Großer Preis von China

Schumachers Suche nach neuem Spaß

Von Hermann Renner, Shanghai

Das Lachen ist ihm nicht vergangen

Das Lachen ist ihm nicht vergangen

14. Oktober 2005 Michael Schumacher ist froh, daß diese Saison am Sonntag mit dem Großen Preis von China zu Ende geht (von 8 Uhr an im FAZ.NET-Liveticker). Der siebenmalige Weltmeister ist zwar nicht rennmüde kurz vor dem Finale der mit 19 Grand Prix längsten Saison der Formel-1-Geschichte. Doch ein Jahr wie dieses geht selbst dem unerschütterlichen Rheinländer an die Substanz: "Wenn es wenigstens kurzfristig die Aussicht auf Besserung gäbe", sagte Schumacher mit Blick auf den Spaßfaktor.

Fernando Alonso, sein Nachfolger auf dem Formel-1-Thron, zeigte sogar Mitgefühl für den gebeutelten Champion: "Ich möchte so eine Saison wie Michael nicht erleben. Verlieren ist das Schlimmste in unserem Job." Aber der Spanier hat den Glauben an die Potenz von Ferrari nicht verloren: "Die kommen zurück. Für mich ist Michael 2006 der Favorit."

Nichts in der Hinterhand

Platz nehmen zum letzten Rennen

Platz nehmen zum letzten Rennen

Grund zu kurzfristig guter Hoffnung hat die internationale Renngemeinschaft nicht. Wie hilflos das erfolgreichste Team der vergangenen fünf Jahre zur Zeit agiert, illustriert Schumachers Antwort auf die Frage nach den Chancen beim letzten Saisonrennen in Shanghai: "Wir erwarten uns nicht viel. Im besten Fall wird es eine Wiederholung des Rennens von Brasilien, schlimmstenfalls erleben wir das gleiche wie in Japan."

Ferrari hat im Augenblick nichts in der Hinterhand, das die Situation von heute auf morgen ändert. Es gibt viele Projekte, aber keines, von dem man sagen könnte, daß es den Durchbruch bringt. Seit geraumer Zeit versuchen die Bridgestone-Techniker, die Reifenphilosophie von Michelin zu kopieren. Die französischen Sohlen haben eine quadratischere Form mit weicheren Seitenwänden. Die Nachahmungsstrategie überzeugte Schumacher bislang nicht. Er verweigerte dem "Wunderreifen" der Japaner beim Test in Paul Ricard die Abnahme.

Gehütet wie ein Staatsgeheinmis

Der Aufbau eines Pneus wird gehütet wie ein Staatsgeheinmis. Nie darf ein Reifen, selbst in Fetzen, in die Hände der Konkurrenz gelangen. Doch für Bridgestone und damit für Ferrari bietet sich eine Chance, unter den Gummi zu schauen. Toyota, demnächst auf Bridgestone unterwegs, hat mit Pascal Vasselon einen Mann in seinen Reihen, der bis Ende 2003 Technikchef von Michelin war. Ferrari, Toyota und Williams haben sich darauf verständigt, daß bei allem internen Konkurrenzdruck die Aufholjagd auf Michelin Vorrang genießt. Deshalb werden die drei Rennställe bei der Reifenentwicklung eng zusammenarbeiten. Die (selbstverursachte) Isolation von Ferrari auf dem Reifensektor ist damit aufgebrochen. Toyota und Williams ist es deshalb recht, daß Ferrari weiter sämtliche freiwilligen Testbeschränkungen ignoriert. Und so beginnt die neue Saison unmittelbar nach der letzten Runde in China: "Wir testen ohne Unterbrechung", sagt der Technische Direktor von Ferrari, Ross Brawn. Die Konkurrenz gönnt sich bis zum 28. November eine Auszeit vom Kreisverkehr.

Schumacher begrüßt den Eifer seines Teams. Seine Bilanz fällt trotz aller Enttäuschungen versöhnlich aus: "Wir landen trotz aller Tiefen auf Platz drei (in der Konstrukteurswertung). Ich bin im Augenblick Dritter in der Fahrerwertung. Das spricht für sich." Es habe ihn schon gewundert, berichtete der Altmeister, daß weder Ferrari noch Bridgestone über die lange Saison eine Antwort auf die Probleme gefunden haben. Deshalb klammerte er sich bis zuletzt an jeden Strohhalm.

Tempi passati

Die erfolgreiche Verteidigung seines Sieges 2004 hielt er erst nach dem Grand Prix der Türkei, dem 14. von 19 Rennen, für endgültig gescheitert: "Das war der Tiefpunkt dieser Saison." Die Rennen, die Spaß machten, kann Schumacher in Windeseile an einer Hand abzählen: "Imola, Monte Carlo, Montreal, Budapest und Brasilien." Nur den Großen Preis der Vereinigten Staaten konnte er gewinnen - weil 14 Gegner wegen einer Reifenschwäche bei Michelin nicht mitfuhren. Im vergangenen Jahr siegte Schumacher 13mal: Tempi passati.

Die Chinesen verehren ihn

Die Chinesen verehren ihn

Schumacher schaut nach vorn. Ein paar positive Anzeichen schüren - langfristig - seinen Optimismus. Kein anderer Hersteller hat mit dem für 2006 vorgeschriebenen neuen V8-Motor (2,4 Liter Hubraum) so viele Runden im Auto abgespult wie Ferrari. Mit 1.891 Kilometern liegt die Scuderia deutlich vor der Konkurrenz. Mercedes brachte es bislang auf 401 Kilometer. Bei der Analyse der Rundenzeiten wunderte sich Brawn: "Wir verlieren mit dem Achtzylinder zwei bis drei Sekunden auf die aktuellen Rundenzeiten. Alle anderen sind fünf Sekunden langsamer. Fahren die nur im Schonbetrieb?"

Auch mit dem neuen Auto ist Ferrari entgegen aller Tradition früh dran. Das Modell, dessen Bezeichnung vorerst strenggeheim ist, wird Mitte Januar präsentiert. Spätestens dann sitzt Michael Schumacher wieder im Cockpit. Wahrscheinlich aber schon früher. Es wäre das erste Mal seit Jahren, daß der Chefpilot in seiner verdienten Winterpause, in der er nicht mal für die Ehrungen in aller Welt sein Domizil verläßt, ins Lenkrad greift. Die Pause von der Pause ist sein eigener Wunsch. Die Lösung des Reifenproblems bis zum ersten Rennen der neuen Saison erscheint zu wichtig.

Text: F.A.Z. vom 15. Oktober 2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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