Von Anno Hecker, Hockenheim
21. Juli 2008 Ich bin überglücklich.“ Das musste er sagen. Man hätte es sonst nicht gemerkt. Äußerlich ziemlich unbewegt stand der Formel-1-Rennfahrer Nelson Piquet junior am Sonntag nach seinem überraschenden zweiten Platz beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim Rede und Antwort zum Coup des Tages: Von Rang 17 auf Platz zwei hinter Sieger Lewis Hamilton. Das war der größte Satz des Tages und ein enorm wichtiger Schritt des Brasilianers in seiner ersten Formel-1-Saison. Denn die ersten neun Rennen bei Renault verliefen höchst enttäuschend. Ein siebter Rang, sechs Ausfälle, Pannen und Missgeschicke sowie Niederlagen am laufenden Band gegen den Teamkollegen Fernando Alonso verstärkten die Zweifel, ob der fast 23 Jahre alte Südamerikaner die Gene seines Vaters geerbt hat. Nelson Piquet wurde dreimal Weltmeister. Sein Sohn kämpft um den Anschluss.
Endlich mal wieder Zweiter! Das wäre eigentlich ein Grund für Flavio Briatore gewesen, die Qualität von Fahrer und Fahrzeug zu preisen. Er tat es – später. Nelson ist super gefahren... Wir hatten in der zweiten Rennhälfte das zweitschnellste Auto.“ Doch im Moment des überraschenden Erfolges hielt sich der wortgewaltige Teamchef von Renault schwer zurück. Statt dem Privatsender Premiere – wie sonst bei Renault-Erfolgen üblich – überschwänglich zu berichten, wehrte er jeden Kommentar übellaunig ab. Weil der Falsche vorne stand? Weil das Glück einen Piloten aus der vorletzten Startreihe auf das Podium befördert hatte, der es letztlich nicht verdient hatte?
Dank den Strategen
Zweifellos half das Unglück von Timo Glock zum Ende der 35. Runde Piquet auf die Sprünge. Kurz hatte er als letzter Fahrer im Feld die Reifen gewechselt und getankt. So viel, dass es bis ins Ziel reichte. Alle anderen bogen in der Safety-Car-Phase während der Aufräumarbeiten zum Spritfassen ab oder mussten wie Hamilton und Nick Heidfeld (BMW-Sauber) später noch einmal zum Service die Piste verlassen. Insofern galt der Dank des Fahrers vorerst den Strategen.
Das Brechen der Hinterradaufhängung an Glocks Toyota konnten sie zwar nicht vorhersehen. Bei der Wahl ihrer risikoreichen Taktik setzten sie aber auf die Hoffnung, auch der zehnte Grand Prix werde nicht reibungslos ablaufen. Den Rest erledigte Piquet wie ein erfahrener Hase: Mit fast vollem Tank hielt er den Renault nicht nur auf der Piste, sondern schonte gleichzeitig die Reifen und ließ sich nicht auf ein Duell mit dem deutlich schnelleren Lewis Hamilton ein. Gleichzeitig hielt er mit sehr guten Rundenzeiten immerhin seinen Verfolger in der Schlussphase, Felipe Massa im Ferrari, auf Distanz. Nelson stand unter Druck, tat aber genau das, was er zu tun hatte“, sagte Pat Symonds, der Technischer Direktor des Weltmeister-Teams von 2005 und 2006: Ich hoffe, dass mit diesem Tag für ihn eine bessere Zeit anbricht.“
Wir müssen Punkte holen
In der Formel 1 kommt es selten vor, dass ein Fahrer eines Mittelklasse-Teams trotz eines zweiten Ranges in einem Rennen am Ende der Saison seinen Helm nehmen muss. Vor allem, wenn es das beste Resultat war. Piquets Chancen sind also gestiegen. Denn wahrscheinlich wird Renault in den kommenden acht Rennen nicht noch einmal so weit vorankommen. Schon gar nicht aus eigener Kraft. Zumal das Team, weil es im Kampf um die Titel keine Rolle spielt, mehr und mehr die Entwicklung des Modells 2009 in Angriff nimmt. Aber Piquets jüngster Erfolg kann intern nicht über seine Schwächen hinwegtäuschen. Alonso hat ihn im Qualifikationstraining zehnmal besiegt, dabei sechsmal – wie in Hockenheim – deklassiert.
Dieser Klassenunterschied hilft einem Team, von dem die Konzernleitung kurzfristig eine Rückkehr in die Spitze fordert, nicht weiter. Wir müssen Punkte holen“, hatte Alonso vor dem Rennen gesagt. Nachher stand er, obwohl zwölf Positionen vor Piquet gestartet, als Elfter mit leeren Händen und einer Menge Wut im Bauch da. Der Star aus Spanien hatte sich auf der Jagd nach Sebastian Vettel gedreht. Und so sagte der Siegertyp, dem das Verlieren besonders auf den Magen schlägt, was er über den zweiten Gewinner des Tages dachte: Das war nur die übliche Sache mit dem Glück. Leute wie mein Teamkollege, die während des Wochenendes ein paar Probleme hatten, nicht den Speed finden konnten, fanden sich plötzlich auf dem Podium wieder.“ Piquet wird ihn widerlegen müssen. Auf der Piste.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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