22. Oktober 2006 Eines hat Michael Schumacher nie leiden können: die Frage nach seinem Gehalt. Nun gibt das Manager-Magazin Auskunft. Demnach gehört der erfolgreichste Pilot der Formel-1-Geschichte zu den ärmeren Reichsten in Deutschland. Er liegt auf Rang 161 mit einem erfahrenen und erworbenen Vermögen von 600 Millionen Euro. Leider ist das nur eine Schätzung. Vermutlich ist sie zu hoch ausgefallen. Sicher ist nur eines: Mit dem Ausstieg an diesem Sonntag zum Ende des Großen Preises von Brasilien (ab 19.00 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) wird nicht nur die Einnahmequelle Schumachers an Flußgeschwindigkeit verlieren. Gleichzeitig reduziert sich auch die nationale wie internationale Gewinnbeteiligung an dieser Ich-AG. Schumacher hat nicht nur kassiert. An Schumacher haben auch viele verdient.
Ein Goldesel? Willi Weber lacht: Der Michael gibt doch nichts aus, der Schotte. An dem hat doch keiner verdient. Ein paar Profiteure fallen Schumachers Manager dann doch ein: Rennstrecken, Sponsoren, Medien, die Formel 1, Deutschland. Einen hat er dabei glatt vergessen. Sich selbst. Mister 20 Prozent kassierte zehn Jahre lang den fünften Teil von allen Einnahmen. Ich habe als einziger in die Lotterie Schumacher investiert, zitiert sich der Mentor gerne selbst. Er zog den Hauptgewinn. Die Rente ist sicher.
Es sind Millionen verdient worden
Während Weber voller Dankbarkeit auf eine fast zwanzigjährige Zusammenarbeit zurückschaut und schon mal die Werbewirksamkeit des Pensionärs hochrechnet, beklagt Walter Kafitz, Geschäftsführer der Nürburgring-GmbH, den Ausstieg seines besten Außendienstmitarbeiters. Eines Publikumsmagneten, der Millionen in die Kassen gespielt hat.
Rückblende: Mitte der achtziger Jahre sterben mit Stefan Bellof und Manfred Winkelhock zwei hoffnungsvolle Formel-1-Piloten in den Trümmern ihrer Sportwagen. Seitdem versuchen sich die Deutschen vergeblich in der bedeutendsten Motorsportserie (siehe Seite 18). Der Promoter des Großen Preises von Deutschland in Hockenheim kämpft ums Überleben der Sause. Schumacher wendet das Blatt. Die Zuschauerzahlen schießen in die Höhe, obwohl die Preise fast parallel um zehn Prozent steigen. Es sind Millionen verdient worden, sagt ein ehemaliger Promoter, und ganz sicher hängt das mit dem Aufstieg von Schumacher zusammen.
Wir haben Michael sehr viel zu verdanken
Der Einstieg von Mercedes 1993 bei Sauber kurbelte die Geschäfte zusätzlich an: Aber ohne Schumacher hätte es diese Entwicklung nie gegeben. Es gibt keinen Zweifel. Der Fahrer zieht. Nicht nur in Deutschland. Allein von 1993 bis 1997, dem spannenden Zweikampf zwischen Schumacher und Jacques Villeneuve, steigt die Zuschauerzahl an den Strecken von 1,360 Millionen auf 2,1 Millionen bei durchschnittlich 16 Grand Prix. Die offiziellen Angaben etwa in Hockenheim (1993 150.000, obwohl nur 85.000 Platz fanden) und dem Nürburgring erscheinen zwar viel zu hoch. Der Trend aber stimmte. Eine Studie berechnete für das zweite deutsche Rennen im Jahr auf dem Nürburgring (ab 1995) sogar einen Anstieg des Gesamtumsatzes auf 100 Millionen Mark. Berücksichtigt man den unbestrittenen Schumacher-Faktor, dann hat sich der Kerpener, ob die absoluten Zahlen nun stimmen oder nicht, um die Volkswirtschaft verdient gemacht.
