Schule

Von Null auf Master bis Oktober: Reform der Lehrerausbildung

Von Eva-Maria Magel

Neue Lehrerausbildung: Mehr Didaktik statt Fachwissenschaft

Neue Lehrerausbildung: Mehr Didaktik statt Fachwissenschaft

28. Juni 2005 Aufgeschreckt von diversen Studien, deren bekannteste Pisa sein dürfte, arbeiten alle Bundesländer an Reformen in der Lehrerbildung - mit Schwerpunkten und Zielsetzungen, die nicht immer miteinander vereinbar sind. Auch in Hessen und Rheinland-Pfalz gibt es neue Gesetze und Verordnungen sowohl was die Ausbildung von künftigen Lehrern an Hochschulen als auch an Schulen angeht. Mit den neuen Gesetzen kamen neue Strukturen: die Zentren für Lehrerbildung, die auf der nächsten Hochschulseite vorgestellt werden.

Nach jahrelangen Reformdebatten soll nun alles sehr schnell gehen: Die ersten grundlegenden Änderungen wird es zum Wintersemester geben - viele davon sind umstritten. Zudem wird kaum eine Hochschule imstande sein, bis dahin alle geforderten Vorgaben einzulösen. Wie bei den Bachelor- und Masterstudiengängen heißt das Zauberwort „Modularisierung“: In den unterschiedlichen Studienphasen sollen bestimmte Leistungen erbracht werden, die nach einem Kreditpunktesystem bewertet werden.

„Master Lehramt“ statt Staatsexamen

Eine bestimmte Menge an Punkten ist schließlich vonnöten, um zum Abschluß zu gelangen - in Hessen weiterhin mit einem Staatsexamen, in Rheinland-Pfalz von 2008 an mit einem Bachelor oder „Master Lehramt“, denn dort wird das Staatsexamen abgeschafft. Dabei werden Teile der Abschlußprüfung schon im Studium abgeleistet. In Rheinland-Pfalz wird das zu einer Verlängerung der Regelstudienzeit um ein Semester führen, dafür aber verkürzt sich das Referendariat entsprechend.

Vor allem die sogenannten Grund- oder Bildungswissenschaften, derzeit allenthalben als Schlüssel zur Bildungsreform gehandelt, sowie die Fachdidaktiken sollen in den neuen Studiengängen gestärkt werden. Das stößt nicht bei allen auf Zustimmung: Befürchtet wird eine Verringerung der Fachkompetenz der künftigen Lehrer. Schon heute sei die Kenntnis eines Faches in seiner gesamten Breite kaum mehr sicherzustellen, heißt es an den Hochschulen.

Negative Folgen für Haupt- und Lehrschullehrer?

Im Hinblick auf die nun in Hessen eingeführte Modularisierung wird vor allem eine Ausdünnung der Fachkenntnis der Lehrer an Grund-, Haupt- und Realschulen befürchtet. Auch der Studienwechsel wirft Fragen auf: Die neuen Module müssen unter den Hochschulen eines Landes anerkannt werden - der Studienortwechsel wird so erheblich erschwert. Und wer im Studium vom Lehramt zu einem „wissenschaftlichen“ Fach wechseln möchte, muß zumindest einiges nachholen; auch eine Promotion von Lehramtskandidaten in einer Fachwissenschaft sei, so befürchten viele, kaum mehr möglich.

Denn das neue Hessische Lehrerbildungsgesetz und die zugehörige Verordnung sehen vor, daß je 60 Punkte für die Fachdidaktik und 60 Punkte für die sogenannten Grundwissenschaften, also Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften, erworben werden müssen. Der Abschluß für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen erfordert insgesamt 180, die übrigen Lehrämter, also etwa das Lehramt an Gymnasien, 240 Punkte. Für einen Punkt müssen 30 Arbeitsstunden innerhalb und außerhalb der Lehrangebote erbracht werden - zum Teil eine erhebliche Leistungssteigerung. Studentenvertreter bemängeln nicht nur die Verschulung der Strukturen, sondern auch, daß dabei nicht berücksichtigt wurde, wieviel Studenten auf einen Nebenjob angewiesen seien. Insgesamt sind 1800 Arbeitsstunden im Jahr veranschlagt, vorlesungsfreie Zeit inklusive.

Modularisierung der „Bildungswissenschaften“

Die Hochschulen müssen sich beeilen. In Mainz, wo derzeit rund 4000 Lehramtsstudenten eingeschrieben sind, soll es nach Auskunft des Vizepräsidenten für Studium und Lehre, Jürgen Oldenstein, der auch der Geschäftsführer des Zentrums für Lehrerbildung ist, zunächst bei der neu eingeführten Modularisierung der „Bildungswissenschaften“ bleiben. Die restlichen Curricula würden im Lauf des Jahres erstellt, sagt er zuversichtlich. Dabei werde bei der Erarbeitung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge das Lehramt „mitgedacht“.

In Hessen hasten die Fachbereiche derzeit durch die Modularisierung zumindest der ersten Semester - parallel zur Erarbeitung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Der Unmut an den Hochschulen ist groß. Selbst an Universitäten, die sich selbst in der Lehrerbildung recht gut aufgestellt sehen, wie etwa Kassel, spricht man von einem „abenteuerlichen Zeitplan“ der Ministerien und einer „Hauruck-Atmosphäre“. Der Grund: Zwar lag das in Abstimmung von Kultus- und Wissenschaftsminister erarbeitete Lehrerbildungsgesetz Ende 2004 vor - die entsprechende Verordnung jedoch, welche die genauen Vorgaben für die Modularisierungen enthält, gab es nach etlichen Veränderungen erst im März.

Mit Prüfungsordnungen spät dran

Die Schwierigkeit liegt nicht nur in der Erarbeitung der Curricula selbst, die in der Praxis weniger Unterschiede zu den bisherigen Lehrangeboten aufweisen, als es der Gesetzestext vermuten läßt. Unter verschiedenen Dachtiteln etwa wird die Anglistik der Universität Frankfurt nach Auskunft von Studiendekan Jürgen Quetz ihr Lehrangebot zusammenfassen, auch die Durchlässigkeit zwischen Lehramts- und Magisterangebot bleibt hier wie bei den meisten Fachbereichen gewahrt.

Doch auch neue Studienordnungen müssen erstellt und vor allem genehmigt werden, was viel Zeit kostet. Darauf soll das Ministerium hingewiesen worden sein. Doch der Zeitplan, die Modularisierung zum Wintersemester verbindlich einzuführen, blieb bestehen. Viele Neuankömmlinge an hessischen Universitäten, so auch in Frankfurt, wo rund 5500 Lehramtsstudenten aller Schularten eingeschrieben sind, werden sich also darein fügen müssen, ihr Studium in einer rechtlich ungeklärten Situation, also ohne gültige Studienordnung, beginnen zu müssen. In Kassel sollen die neuen Prüfungsordnungen Anfang des Wintersemesters vorliegen. Deutlich länger, so wird vermutet, wird es in Frankfurt dauern: Dort will das Zentrum für Lehrerbildung eine zentrale Studien- und Prüfungsordnung aller Lehramtsstudiengänge erarbeiten. Bis dahin werden Übergangslösungen nötig sein - und viel Beratung für die Erstsemester.

Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 50
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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