Von Anno Hecker, Barcelona
25. April 2008 Der Glaube sitzt tief. Vor den Toren von Barcelona findet Jahr für Jahr im Frühjahr eine Prozession statt. In Reih und Glied rast die Formel 1 über den "Circuit de Catalunya". Dann tickt sie wie ein Schweizer Uhrwerk, so akkurat und ordentlich, dass selbst Fanatiker während der Hochmesse des Motorsports am Sonntag vergeblich nach Spannungsmomenten suchen.
Doch diesmal liegt etwas in der Luft vor dem Auftritt beim Großen Preis von Spanien. Die Formel 1 vibriert nach dem Übersee-Auftakt vor ihrem ersten Auftritt in Europa. Denn die dreiwöchige Pause vom Rennbetrieb nutzten die Teams zur ersten Akkordarbeit am Boliden, zu den im Laufe der Saison markantesten Eingriffen am Renner von der Nasenspitze bis zum Heck: Schleifen, feilen, umbauen; kalkulieren, testen, angreifen: Bleibt Ferrari nach zwei Siegen hintereinander Spitze? Ist McLaren-Mercedes von BMW überholt? Gelingt einem Hinterbänkler mit einem neuen Tuning der Sprung in bessere Zeiten?
Wer in Barcelona schnell ist, kommt fast überall gut über die Runden
"Es ist nicht unbedingt ein Neuanfang", sagte BMW-Pilot Nick Heidfeld, "aber sicher gibt es hier klare Aussagen, wohin die Reise geht." Die Piste 30 Kilometer nördlich von Barcelona ist die Lieblingsstrecke der Formel-1-Analysten. Sie hat zwar nach der Entschärfung mit einer Schikane kurz vor der Zielgeraden ein bisschen an Aussagekraft verloren.
Aber der Grundsatz bleibt: Wer in Barcelona schnell ist, kommt fast überall glänzend über die Runden. In der Kombination "schneller" Kurven wird die aerodynamische Effizienz der Boliden geprüft wie sonst nirgendwo. Am Boden soll er kleben, aber dabei kaum Luftwiderstand bieten. Da die Motorentechnik einem weitgehenden Entwicklungsverbot unterliegt und elektronische Fahrhilfen wie die Traktionskontrolle verbannt wurden, wuchs die Bedeutung der Aerodynamik. Wer die komplizierte Luftnummer beherrscht, hebt sich von der Konkurrenz ab.
Flügel, Rücken, Kamine, Lippen, Löcher: Die Schönheitschirurgie des Motorsports
Honda zeigt ein neues Gesicht: als seien in den vergangenen Wochen Flügel aus der Nasenspitze gewachsen. Renault verlängerte den Rücken der Motorhaube fast bis zum Heck. Williams' deutscher Pilot Nico Rosberg rückte am Freitag mit einem neuen Frontspoiler aus. Schaufeln, sogenannte Windleitbleche (aus Kohlefaser), "Kamine", "Lippen" beschäftigen die Experten. Inzwischen schart sich die Gemeinde sogar um ein Loch. Beim Ferrari kann man jetzt durch eine viereckige Öffnung in der Nase auf den Asphalt schauen.
Der Renner aus der Scuderia soll mehr Luft holen können aus der Tiefe des Raumes unter der Front. Strömungsspezialisten glauben an einen Vorteil wegen der veränderten Luftführung. Nur Ferrari macht um die zunächst (vergeblich) geheim gehaltene Entwicklung keinen Wind. "Wir erwarten eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit", sagt Chefdesigner Nicolas Tombazis, "aber der Einfluss wird eindeutig überbewertet." Vielleicht. In der Formel 1 geht niemand mit einem Coup hausieren.
Kaum Überraschungen: Tausende Testkilometer wurden in Barcelona abgespult
Selbst nach Tausenden Runden in Barcelona, nach den letzten Versuchstouren in der vergangenen Woche (allein 13 000 Testkilometer) beteuern die Teams ihre Unsicherheit. "Bei uns funktionieren fast alle neuen Teile", sagt Heidfeld über seinen BMW, "aber zu einem Sieg reicht es noch nicht. McLaren hat viele Neuerungen, da bin ich gespannt, was auf der Uhr herauskommt. Ferrari sehe ich vorn. Aber wer weiß schon, wie viel Sprit alle an Bord hatten?" Vermutlich viel mehr, als Heidfeld glaubt. Denn trotz aller Geheimhaltung produziert das inoffizielle Überwachungssystem auf Dauer ähnlich verlässliche Hochrechnungen wie bei Bundestagswahlen.
Während jeder Testfahrt werden nicht nur die eigenen Versuche von den Einsatzkosten, dem personellen Aufwand bis hin zum erwarteten Zeitsprung peinlich genau dokumentiert, sondern mit Hilfe von Spähern auch jede Runden- und Sektorzeit, jeder Reifenwechsel der unmittelbaren Gegner. "Im Lauf der Zeit kriegt man dann meistens heraus, wie die anderen ticken, welche Strategie sie fahren", sagt ein Teamchef, während er in den fein säuberlich zusammengestellten Dossiers blättert: "Überraschungen gibt es kaum."
Nächstes Jahr sollen die Flügel massiv gestutzt werden
Doch wegen der Leistungsschwankungen im vergangenen Jahr von Strecke zu Strecke und vor dem Hintergrund der neuen Leistungsdichte wagen die Sportchefs der führenden Rennställe keine Prognosen. Schon gar nicht nach dem schwer zu durchschauenden Training am Freitagnachmittag. Immerhin förderte es ein paar Indizien für das Geschwindigkeitspotential beim Grand Prix am Sonntag zu Tage: BMW und McLaren-Mercedes steuern auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu. Ferrari scheint mit dem Loch in der Nase weiterhin ganz vorn zu sein. Weniger bringt mehr.
So einschneidende wie sichtbare Veränderungen wird es im Laufe der Saison nicht mehr geben. Es war wohl die letzte Chance, noch einmal kräftig mit den Flügeln zu schlagen. Denn im nächsten Jahr müssen sie massiv gestutzt werden. Ein Grund für die Regeländerung ist die Gefahr für Form und Fassung beim Fahren im Windschatten. Dabei reduzieren Strömungsabrisse die Bremswirkung auf der Vorderachse. Deshalb meiden Piloten zurzeit Überholmanöver, falls Kollegen in ähnlich schnellen Autos voraus sind. Mit den daraus folgenden Prozessionen soll es 2009 vorbei sein. Allein der Glaube fehlt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance / dpa
