Ledermuseum Offenbach

„Leder trägt man nie ganz unschuldig“

Von Anton Jakob Weinberger

24. April 2008 Eine Korsage der Modeschöpferin Vivienne Westwood, der Blouson einer Frankfurter Punkerin, ein schwarzer Mantel, wie er zum Schrecken verbreitenden Erkennungszeichen der Gestapo im Dritten Reich wurde: Mit seiner Sonderausstellung „Macht Leder Lust“ führt das Deutsche Ledermuseum die „offenen und verborgenen Codes“ vor, die der Lederkleidung seit Beginn des 20.Jahrhunderts eingeprägt sind. Kuratorin Rosita Nenno hat in mehrjähriger Forschungsarbeit den Metamorphosen der aus Leder gefertigten Kleidung nachgespürt. Nenno zieht den Schluss: „Leder, unsere zweite Haut, trägt man nie ganz unschuldig.“

Doch die Ausstellung provoziert nicht allein Nachdenken über den Wandel, den ein Urstoff, die Tierhaut, als Mittel des kulturellen Selbstausdrucks der Menschen durchlaufen hat. Erstaunlich ist, dass die Schau überhaupt präsentiert werden kann: Das 1917 gegründete Deutsche Ledermuseum - als Spezialmuseum eine Institution mit Weltgeltung - verfügt weder über einen nennenswerten Etat für Sonderausstellungen noch für Werbung.
Dem Besucher erwarten bei der jüngsten Ausstellung 50Exponate, die meist aus dem Museumsfundus stammen und durch Objekte aus zwei Privatsammlungen ergänzt wurden. Künstlerische Fotografien, Hör- und Bildstationen komplettieren das Zeitmosaik.

Gestus des Rebellischen

Die Ausstellungsstücke sind, wie Nenno erläutert, so arrangiert, dass sie Einblicke in Lebenswelten und kulturelle Milieus gewähren. Das umfasst die Ledertracht als eine traditionelle Kleidung des Mannes über den Schutz, den Leder bei der Arbeit oder im offenen Auto vor Kälte, Wind und Regen bietet, wie die Lederkleidung als Ausweis echter oder vermeintlicher Helden, etwa beim „Roten Baron“ Manfred Freiherr von Richthofen. Der Gestus des Rebellischen äußerte sich in den fünfziger Jahren bei Filmschauspielern wie Marlon Brando in einer Motorradkluft aus Leder, nicht anders als Jahrzehnte später bei Punks, „Gothics“ und „Grufties“. Das Museum scheut nicht, Springerstiefel zu zeigen, wie sie auch Neonazis tragen - und als Widerpart eine Lederjacke mit „Anti-Nazi-Parole“ am Ärmel. Bis heute als Schutzhaut unersetzlich ist für „Biker“ die Lederkluft, die in der Ausstellung in vielen Variationen zu sehen ist.

Welche exklusiven und erotischen Kreationen in der Pariser Haute Couture aus Leder geschaffen wurden, führt das Museum am Beispiel der Modelle von Gucci, Dior und Versace vor. In einem Séparée ist schließlich die „S/M-Szene“ präsent, sei es jene von Lesben oder die schwuler Männer, die für ihre Rollenspiele Gewänder und Accessoires aus Leder vorziehen.
Ein „Medienpaket“ vervollständig die Schau: Dem in deutscher und englischer Sprache geschriebenen Katalog ist eine CD beigegeben mit dem Titel „Lustbarkeiten“. Die Texte wurden von dem Schriftsteller Bernd Aretz zusammengestellt. Die Obertshausener Lederwarenfirma Picard hat zudem in limitierter Stückzahl rote Lack- und schwarze Ledermappen gefertigt, die zum Kauf angeboten werden.

Filmvorführungen, Lesungen, Vorträge

Das Begleitprogramm der bis 16. November präsentierten Ausstellung umfasst Filmvorführungen, Lesungen, Vorträge und einen Aktionstag, bei dem historische Harley-Davidson-Modelle zu sehen sind. Als ein Programmhöhepunkt gilt die Aufführung des Werks von Gerhard Rühm „Masoch - eine rituelle Rezitation“, das bei der Ausstellungseröffnung heute Abend in Anwesenheit des Künstlers um 20.30Uhr unter Leitung von Theresa Buschmann zu hören sein wird.

Dass die Sonderausstellung eine enorme Anstrengung des Museums darstellt, steht für dessen Leiter Christian Rathke außer Frage. Das Museum muss, wie Rathke sagt, „Drittmittel hereinholen oder auf solche Ausstellungen verzichten“. Finanziert wurde die jetzige Schau, die etwa 50000 Euro kostet, durch Spenden, vor allem der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie der Kulturstiftung Sparkasse Offenbach. Ohnehin erwirtschaftet das Museum ein Viertel seines mehr als eine Million Euro umfassenden Etats selbst. Das Land Hessen steuert 170.000 Euro bei, die Stadt zirka 750.000 Euro, der Kreis Offenbach 30.000 Euro.

Erweiterung ein nicht enden wollender Hindernislauf

Seit 1922 hat das Museum den Status einer Anstalt des öffentlichen Rechts. Im Senat vertreten ist die Politik - vom Bundeswirtschaftsministerium bis zum Landkreis -, ferner die Wirtschaft und Branchenverbände. Das macht es für Rathke nicht leicht, die Finanzierung des Museums zu sichern. Allein die auf 450.000 Euro veranschlagte Erweiterung des Museums um einige hundert Quadratmeter Ausstellungsfläche gleicht einem nicht enden wollenden Hindernislauf. Zwar hat die Stadt zugesagt, ein Drittel der Investitionskosten zu übernehmen, ebenso ein Offenbacher Lederwarenfabrikant als Mäzen. Nun wartet Rathke darauf, dass das Land Hessen seinen in Aussicht gestellten gleich hohen Beitrag bis spätestens Ende des Jahres erbringt. Die Erweiterung um drei Ausstellungsräume soll vor allem der Asien-Sammlung Platz verschaffen.

Das in einem ehemaligen Lagerhaus, 1828 im klassizistischen Stil errichtet und mehrfach erweitert, beheimatete Deutsche Ledermuseum hat sich unter Rathkes Leitung zu einem Ort entwickelt, an dem Bildung als „Erlebnis“ vermittelt wird: Lebenswelten werden aufgefächert, kulturelle Codes entschlüsselt. Aus der „Vorbildersammlung“ des Museumsgründers Hugo Eberhardt ist auf eigene Weise ein „Weltkulturmuseum“ geworden, das drei Einrichtungen beherbergt: das Museum für angewandte Kunst, das ethnologische Museum und das Deutsche Schuhmuseum. Mehr als 50.000 Objekte birgt das Haus: von der Nachbildung der Ötzi-Bergschuhe über die Sammlung chinesischer Schattenspielfiguren, der Aktenmappe NapoleonsI. bis zu den Turnschuhen „Joschka“ Fischers. Die Zahl der jährlichen Besucher hat sich seit 2000 fast verdoppelt auf 32000. Rathke setzt auf Ratio und Emotion: „Wer unser Haus besucht, kann im Kopf über den Globus wandern.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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