19. Oktober 2008 Wie sich die Zeiten ändern. Vor sechs Jahren noch stellte die Welt Ferrari an den Pranger. Da gehörte der Technische Direktor der Scuderia überfahren, wie es in einem tatsächlich preisgekrönten (!) Kommentar eines Publizisten zur Stallorder der Italiener zu lesen stand. Das Delikt für die Hinrichtung auf dem medialen Scheiterhaufen: Michael Schumacher hatte den ausnahmsweise schnelleren Rubens Barrichello in Österreich auf Geheiß kurz vor dem Ziel überholen und deshalb siegen dürfen.
Am Sonntag gab es beim Großen Preis von China in Schanghai keinen Funkspruch wie dazumal: Let him pass. Do it for the championship, hatte Rennleiter Jean Todt Barrichello zugerufen. Diesmal herrschte Funkstille. Denn seit dem von Ferrari ganz offen kommunizierten Platztausch am A1-Ring sind Anweisungen dieser Art vom Kommandostand bei Strafe untersagt. Die Lauscher des Internationalen Automobil-Verbandes hören jede Silbe mit.
Ich denke, Kimis Reifen körnten
Und so verlor sich der Renningenieur von Felipe Massa, Rob Smedley, in dem Versuch einer Erklärung: Ich denke, Kimis Reifen körnten. Etwa zum gleichen Zeitpunkt lächelte Kimi. Hundert Meter weiter hatte ihn jemand gefragt, ob sein Tempoverlust sieben Runden vor dem Ende des Rennens, der Platzwechsel mit seinem Teamkollegen Felipe Massa, vielleicht das Ergebnis einer Anweisung von oben war: Ich weiß doch selbst, was für das Team gut ist.
Gut war Ferraris Auftritt beim vorletzten Grand Prix der Saison nicht. Aber immerhin betrieb Räikkönen mit seiner für Piloten untypischen Höflichkeit auf der Piste, bitte nach dir, Felipe, Schadensbegrenzung - zumindest für Ferrari. Vor dem letzten Grand Prix der Saison in zwei Wochen in São Paulo liegt Massa nun sieben statt neun Punkte hinter Lewis Hamilton, dem glänzenden Sieger von Schanghai.
Lewis ist absolut fehlerlos gefahren
Dem 23 Jahre alten Briten reicht ein fünfter Rang in jedem Fall zum Gewinn der Fahrer-Weltmeisterschaft. Lewis ist absolut fehlerlos gefahren, sagte Ron Dennis, brillant. Jetzt müssen wir in Brasilien wieder so auftreten. Aus eigenem Antrieb kam McLarens Teamchef nicht auf Räikkönens Tempoverschleppung zu sprechen: Ich möchte dazu nicht viel sagen. Ich finde das aber absolut verständlich.
Auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug lockte Räikkönens Entdeckung der Langsamkeit nicht aus der Reserve: Mich ärgert so was nur, wenn ich nicht damit rechne. Nicht mal den am meisten Betroffenen rührte das Thema zu einer erkennbaren Drehzahlerhöhung: Das ist normal, sagte Hamilton, in Hockenheim selbst Profiteur einer mannschaftsdienlichen Zurückhaltung seines Teamkollegen Heikki Kovalainen: Rennsport halt.
Vom ersten Training an hatte Hamilton das Tempo vorgegeben
Wenn Ferrari beunruhigt sein sollte vor dem Showdown in der südamerikanischen Metropole, dann wegen der Ruhe, die McLaren-Mercedes im Kampf um Fahrer- und Marken-Weltmeisterschaft just in der Stunde des Triumphes ausstrahlte. Kaum hatte sich Hamilton nach dem Kreuzen der Ziellinie mit imaginären Trommelschlägen und Fausthieben in die Luft über dem Cockpit vom großen Druck entlastet, da tauchte er wieder in die Kontrollphase ein: Noch so ein Auftritt, hoffentlich Fehler vermeiden, Ferrari hinter uns halten. Das waren die wesentlichen Stichworte zum Rennwochenende in China.
Vom ersten Training an hatte Hamilton das Tempo vorgegeben. Im Rennen um den besten Startplatz führte er Ferrari im zweiten Versuch des letzten Durchgangs mit einer sensationellen Runde (Dennis) vor Augen, warum ihm Nervenschwäche ein Fremdwort scheint. Am Sonntag kam der angriffslustige Hamilton dann gar nicht dazu, wie noch in Japan vor gut einer Woche im Kampf mit seinen Gegnern aus Leidenschaft über das Ziel hinauszuschießen: Ich konnte das Rennen von vorne kontrollieren. Es war sehr komfortabel zu wissen, dass man noch schneller fahren kann, wenn es denn sein muss . . . Das war zwar ein Schritt in Richtung meines Traums. Aber nichts ist sicher.
