Schule

Wolff will Schöpfungslehre im Biologieunterricht

Von Ralf Euler

28. Juni 2007 Die hessische Kultusministerin Karin Wolff sieht in einer Debatte über die Schöpfungslehre der Bibel die Chance für "eine neue Gemeinsamkeit von Naturwissenschaft und Religion". In einem Gespräch mit dieser Zeitung wies die CDU-Politikerin gleichzeitig die Kritik zurück, sie leiste mit ihrer Auffassung der Ideologie der Kreationisten Vorschub. Sie plädiere vielmehr für einen "modernen Biologieunterricht", in dem auch die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Erkenntnis sowie theologische und philosophische Fragen nach dem Sinn des Seins und der Existenz von Welt und Menschen eine Rolle spielen sollten. Dies mache junge Menschen gerade sensibel und wachsam gegenüber den unwissenschaftlichen und völlig inakzeptablen Vorstellungen der Kreationisten. Sie plädiere daher für fächerübergreifende und verbindende Fragestellungen bei den Themen der Herkunft des Menschen und der Bestimmung des Lebens, sagte die Ministerin, "nicht nur, aber auch im Biologieunterricht". Dabei gehe es auch keineswegs darum, wissenschaftliche Erkenntnisse und Glaubensfragen gegeneinander auszuspielen.

Mit ihrer Forderung, dass man Schüler in Biologie nicht einfach mit der Evolutionslehre konfrontieren dürfe und Schüler im Religionsunterricht nur mit der Schöpfungslehre der Bibel, hatte Frau Wolff im Herbst vergangenen Jahres die Kritik von Wissenschaftlern herausgefordert. Der stellvertretende Vorsitzende des Verbands Deutscher Biologen und Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel, Ulrich Kutschera, hatte der Ministerin nach einem Interview, in dem sie ihre Thesen vertrat, empfohlen, sie solle sich "zunächst orientieren und ein Fachbuch lesen". Die Evolution sei eine bewiesene Tatsache; es gebe, so Kutschera, einerseits wissenschaftliche Erkenntnis und andererseits einen christlichen Mythos. Letzterer gehöre keinesfalls in den Biologieunterricht.

„Erstaunliche Übereinstimmung“

"Mit dem Begriff des Mythos kann ich nichts anfangen, weil der wertend ist", sagt hingegen die Kultusministerin. In der biologischen Evolution und der biblischen Erklärung für die Entstehung der Welt sehe sie keinen Widerspruch, vielmehr gebe es in der symbolhaften Erzählung der Bibel von den sieben Schöpfungstagen eine "erstaunliche Übereinstimmung" mit der wissenschaftlichen Theorie. Dabei sei die Sieben-Tage-Erzählung allerdings kein naturwissenschaftlicher Abriss. Vielmehr werde auf der Basis des damaligen naturwissenschaftlichen Wissens versucht, das Verhältnis von Gott und Mensch sowie der Menschen untereinander aufzuzeigen.

Für Christen bedeuteten die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten - der Sieben-Tage-Bericht und der vom Garten Eden -, dass der Mensch durch Gott in die Welt komme und dass dieser das ordnende Prinzip vorgebe. Dies ist nach Ansicht von Frau Wolff "ein Erklärungsmuster, das der Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht widersprechen muss". Beides könne sich gegenseitig ergänzen. Geschichte, Kultur und Lebensverhältnisse in Deutschland seien in starkem Maß von Religion geprägt, und auch Bildung und Erziehung kämen nicht ohne die Beschäftigung mit dem Glauben aus. Der in den Schulgesetzen festgelegte Erziehungsauftrag von Schule sehe daher auch in fast allen Bundesländern eine Erziehung und Bildung im Geiste der christlich-humanistischen Kultur vor. Für Karin Wolff, die von 1986 bis 1995 evangelischen Religionsunterricht an der Darmstädter Edith-Stein-Schule erteilte und die sagt, dass die Bibel für sie "das faszinierendste Buch" und "eine Art Koordinatensystem für mein Leben" sei, kann die Vermittlung christlicher Werte nicht allein Aufgabe des Religionsunterrichts sein. Der Erziehungsauftrag der Schule bedeute aus ihrer Sicht auch fächerverbindendes Unterrichten. In keinem Fach dürfe es Denkverbote oder unüberwindliche Grenzmauern geben.

„Keine befriedigende Antwort“ durch Wissenschaft

Was aber sei wichtiger als die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Ursprung des Seins? "Solche Fragen müssen in der Schule nicht nur zugelassen, sondern provoziert werden", sagt Frau Wolff. Deshalb sollten nicht nur Biologielehrer, sondern alle Pädagogen in ihrem Unterricht über die Deutungen der Welt und des Menschwerdens reflektieren, und hier kämen Wissenschaft und Religion unweigerlich zusammen. "Die Wissenschaft allein gibt auf solche Fragen nämlich keine befriedigende Antwort." Selbstverständlich erwarte sie umgekehrt von einem Religionslehrer auch, dass er neben den Inhalten der biblischen Schöpfungsgeschichten auch die biologische Entwicklungslehre anspreche.

Mit Kreationismus habe all das nichts zu tun. "Damit habe ich überhaupt nichts am Hut", stellt Frau Wolff klar. Schöpfungslehre und Evolutionstheorie miteinander in der Schule in Verbindung zu bringen sei jedoch alles andere als verwerflich, sondern vielmehr dringend geboten.



Text: F.A.Z., 29.06.2007, Nr. 148 / Seite 1

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