Formel 1

Singapur lässt Dollar-Zeichen leuchten

Von Anno Hecker, Singapur

Die zehn Millionen Euro teure Lichterkette bestrahlt Felipe Massa

Die zehn Millionen Euro teure Lichterkette bestrahlt Felipe Massa

29. September 2008 Einmal am Schalter gedreht und die Formel 1 erscheint in einem ganz anderen Licht. In Singapur schwärmte der Tross von den Farben in der Nacht, von dem Glanz derselben Boliden, die vor zwei Wochen mit denselben Lackierungen durch die Pfützen von Monza rasten. Der Zirkus fühlte sich auf Anhieb zu Hause in der bezaubernden Atmosphäre einer tropischen Nacht, auf der Bühne inmitten einer Millionenmetropole. (Siehe: Formel 1 in Singapur: Wenn es Nacht wird, geben die Rennfahrer Gas und Formel 1: Singapurs Nationalstolz geht ein Licht auf)

Weil er auf seine Vorlieben traf: jugendliche Frische, finanzielle Kraft und freie Fahrt. Nun strahlt die Formel 1, umgeben von einem neuen lukrativen Schein: „Das Rennen in Singapur“, sagt Chefvermarkter Bernie Ecclestone, „ist das Kronjuwel im Kalender.“ (Siehe: Formel 1 in Singapur: Alonso ist schnellster Nachtfahrer der Welt)

Eccelstone: „Wir fahren mehr Nachtrennen in diesem Teil der Erde“

Wie es scheint, sind die Bilder vom Äquator im alten Europa bestens angekommen. Aber während der taghell erleuchteten Show haben Kritiker einen neuen Schatten entdeckt: Ironischerweise mit Hilfe der 1.500 Lampen über der Piste die nächste Energieverschwendung; neben Benzin nun auch Strom. Wer zu Recht danach fragt, sollte aber auch an die Ausleuchtung von Fußballarenen denken, an Rasenheizungen, an die Vernetzung von vier Kunsteisbahnen für ein paar Bobprofis oder an die Kunstschneeproduktion, damit Skilangläufer in Düsseldorf um die Wette skaten können.

Singapur und Ecclestone werden sich von einer solchen Diskussion allerdings nicht aufhalten lassen. „Wir fahren mehr Nachtrennen in diesem Teil der Erde“, sagt der Brite, „ganz sicher.“ Die Formel 1 ist schon immer dem Geld hinterhergefahren. Sonst wäre sie längst verarmt und verblasst. Dem verstärkten Zug nach Asien seit 1999 (Malaysia) ist inzwischen der gesamte Sport in einen neuen Markt gefolgt.

Ecclestone schürt die Ängste der Europäer

Zuletzt mit den Sommerspielen in Peking. Längst zeichnet sich ab, dass Europa als Heimat der Formel 1 und des Sports überhaupt an Bedeutung verliert. Den Einsatz von Menschen und Moneten wie in China und Singapur können und wollen sich zum Beispiel England und Deutschland nicht leisten. In London warnten Experten einen Tag nach der Schlussfeier von Peking dringend davor, als Gastgeber der olympischen Leistungsmesse 2012 Chinas Demonstration übertreffen zu wollen. Der Nürburgring wird beim Besuch der Formel 1 im nächsten Jahr auch nicht mit einer zehn Millionen Euro teuren Lichterkette im Dunkel der Nacht glänzen.

Ecclestones weiß das. Der Hinweis, die Formel 1 sei keine Europa-, sondern eine Weltmeisterschaft, ist Teil seines Spiels. Er schürt damit die Sorgen der Veranstalter, mehr und mehr von den Konkurrenten in Asien und im Mittleren Osten überholt zu werden. Von Ländern, die Steuergelder investieren, um mit Hilfe der Formel 1 noch mehr in Schwung zu kommen. Jetzt sollen sich auch die Erfinder des Automobils und der Autorennen gemeinschaftlich strecken. Vermutlich sind in diesen Tagen nicht ganz zufällig Zahlen veröffentlicht worden, die einen Grand Prix als volkswirtschaftliches Gewinnspiel preisen. Mit Garantie, wo auch immer er gefahren wird.

Asien nutzt die Formel 1 als Imagekampagne

Überprüfbar sind die Angaben, die von Formel-1-Insidern stammen, kaum. Sicher ist bislang nur, dass die Millionenverluste der Nürburgring GmbH bei der Organisation des Rennens vom Bürger getragen werden. Sie gehört zu 90 Prozent dem Land Rheinland-Pfalz. Ecclestone fasziniert der asiatische Markt, weil er das Doppelte bis Dreifache an Miete für sein Fahrerfeld kassiert. Deshalb wird Europa aber nicht den Auszug der Formel 1 erleben. Eher eine Konzentration auf die traditionellen Strecken. Sie bieten langfristig mehr Sicherheiten, weil der Rennsport Kerngeschäft dieser Unternehmen ist.

„Was gestern war, interessiert nicht“

Singapur, Malaysia, China, Bahrein aber nutzen die Formel 1 vorwiegend zur Beschleunigung ihrer Imagekampagnen. Wenn das Ziel erreicht ist, könnte das Rennen schnell gelaufen sein. Ob Ecclestone auf den Wert der Tradition mit einem dauerhaften Preisnachlass in Europa reagiert und seine Welt in der Balance hält, ist allerdings fraglich.

Er träumt lieber von lukrativen Grand Prix in Paris oder London, von der Antwort Europas auf Singapur: „Was gestern war, interessiert nicht.“ Das hat man am Wochenende erkennen können. Im Licht der Scheinwerfer ließ sich die Formel 1 durch Blenden und Visiere hindurch in glänzende Augen schauen. Und was sah man? Eine Schein-Welt, Dollar-Zeichen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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