Formel 1-Pilot Barrichello

Überlebenskünstler auf hohem Niveau

Von Anno Hecker, Istanbul

09. Mai 2008 Als sei es gestern gewesen. So spricht Rubens Barrichello vom Anfang seines Rekordlaufes. 15 Jahre ist es her, dass der Brasilianer zu seinem ersten Formel-1-Rennen, damals im südafrikanischen Kyalami, in ein Cockpit kletterte. Seit dem ersten Tag hat er mitgezählt, jede Teilnahme am offiziellen Training der Formel 1 als Rennstart gewertet. Und so steht der 35jährige aus São Paulo vor seinem größten Überholmanöver.

Am Sonntag, beim Großen Preis der Türkei, löst er laut eigener Rechnung mit seinem 257. Grand Prix den Rekordhalter Riccardo Patrese ab. Die Kritik puristischer Statistiker, das Fest käme drei Rennen zu früh, zerstreute der Südamerikaner mit dem Hinweis auf seine Feierlaune: „Das geht rauf und runter, wen man auch fragt. Dann feiern wir halt an den nächsten drei Renntagen. Für mich ist das eine große Sache.“ Barrichello ist zwar nie Weltmeister geworden, aber endlich einsame Spitze. Auf Jahre hinaus. Wie vor ihm Patrese.

Der Tod verpasste ihn in Imola nur um Haaresbreite

Die Gratulanten stehen schon Schlange. Barrichellos Rennstall Honda hat dem Dienst-Boliden eine Sonderlackierung verpasst und dem Jubilar ein Werks-Motorrad, ein Geschoss auf zwei Rädern, geschenkt. Als könne ihm nach so einem Berufsleben nichts mehr gefährlich werden.

Vielleicht ist das die größte Leistung: Barrichello hat auf hohem Niveau überlebt. Als er einstieg, war sein jüngster Kollege anno 2008, Sebastian Vettel, fünf Jahre alt. Damals verkehrte noch der Tod im Fahrerlager. Und verpasste den jungen Paulista am schrecklichen Wochenende von Imola 1994 nur um Haaresbreite. Barrichello verunglückte an jenem Freitag in seinem Jordan so schwer, dass sich die Vollgas-Branche angesichts der geringen Verletzungen (gebrochene Nase, Gehirnerschütterung) in einer Überlebenszelle wähnte.

„Eigentlich wollte ich danach nicht mehr fahren“

Tags darauf brach Roland Ratzenberger sich im Qualifikationstraining bei einem Crash das Genick. Im Rennen am Sonntag starb der dreimalige Weltmeister Ayrton Senna vor aller Augen beim Aufprall in die Mauer der Tamburello-Kurve. „Eigentlich wollte ich danach nicht mehr fahren“, sagte Barrichello später, „aber ich liebte und liebe die Formel1.“

Aufgeben gehört nicht zu seinem Programm. Dabei haben die 15 Jahre Spuren hinterlassen. Das Haar ist schütter geworden. Tiefe Falten umrahmen seinen Mund. Sie spiegeln Barrichellos teils bittere Berufserfahrungen: Wer glaubt, sicher zu sein, wird schnell furchtbar überrascht. Wer am schnellsten fährt, gewinnt nicht unbedingt ein Rennen. Wer gleiches Material erhält, kann doch im Nachteil sein. Barrichello will von den seine Karriere bestimmenden Hauptsätzen nicht viel wissen. „Ich habe wunderbare Erinnerungen“, sagt er und strahlt. Nur mit dem Titel ist es bis dato nichts geworden.

„Erster Beifahrer“ Michael Schumachers

Dabei bot sich die Gelegenheit mit dem Wechsel vom Team Stewart zu Ferrari im Jahr 2000. Da saß einer der besten Überholkünstler der Formel1 plötzlich im schnellsten Boliden, bekam in der sechsjährigen Ära bei Ferrari an der Seite von Michael Schumacher doch nie die ganz große Kurve.

Als Barrichello 2002 in Österreich dem viermaligen Weltmeister deutlich vorausfuhr, bremste ihn Teamchef Jean Todt ein: „Let Michael pass for the championship.“ Das tat weh. Die Auflösung des selbstgewählten Kürzels „1B“ in „erster Beifahrer“ erlebte Barrichello laut eigener Darstellung noch einmal 2005 in Indianapolis. „Alle haben immer behauptet, dass es keine Unterschiede zwischen uns gab“, sagte Barrichello nach seinem Abschied von der Scuderia, „aber es war ein ungleicher Kampf.“ Allein über den Grund redet er ungern. Der steckt in den Zahlen. Schumacher gewann in 249 Grands Prix 91 Rennen, belegte 68 Mal die Pole-Position.

Seit Ende 2006 hat Barrichello keinen Punkt mehr gewonnen

Barrichello kommt bislang auf offiziell neun Siege und 13 Bestzeiten im Qualifikationstraining. In der gemeinsamen Zeit bei Ferrari spricht die Quote auch eher für den Deutschen. Im Schnitt gewann der Rheinländer fünf Rennen, bevor Barrichello einmal die Nase vorn hatte (49:9). „Es war einfach so, dass Michael kontinuierlich Spitzenleistungen lieferte und Rubens stärkeren Schwankungen unterlag“, sagt ein ehemaliges Teammitglied: „Er ist ein sehr guter Pilot, der Gefühl für das Auto hat. Aber er ist kein Champion von Michaels Format.“

Barrichello hat die Rolle des Kronprinzen (zweimal WM-Zweiter) meistens akzeptiert und den wachsenden Druck umfahren. Selbst als in der Heimat Satiriker ihren Landsmann in einer Puppenschau regelmäßig als „Ankündigungs-Weltmeister verspotteten“. Intern, bei Ferrari, Honda und bei den Kollegen im Fahrerlager, genoss und genießt Barrichello den Ruf eines untadeligen, schnellen Piloten. Dabei scheint inzwischen auch eine gewisse Bewunderung für dessen unerschütterliche Hoffnung mitzuschwingen: „Ich habe das Talent, Weltmeister zu werden“, behauptete er nach seinem überraschenden Wechsel von Ferrari zu Honda – im reifen Alter von 33 Jahren.

Das war 2006. Inzwischen hat sich die Formel1 wieder und wieder erneuert. Am Donnerstag glänzte im Fahrerlager mal wieder alles wie am ersten Tag. Der ewige Verjüngungsversuch, technisch verstärkt mit dem ständigen Einsatz von Autolackpolitur, hat aber seine Tücken. Er lässt auch einen gemachten Mann wie den Mittdreißiger Barrichello zunehmend älter aussehen. Seit Ende 2006 hat er keinen einzigen Punkt mehr gewonnen. Doch Barrichello hält unbeirrt Kurs: „Hätte ich jemals feststellen müssen, dass Michael Schumacher besser ist als ich, dann wäre ich sofort nach Hause gegangen. Das ist mir aber nie in den Sinn gekommen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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