Diesmal fühlt sich Hamilton gestärkt vom Mehrkampf in China
Hamilton kennt das Gefühl trotz seiner Jugend wie kein anderer Pilot. Sieben Punkte Vorsprung, den Titel fast in der Hand und dann gleitet er doch noch durch die Finger - erlebt 2007 in São Paulo. Vor einem Jahr aber war der Jungstar mit einer schweren Niederlage nach Brasilien gereist, heftig getroffen von einem fatalen Fehler. Bei der zu aggressiven Einfahrt in die Box war er ins Kiesbett gerutscht. Diesmal fühlt sich Hamilton gestärkt vom Mehrkampf in China.
Ferrari kam ihm trotz taktischer Kniffe nie gefährlich nahe. Auch die unterschiedlichen Reifenstrategien bei Massa und Räikkönen, beide nutzten die angebotenen Mischungen zu verschiedenen Zeitpunkten, beschleunigten nicht. Was Ferraris Ratlosigkeit verdeutlichte. Wir waren einfach zu langsam, sagte Räikkönen. Auch deshalb blieb Massa nichts übrig, als sich in Optimismus zu flüchten. In São Paulo lief unser Auto in den vergangenen zwei Jahren sehr gut.
Viele versuchen, Psychodruck auf ihn auszuüben
Daheim setzt der Paulista auch auf die beschwingende Unterstützung seiner Fans. Seit Juni sind die Karten für das Finale vergriffen. Seit 17 Jahren war kein Brasilianer mehr WM-Kandidat. Und außerdem scheint Massa Schützenhilfe von Kollegen zu erhalten. Man hat versucht, Lewis aus der Konzentration zu bringen, behauptete Mercedes-Sportchef Haug: Viele versuchen, Psychodruck auf ihn auszuüben. Das wird auch weitergehen.
Der deutsche Boss, Fan und Freund von Hamilton spielte auf die Erklärungen des Renault-Piloten Fernando Alonso an, der offen angekündigt hatte, Massa helfen zu wollen. Dessen Teamchef Flavio Briatore zeigte sich vor dem Auftritt in China von Hamiltons Scheitern überzeugt: Er wird es noch wegwerfen. Diese Botschaft hatte Hamilton am Freitag erreicht. Er antwortete aber erst am Sonntag. Ohne ein Wort sagen zu müssen.

Grand Prix von China in Shanghai (56 Runden à 5,451 km/305,066 km): 1. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes 1:31:57,403 Std. (Schnitt: 199,049 km/h); 2. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 14,925 Sek.; 3. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 16,445; 4. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 18,370; 5. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber + 28,923; 6. Robert Kubica (Polen) BMW- Sauber + 33,219; 7. Timo Glock (Wersau) Toyota + 41,722; 8. Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault + 56,645; 9. Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso + 1:04,339 Min.; 10. David Coulthard (Großbritannien) Red Bull + 1:14,842; 11. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda + 1:25,061; 12. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 1:30,847; 13. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 1:31,457; 14. Mark Webber (Australien) Red Bull + 1:32,422; 15. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 1 Runde; 16. Jenson Button (Großbritannien) Honda + 1 Runde; 17. Giancarlo Fisichella (Italien) Force India + 1 Runde
Ausfälle: Jarno Trulli (Italien) Toyota (3. Runde/Defekt); Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (14. Runde/Getriebeschaden); Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes (50. Runde/Defekt)
Schnellste Rennrunde: Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) 1:36,325 Min.
Fahrer-Wertung nach 17 von 18 Rennen: 1. Lewis Hamilton 94 2. Felipe Massa 87 3. Robert Kubica 75 4. Kimi Räikkönen 69 5. Nick Heidfeld 60 6. Fernando Alonso 53 7. Heikki Kovalainen 51 8. Sebastian Vettel 30 9. Jarno Trulli 30 10. Timo Glock 22 11. Mark Webber 21 12. Nelson Piquet Jr. 19 13. Nico Rosberg 17 14. Rubens Barrichello 11 15. Kazuki Nakajima 9 16. David Coulthard 8 17. Sébastien Bourdais 4 18. Jenson Button 3
Team-Wertung: 1. Ferrari 156 2. McLaren-Mercedes 145 3. BMW-Sauber 135 4. Renault 72 5. Toyota 52 6. Toro Rosso 34 7. Red Bull 29 8. Williams 26 9. Honda 14
Letztes Rennen: GP von Brasilien am 2. November in São Paulo
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS