Schlimmer Unfall in Montreal

Die Formel 1 hat Glück gehabt

Von Anno Hecker, Montreal

Völlig zerstört bleibt der Bolide von Robert Kubica nach dem Unfall an der Leitplanke liegen

Völlig zerstört bleibt der Bolide von Robert Kubica nach dem Unfall an der Leitplanke liegen

11. Juni 2007 

Die Formel 1 hat Glück gehabt am Sonntag. Beim Großen Preis von Kanada überstand der Pole Robert Kubica einen fürchterlichen Unfall nach Informationen seines Teams BMW-Sauber relativ glimpflich. Gleichzeitig wirbelte der turbulenteste Grand Prix seit Jahren die Hackordnung hinter den ersten beiden durcheinander.

Zwar gewann der Brite Lewis Hamilton sein erstes Rennen im sechsten Grand Prix seiner Karriere auf McLaren-Mercedes verdient. Und auch der zweite Platz von Nick Heidfeld im BMW-Sauber passte in die brillante Vorstellung des Deutschen am gesamten Wochenende. Doch hinter diesen beiden rückten Hinterbänkler wie Alexander Wurz (Williams-Toyota) als Dritter ins Rampenlicht, die ohne das Chaos rund um die Unfälle, ohne Durchfahrtsstrafen und zwei Disqualifikationen kaum eine Chance gehabt hätten, auch nur in die Punkteränge vorzustoßen. Ralf Schumacher, von Platz 18 gestartet, kam im Toyota zu einem unerwarteten Punktsieg als Achter, knapp hinter Weltmeister Fernando Alonso, Hamiltons Teamkollegen. In der Fahrerwertung fiel der Spanier mit 40 Punkten hinter Hamilton (48) auf Rang zwei zurück.

Mehrmals überschlagen

Auch Robert Kubica hat am Sonntag etwas gewonnen: eine zweite Chance. Der Pole war vor der Haarnadelkurve, wo die Autos etwa 300 Kilometer pro Stunde schnell sind, von der Piste abgekommen. Jegliche Bremswirkung schien dahin, als der Bolide in einem stumpfen Winkel in eine Betonmauer schlug, von dort zurück auf die Piste geschleudert wurde, sich mehrmals überschlug und schließlich auf der anderen Seite der Strecke in die Leitplanke krachte und auf der rechten Seite liegen blieb. Der 22 Jahre alte Pilot wurde nach wenigen Minuten aus dem Auto geborgen. Später gab BMW-Sauber Entwarnung: „Robert ist unverletzt und wird am Montag aus dem Krankenhaus entlassen“, teilte Sportchef Mario Theissen mit.

Während Mechaniker und Ingenieure in der BMW-Box entsetzt die Wiederholung auf den Videoschirmen betrachtet hatten und das Rennen neutralisiert wurde, ließ sich die Unfallursache schon erahnen. Kubica hat den Toyota von Jarno Trulli touchiert. Dabei wurde der Bolide in die Luft geschleudert. Ein Szenario, dass die Fahrer fürchten wie keinen zweiten Crash. Weil die Autos dabei weder zu bremsen noch zu lenken sind. Kubica war nur noch Passagier in einem Flugobjekt. Allerdings schützte ihn die seit den tödlichen Unfällen von Imola 1994 ständig verbesserte Sicherheitszelle vor schlimmeren Folgen. „Ohne den Nackenschutz hätten wir uns wohl von Robert verabschieden müssen“, sagte Teammanager Beat Zehnder und sprach von „dem schlimmsten Unfall, den ich je gesehen habe.“

Alonso mit vielen Fehlern

Vor Kubica war schon Adrian Sutil verunglückt, allerdings verlor nur sein Spyker nach einem Fahrfehler Form und Fassung. Nach dem Deutschen prallte noch der Teamkollege Christijan Albers in die Leitschienen. Mit diesen Missgeschicken verlor der Grand Prix mehr und mehr den Charakter eines Rennens. Weil die Strecke jeweils von den Trümmerteilen bereinigt werden musste, rückte das Sicherheitsfahrzeug aus. Das änderte zwar nichts für Lewis Hamilton als Führendem und Nick Heidfeld auf Rang zwei. Dahinter aber wurde die gesamte Hackordnung durcheinander gewirbelt. Wo war der Champion Alonso abgeblieben, wo die Ferrari-Crew mit Felipe Massa und Kimi Räikkönen, die schärfsten Gegner von McLaren-Mercedes?

Alonso leistete sich vom Start weg so viele Fahrfehler wie lange nicht. Noch vor dem Unfallchaos sauste er dreimal in die Botanik neben der ersten Kurve, verlor erst Rang zwei kurz nach dem Start an Heidfeld, dann Rang drei an Massa. Und weil Alonso, wie der Williams-Pilot Nico Rosberg, in der Saftey-Car-Phase die Box zum Nachtanken und Reifenwechsel aufsuchte, obwohl die Pistengasse noch geschlossen war, wurde er nochmals zur Box zitiert: für eine so genannte Durchfahrtsstrafe plus zehn Sekunden Stillstehen. Diese Verwarnung warf auch Rosberg, mit einem Blitzstart zwischenzeitlich auf Rang fünf gesaust, zurück. Er wurde Zehnter. Einen weit folgenreicheren Verkehrsverstoß aber leisteten sich Massa (Ferrari) und Giancarlo Fisichella (Renault). Beide fuhren an der Boxenausfahrt über rot und sahen gleich schwarz: Disqualifikation.

Heidfeld: Auch ohne Chaos Zweiter

Erst 13 Runden vor Schluss, nach der vierten Safety-Car-Phase (Vitantonio Liuzzi hatte die Kontrolle über seinen Toro Rosso verloren), nahmen die übrig gebliebenen zwölf Piloten eine Rangordnung von mehr oder weniger bleibendem Wert ein. Über Hamilton - „Ich fühle mich wie im siebten Himmel“ - und Heidfelds Erfolg - „Ich hätte auch ohne das Chaos Rang zwei belegt“ - wunderte sich niemand der rund 120.000 Zuschauer. „Es war ein einfaches Rennen für mich“, sagte der Brite über seine Premiere. Aber Wurz im Williams auf Rang drei, von Platz 19 aus gestartet, Heikki Kovalainen als 22. und Renault-Crashpilot vom Samstag auf Position vier?

Dieses kuriose Resultat spiegelt nicht das wahre Kräfteverhältnis in der Formel 1, aber es zählt. Räikkönen gewann als bester Ferrari-Mann drei Punkte (6.), Alonso, von sich selbst, den Umständen sowie schließlich noch von Takuma Sato im SuperAguri geschlagen, nur zwei (7.). Das schmerzt. Besonders, wenn der Teamkollege gleichzeitig mit der vollen Ausbeute davon zieht. Anno Hecker

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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