Von Thomas Purschke
01. Februar 2006 Das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) hat seine Haltung im Fall des ehemaligen Stasi-Mitarbeiters Ingo Steuer bekräftigt und Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichtes angekündigt. Steuer wird zwar als Trainer des Paares Sawtschenko/Szolkowy für Olympia nachnominiert, weil er auch im Namen seiner Athleten die Verfügung ohne Anhörung des NOK durchsetzte. Das NOK bleibt aber mit Blick auf die Stasi-Überprüfung aller Funktionäre und Betreuer des Olympiateams standhaft.
Weil die gegenüber dem NOK ausgesprochene Handlungsempfehlung (durch die Stasikommission) eindeutig ausgefallen ist, wagt der Verband den Rechtsstreit. In der Entscheidung über den Widerspruch, schrieb das NOK, kann das Gericht dann erstmals die Argumente des NOK berücksichtigen.
Ingo Steuer war IM Torsten
Die Argumente haben es in sich. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Deutschlandfunks hat Steuer als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) unter dem Decknamen Torsten für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet. Die Registriernummer lautet XIV-103/85. Das geht aus am Dienstag erstmals freigegebenen Dokumenten der Birthler-Behörde hervor. Allein aus diesen ersten Akten ist zu erkennen, daß sich Steuer am 25. Januar 1985 mit 18 Jahren handschriftlich der Stasi verpflichtete und von der Abteilung XX, Arbeitsgruppe Sport der MfS-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt, geführt wurde. Sie war für die Überwachung des Leistungssports im Bezirk zuständig.
Steuer hat demnach über Athleten und Angestellte in seinem Klub SC Karl-Marx-Stadt berichtet, in konspirativen Wohnungen über das Auftreten seiner Sportkameraden im Ausland und deren Westverbindungen Auskunft gegeben. Unter den Bespitzelten ist auch die Olympiasiegerin Katarina Witt. Steuers Informationen für den Führungsoffizier waren - entgegen seiner Darstellung in den vergangenen Tagen - nicht belanglos.
Letztes Treffen nach dem Fall der Mauer
In einem Stasi-Bericht vom 2. Juni 1989 schildert IM Torsten, daß ein Mechaniker und ein Paarläufer der Sektion Eiskunstlauf mit Videokassetten handelten. Dazu notierte Steuers Führungsoffizier: Der IM unterbreitete in diesem Zusammenhang den Vorschlag, sich in diesen Kreis einzuschalten, um den Hauptinitiator zu ermitteln. Das letzte Treffen mit seinem Führungsoffizier fand am 10. November 1989 statt, einen Tag nach dem Fall der Mauer.
Bislang sind dreiundzwanzig Berichte, davon drei handgeschrieben, vom IM Torsten gefunden worden. Sie stammen alle aus dem Jahr 1989. Obwohl in Steuers IM-Akten von einem Teil-Band mit Berichten aus den Jahren 1985 bis 1988 die Rede ist, sind diese Dokumente bislang nicht auffindbar. Sie können vernichtet worden sein oder aber in den 16.000 Säcken mit Aktenschnipseln liegen, die noch ausgewertet werden sollen. Die Aktenfunde bestätigen die Einschätzung der Stasi-Kommission des deutschen Sports, die dem NOK empfohlen hatte, Steuer nicht in die Olympiamannschaft für die Winterspiele in Turin aufzunehmen. Nach der Definition der Stasi-Kommission dürfen ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die Dritten geschadet oder (durch ihre Tätigkeit) Schaden billigend in Kauf genommen haben, nicht in leitenden Funktionen des deutschen Sports beschäftigt werden. Mit seiner Stasi-Vergangenheit hätte Steuer im Öffentlichen Dienst keine Anstellung erhalten. Die Olympiamannschaft tritt im Namen Deutschlands auf und wird überwiegend vom Steuerzahler finanziert.
Text: F.A.Z. vom 1. Februar 2006
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb
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