Von Arne Leyenberg
14. Juli 2008 Auch die ganz harten Jungs werden einmal alt. Das ist die Botschaft, die Thomas Otterbach und seine Mitstreiter Ulrich Kirchner und Bruno Robert Bäuml vermitteln möchten. Die drei begeisterten Motorradfahrer aus dem Kreis Groß-Gerau sind die Gründer der Rockerpension“ – einem Altersruhesitz für Rocker. Noch aber steht die Pension nicht, noch rühren Otty, wie der 39 Jahre alte Feinwerktechniker Otterbach genannt wird, und seine Mistreiter erst die Werbetrommel für das Projekt.
Es ist auf den ersten Blick schwer vermittelbar: Motorradfahrer und Rocker leben nicht selten für den Moment und kümmern sich wenig um die Zukunft. Otty, Uli und Bruno sind anders: Vor acht Jahren war ihnen am Lagerfeuer im Odenwald die Idee gekommen, unter Gleichgesinnten alt zu werden. Johann diente ihnen dabei als mahnendes Beispiel: Der in die Jahre gekommene Rocker verbrachte seinen Lebensabend im Altenheim. Dort hatte er keinen Ansprechpartner, keinen Anschluss“, erinnert sich Otterbach.
Geld soll vorrangig aus Spenden kommen
Für Abwechslung sorgte lediglich der Motorradklub Wild Born“, dem der Rentner als Ehrenmitglied angehörte. Die Brüder, so bezeichnen sich die Mitglieder eines Motorradklubs, hatten ihren Johann nicht vergessen. Sie besuchten ihn regelmäßig und mieteten sogar ein Trike, ein dem Motorrad ähnliches Fahrzeug mit drei Rädern und zwei Sitzplätzen. So konnte der Altenheim-Bruder nochmal mit auf Tour gehen. Wir haben ihn zu Partys herausgeholt und abends wieder zurückgebracht“, erzählt Otterbach. Im vergangenen Jahr starb Johann im Alter von 73 Jahren.
Damit war es an der Zeit zu handeln für Otty und Co. So wollen wir nicht enden, das war uns klar“, sagt Otterbach. Mittlerweile hat er sieben Mistreiter für seine Sache begeistern können – gerade genug zur Gründung eines Vereins mit Sitz in Bischofsheim, aber kein eingetragener. Wir haben Gemeinnützigkeit beantragt, damit nicht der Eindruck entsteht, wir wirtschaften in die eigene Tasche“, sagt Otterbach. Unter den sieben Mitgliedern ist der 55 Jahre alte Betriebswirt Bäuml der älteste.
Die sieben Gründungsmitglieder bilden den Vorstand der Rockerpension, sie verabschiedeten auch die Satzung. Sie regelt, wer später einmal in die Rockerpension einziehen darf und wer Unterstützung erhält. Erwerb und Unterhaltung eines Anwesens zur Unterbringung alternder Rocker“ sowie Unterstützung hilfsbedürftiger Rocker-Rentner“ sind zwei in der Satzung festgeschriebene Ziele des Vereins. Das dafür nötige Geld soll vorrangig aus Spenden stammen.
Es geht uns um Jung hilft Alt und Alt hilft Jung
Auch Rocker sollen früh an später denken. Mit einem Informations- und Verkaufsstand waren die Rockerpensionäre“ auf der Motorradmesse in Sinsheim vertreten sowie bei den Jubiläumsfeiern der Motorradklubs aus Bischofsheim und Hauingen. Mittlerweile agiert der Verein überregional: Diesen Monat werden Otterbach und Mitstreiter ihren Stand auf der Jahresparty der Motorradfreunde Warmisried im Unterallgäu aufbauen.
Dort gibt es dann wieder T-Shirts und Feuerzeuge zu kaufen, allesamt versehen mit dem Logo der Rockerpension: einem ergrauten Rocker mit Zigarette im Mundwinkel, der in einem Rollstuhl mit Lenker und flammenwerfendem Auspuff sitzt. Diesen Rollstuhl gibt es sogar im Original – mit Halterungen für Tropf und Urinflasche. Mit dem Eigenbau fuhren die Mitglieder der Rockerpension auch während ihrer Benefiz-Rocknacht in Riedstadt durch die gemietete Halle. Die Resonanz auf uns ist durchweg positiv“, sagt Otterbach.
Von der Eröffnung des Altersruhesitzes sind die Initiatoren aber noch ein gutes Stück entfernt. Baufirmen, die sich mit der Errichtung von Seniorenheimen bestens auskennen, sind schon an die Rocker herangetreten. Da müssten wir allerdings Millionen auf den Tisch legen, das ist nicht realistisch“, so Otterbach. Für schon bald realisierbar hält er eine Wohngemeinschaft. Dort sollen nach Möglichkeit junge und alte Rocker zusammenleben. Es geht uns ja um Jung hilft Alt und Alt hilft Jung“, erläutert Otterbach. Sein Traum ist der Erwerb eines alten Bauernhofes. Dort könnte dann eine Werkstatt für junge Leute errichtet werden, ein Cafè und die Alten, die dort leben, haben auch noch eine Aufgabe: Sie könnten beim Schrauben am Motorrad helfen und ihre Erfahrung weitergeben.“
Trend kommt aus den Vereinigten Staaten
Sollte nicht genügend Kapital zusammenkommen, um ein Altenheim aufzubauen, werden die Mitglieder der Rockerpension das gesammelte Geld keinesfalls nutzen, um ihre Rente aufzubessern. Dann sollen die Spenden der Stiftung Bärenherz in Wiesbaden, die Projekte und Einrichtungen für kranke und behinderte Kinder unterstützt, zugeführt werden.
Mut macht Otterbach, dass er mit seinem Projekt einem Trend folgt, der sich in den Vereinigten Staaten schon durchgesetzt hat. Dort gibt es spezielle Altenheime spezielle Gruppierungen: betagte Vegetarier, Hippies, Homosexuelle und Piloten – mit eigener Rollbahn und Hangar auf dem Gelände.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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