Jacques Villeneuve

Beim Nascar-Debüt mit Tempo 300 in die Mauer

Von Jürgen Kalwa, New York

16. Februar 2008 Eigentlich war es nur ein ganz normaler Termin auf dem Kalender eines vielbeschäftigten Profis. Ein Auftritt in einem improvisierten Studio an einem beliebigen Mittwoch, an dem ein Automobilrennfahrer offiziell den Vertrag mit einem neuen Hauptsponsor verkündet. „Business as usual“, würde man in den Vereinigten Staaten sagen, wo solche Pressekonferenzen mittlerweile regelmäßig live in irgendeinem Nischenkanal im Fernsehen und über das Internet übertragen werden. Doch als die Organisatoren einen Tag später die Zahlen auf den Tisch bekamen, staunten sie nicht schlecht. Knapp 300.000 Zuschauer hatten die Sendung auf dem „Speed Channel“ gesehen, und 200.000 hatten sie an ihren Computern verfolgt.

Solches Interesse produziert in den Vereinigten Staaten allerdings nur ein Mann: der Nascar-Fahrer Dale Earnhardt jr., dem die meisten Sympathien der Fans der erfolgreichen Rennserie entgegengebracht werden. Wieso seine Anhängerschar die jedes anderen Fahrers weit überragt, ist nur schwer zu erklären. Denn der 33 Jahre alte Rennfahrer hastet seit Jahren hinter den Besten her. Dass er als Sohn eines der besten Nascar-Fahrers der Geschichte einen berühmten Namen trägt, kann auch nicht der Grund für das Phänomen sein.

Gutes Aussehen und stets freundliches Auftreten

Denn sein Vater, der 2001 bei einem harmlos aussehenden Unfall kurz vor dem Ziel eines Rennens auf der berühmten Bahn von Daytona tödlich verunglückte, wurde aufgrund seines ruppigen Fahrstils von vielen Zuschauern verachtet. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Popularität vor allem etwas mit seinem guten Aussehen und seinem stets freundlichen Auftreten zu tun hat. Gastrollen in Musikvideos erfolgreicher Rap-Stars wie Jay-Z tun ein Übriges.

In dieser Saison, die am Sonntag in Florida mit dem klassischen rund 800 Kilometer langen Ausdauerrennen, den „Daytona 500“, beginnt, könnte Earnhardt jedoch erstmals auch auf der Asphaltpiste die Konkurrenz abhängen. Der Grund: Er trennte sich im vergangenen Jahr in einem stark beachteten Streit von seiner Stiefmutter, die den Rennstall betreibt, der zur Erbmasse von Dale sr. gehört.

Altertümliche Motoren und manuelles Getriebe

Der neue Arbeitgeber, Hendrick Motorsport, ist die erste Adresse in der Welt der tonnenschweren Nascar-Wagen mit ihren altertümlichen Sechs-Zylinder-Motoren und manuellem Getriebe. In dieser Serie, die Wert darauf legt, möglichst alle technischen Unterschiede zwischen einzelnen Fahrzeugmarken zu nivellieren, gewinnt man Rennen im Bereich Aerodynamik und mit einem Stab hochmotivierter und taktisch begabter Mitarbeiter, die im entscheidenden Moment keine Fehler begehen.

Dass Hendricks Rennwagen siegfähig sind, ist kein Geheimnis. In diesem Team steht Jimmie Johnson, der Cup-Sieger der letzten beiden Jahre, unter Vertrag. Tatsächlich zeigte Earnhardt vor einer Woche bei einem als Probelauf gedachten All-Star-Rennen, dass er im neuen Auto bereits die richtige Spur gefunden hat, und wurde Erster.

Nach Montoya kam auch Villeneuve aus der Formel 1

Die Nascar-Serie gedeiht prächtig: Die Fans sind loyal und kommen zahlreich, die Rennställe arbeiten höchst professionell, das Interesse von Automobilherstellern, sich an der Serie zu beteiligen, wächst. Das registrieren auch Fahrer aus anderen Sparten des internationalen Rennbetriebs. Nachdem vor einem Jahr der ehemalige Formel-1-Pilot Juan Pablo Montoya (Kolumbien) zu Nascar wechselte und in einen Dodge stieg, gibt diesmal Jacques Villeneuve sein Debüt.

Niemand hat auf den 37 Jahre alten Rennfahrer und seinen Toyota mit der Nummer 27 gewartet. Er hat nicht mal einen Sponsor. Dennoch wollte er sich unverdrossen im Laufe der Woche auf der Hochgeschwindigkeitspiste für einen der Startplätze qualifizieren. „Natürlich hast du keine 100 Prozent Kontrolle über das, was passiert“, sagte der ehemalige Formel-1-Weltmeister vor ein paar Tagen zu seinen ersten Schritten in der neuen Motorsport-Welt. „Aber auch wenn das hier auseinanderfällt, werde ich durchhalten.“

Beim Auftakt gleich eine Massenkarambolage

Am Donnerstag war es dann so weit. Villeneuves Hoffnungen fielen buchstäblich auseinander. In seinem Qualifikationsrennen für die „Daytona 500“ unterlief dem Kanadier bei Tempo 300 ein Fahrfehler. Er verlor die Kontrolle über seinen 850 PS starken Toyota, löste eine Massenkarambolage aus und prallte vehement gegen eine Begrenzungsmauer. Der frühere Formel-1-Weltmeister wurde zu seinem Glück ohne Blessuren aus seinem völlig zerstörten Auto geborgen.

„Das ist ein großer Rückschlag, nicht nur für mich, sondern für das ganze Team. Das Auto hat stark und oft übersteuert, leider einmal zu viel. Es ist frustrierend und hart, nicht in die Show zu kommen, aber so ist das Geschäft“, sagte Villeneuve. Er ist im Rennen zum Zuschauen verdammt. Sein ehemaliger Formel-1-Konkurrent Juan Pablo Montoya steht auf Startplatz 15, die Pole Position holte Nascar-Champion Jimmie Johnson (Chevrolet).

200 Runden Vollgas zum Start auf dem Tri-Oval

Die Daytona 500, mit dem traditionell die Nascar-Saison beginnt, steht in diesem Jahr zum 50. Mal auf dem Programm. Das Rennen über 200 Runden auf dem sogenannten Tri-Oval mit seinen stark überhöhten Kurven war der Nachfolger der ersten Stock-Car-Wettbewerbe auf dem weitläufigen Sandstrand von Daytona Beach, einer der Ursprungsorte einer Leidenschaft, die in den amerikanischen Südstaaten beheimatet ist.

Der Speedway wurde von Stock-Car-Fahrer Bill France gebaut, der zum Patriarchen der Nascar-Rennserie wurde. Das Geschäft wird heute von seinen Erben dominiert – in der dritten Generation.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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