Festival“ nach Mainz. Und daran konnte selbst das für dieses Jahr gewählte Motto „Geld, Gut, Güter – Von Konsum und anderen Notwendigkeiten“ nicht viel ändern. Nur drei von 30 Befragten zwischen neun und 50 Jahren vermochten bei einer allerdings nicht repräsentativen Erhebung auf dem Gelände eines jener Plastikkärtchen aus der Tasche zu ziehen, für die Supermärkte und Kaufhäuser mit großartigen Sparversprechen und aufwendigen Werbekampagnen möglichst viele, noch dazu möglichst „gläserne“ Stammkunden zu gewinnen versuchen. Rund 90 Prozent der aus ganz Deutschland angereisten Festivalbesucher behaupteten dagegen, weder auf Kundenkarten noch auf Markenartikel gesteigerten Wert zu legen.

Schon gar nicht beim „Open Ohr“, das seine Besucher stets an Pfingsten und bereits seit mehr als drei Jahrzehnten zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen herausfordert: Konsumsucht und Einkaufsrausch, Klingeltöneterror und Markenwahn, Markt und Moral – das waren nur einige der Themen, für die sich die Freie Projektgruppe, die für das vier Tage dauernde Programm verantwortlich zeichnet, die passenden Referenten gesucht hatte. Dabei ging es zugegebenermaßen nicht immer so unterhaltsam zu wie beim Meinungsaustausch zwischen dem Organisator des „Schnitzelkönig Contest 2008“, Ex-Vegetarier Jim Brutto, und Chris Baumann, der als überzeugter Blätteresser und Nussspezialist vor das interessierte Publikum getreten war.

„Gedeckelter“ Künstleretat

Neben vielen weiteren Diskussionsrunden, für die erfreulicherweise in diesem Jahr sogar mal wieder die Hauptbühne zur Verfügung stand, gehörten beim Pfingstwochenende in der Zitadelle wieder einmal Musik, Theater, Lesungen, Filme und Kabarett zum Kultur-Angebot, das zumindest am späteren Abend gänzlich ohne schlechtes Gewissen einfach nur „konsumiert“ werden durfte. Allerdings erlaubt ein seit Jahren „gedeckelter“ Künstleretat von 55.000 Euro angesichts gestiegener Kosten rund um die Auftritte längst schon keine viertägige Vollversorgung des Publikums mehr.

Für Müßiggang blieb zwischen Freitag und Montag somit genügend Zeit – ob im Kaffeezelt, bei Jonglage-Übungen auf der Wiese oder aber beim Probeliegen in einer der für rund 75 Euro feilgebotenen Hängematten im Bambusgestell. Über die künftige Finanzierung des Jugendfestivals werde sicher noch zu reden sein, räumte Kurt Merkator (SPD) ein, der als Mainzer Sozial- und Finanzdezernent womöglich zunächst ein längeres Selbstgespräch führen muss. Momentan beteilige sich die Stadt mit personeller und logistischer Unterstützung an der Veranstaltung, für die man außerdem seit Jahren eine Ausfallbürgschaft übernommen habe.

Hoher Bierpreis sorgt für Verstimmung

In Anbetracht des außergewöhnlich guten Pfingstwetters und einer seit Jahren nicht mehr erlebten Rekordkulisse von schätzungsweise mehr als 7000 Besuchern dürfte sich das „Open Ohr 2008“ zur Freude der Organisatoren aller Voraussicht nach „gerechnet“ haben. Mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen wurde dennoch auch dieses Mal nicht gespart: Für Verärgerung sorgten etwa die bisweilen langen Schlangen an der Kasse, aber auch der massive Einsatz von Absperrgittern an der Hauptwiese, die ungewöhnlich scharfen Einlasskontrollen, bei denen die Taschen und Rucksäcke vor allem auf mitgebrachte Getränke hin untersucht wurden, sowie nicht zuletzt ein Bierpreis von 2,50 Euro für den 0,3-Liter-Plastikbecher, was für ein Jugendfestival „schon ganz ordentlich“ sei.

Dass man selbst bei einem Festival der „Alternativ-Szene“ nah dran sein sollte am Kunden, haben jene Standbetreiber bewiesen, deren „Dinnele“ für 3,50 Euro schon heute „der Renner“ sind. Mit einer Umfrage rund um den eigenen Backofen wollten sie von ihren Kunden wissen, ob eine Umstellung auf „100 Prozent Bio“ denn überhaupt gewünscht sei; und ob die dann unvermeidliche leichte Preiserhöhung im nächsten Jahr von den „Open Ohr“-Besuchern denn auch ohne Klagen akzeptiert werde?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

 
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