Ein Privatier hat ihm in São Paulo schon mal gedankt: RTL. Laut einer Statistik der Kölner Agentur Sport&Markt stieg die Einschaltquote zwischen 1992 (1,76 Millionen) und 1997 auf 9,19 Millionen im Schnitt. 2001 erreichte die Lust an der Formel 1 den Höhepunkt mit 10,44 Millionen. Die genaue Höhe des Schumacher-Effektes läßt sich kaum herausrechnen, aber Sportchef Manfred Loppe weiß, wer die Quote trieb: Wir haben Michael sehr viel zu verdanken. Indirekt wohl auch die Übertragung seines Lieblingssports. Hans Mahr berichtete als Programmdirektor von der Formel- 1-Stütze zur Finanzierung des Champions-League-Programms.
Auflagensteigerungen dank Schumi
Prompt meldete sich der Fernsehrechte-Händler Bernie Ecclestone in Köln und hielt die Hand auf. Für das folgende Rechtepaket mußte RTL angeblich 30 Millionen Euro mehr zahlen. Nun ist die Formel 1 für den Sender ein teures Vergnügen. Der Gewinn aber wurde nur weitergereicht. An Ecclestone.
Schumachers erfolgreiches Kreiseln ließ die Rotationspressen rotieren. Allein mit Schumi auf dem Titel stieg die Auflage der Bild- Zeitung, so Chefredakteur Kai Diekmann. Schon eineinhalb Jahre nach dem Debüt in Spa berichteten Fachblätter wie Motorsport aktuell von Auflagensteigerungen um zehn Prozent. An Schumacher kommt schließlich keiner mehr vorbei. Von der Katholischen Nachrichtenagentur über die Zeit (Ich bin eine billige Sekunde) bis zu den Karikaturisten des Satire-Blattes Titanic. Die Formel 1, die suspekte Benzin- und Geldverschwendungsmaschinerie, ist wieder im Gespräch. Könige und Kanzler kommen. Wer keine Einladung in den geschlossen Klub erhält, dem bietet sich die Chance, als Hosentaschen-Schumacher Formel-1-Gefühle auf einer Kartbahn zu entwickeln. Auf dem Höhepunkt dieser lustigen Knatterei, so um die Jahrtausendwende, gibt es rund 170 Deutschland.
Nicht alle zahlen Steuern, aber viele
Einen Ferrari kann sich nicht jeder leisten. Aber immer mehr Menschen wollen einen haben. Nach der Golfkrieg-Krise im Jahr 1993 mit einem Absatzeinbruch auf 2350 Fahrzeuge steigt die Lust auf den Luxusrenner. Zwischen Anfang 1996 und Sommer 2006 wächst die Zahl der verkauften Ferrari von etwa 3000 auf etwa 5600 pro Jahr. Ob die zeitliche Parallele zwischen Schumachers Strecken- und Ferraris Verkaufsrekorden ein Zufall ist? Ein gewisser Anschub läßt sich wohl kaum bestreiten. Auch wenn sich die Scuderia schon aus taktischen Gründen schwertut, dem Chefpiloten als (indirekten) Verkäufer des Jahres zu würdigen.
Zweifellos hat nicht Schumacher allein jeden deutschen Sponsor motiviert, sich in die Formel 1 einzukaufen. Aber 1992 präsentierte sich nur ein Unternehmen aus der Heimat des Rheinländers. Sieben Jahre später sind es acht, die zum Teil glücklich sind, daß ihre Logos gegen horrende Summen bei zweitklassigen Teams auf dem Renner kleben. Etwa das Posthorn auf dem Jordan. Die Vermittler reiben sich die Hände. Nie zuvor hat man im Zirkel so gut verdient. Draußen läuft es auch. Bauunternehmen bekommen millionenschwere Aufträge für den Umbau am Nürburgring und in Hockenheim. Der Schwarzmarkt mit gefälschten Schumacher-Devotionalien blüht. Anwälte erhalten Mandate. Selbst ein Schumacher-Doppelgänger verdient sich etwas dazu. Nicht alle zahlen Steuern, aber viele. Insofern hat auch der Fiskus von Schumacher, dem Steuer-Künstler und -Vermeider, profitiert.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 17
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS