Von Anno Hecker, Barcelona
25. April 2008 Am Wochenende wird die Formel 1 demonstrieren. Ausnahmsweise nicht allein mit der Wucht geballter Pferdestärken, mit spiegelverglasten, mondänen Motorhomes oder mit der Macht des Geldes. Der Zirkus geht für die Menschenrechte auf die Straße. Während das Internationale Olympische Komitee noch immer überlegt, wer wo wann und wie Selbstverständliches bei den Sommerspielen in Peking einklagen darf, postulieren die Formel-1-Piloten in einer Anti-Rassismus-Kampagne im Fahrerlager Brüderlichkeit.
Heikel ist die unbürokratische, von den Automobil-Konzernen getragene Aktion mit dem doppeldeutigen Namen Everyrace (jede Rasse, jedes Rennen) trotzdem. Denn angeregt hatte sie ein Mann, den inzwischen selbst der Vorwurf einer antisemitischen Attitüde verfolgt: Max Mosley, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes. So kommt es zu einer kuriosen Konstellation. Der Initiator fehlt, wenn die Geste der Menschlichkeit die Runde macht in einer Welt, die zweifellos zur multikulturellsten des Profisports zählt. Allein im Team von Toyota arbeiten Motorsportfreaks aus mehr als zwanzig Nationen Seite an Seite.
Der Zweikampf Alonso gegen Dennis entwickelte sich zu einer profunden Feindseligkeit
Vermutlich hatten die verbalen Angriffe auf Lewis Hamilton bei Testfahrten Anfang Februar keinen rassistischen Hintergrund. Der erste schwarze Pilot der Formel 1 musste sich in Barcelona von spanischen Fans beleidigen lassen. Sie trugen Affenmasken und verstanden später die Aufregung nicht. Denn als misslungener KarnevalsScherz - wie behauptet - lassen sich die Attacken nicht abhaken. Sie waren die Folge von Auseinandersetzungen zwischen Spaniens Formel-1-Held Fernando Alonso und dessen Teamchef bei McLaren im vergangenen Jahr, Ron Dennis.
Deren Zweikampf einwickelte sich zu einer profunden Feindseligkeit, weitergesponnen im Internet von einer aggressiven, phantasiereichen Alonso-Gefolgschaft und kühlen, aber ständig stichelnden McLaren-Fans. An diesem Sonntag tritt nun Alonso - je nach Lager - als der Verratene oder wegen seiner Kronzeugenrolle gegen McLaren in der Spionageaffäre als Verräter in seiner Heimat gegen Dennis' Stellvertreter auf der Piste (Hamilton) an. Eine Art Gegendemonstration zur Everyrace-Kampagne auf den Tribünen will der Veranstalter des Großen Preises von Spanien unterbinden. Gemalte wie geschriebene Unterstellungen sind untersagt. Die Spanier sind doch keine Rassisten, sagt McLarens Testpilot Pedro de la Rosa, es wird anständig ablaufen.
Für den Ex-Weltmeister scheint die Saison gelaufen
Von dem Konfliktpotential bei McLaren-Mercedes, das 2007 die Formel 1 in Atem hielt und Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen letztlich den WM-Titel bescherte, ist nicht viel geblieben. Alonso verlor mit seinem Aus- und Umstieg zurück zu Renault den Anschluss. Als Zehnter kletterte er beim vergangenen Grand Prix in Bahrein aus seinem Cockpit, sogar halbwegs zufrieden. Mehr ist nicht drin, sagt einer, der sonst schon ins Netz beißt, wenn er beim Tennis selbst Freunden unterliegt. Doch als Neunter der Fahrerwertung mit nur sechs Punkten wirkt er auffallend gelassen, fast gelangweilt.
Für Alonso scheint die Saison gelaufen. Und so schaut der zweimalige Weltmeister über die Saison und seinen Jahresvertrag hinaus, kokettierte zuletzt so ungeschminkt mit anderen Größen in der Boxengasse, dass Ferraris Präsident Luca di Montezemolo eine Absage formulierte: Ich sehe keine Möglichkeit für Alonso. Eine Fahrerpaarung Kimi Räikkönen und Alonso würde bedeuten, sich selbst schaden zu wollen. Ich will zwei gleichwertige Piloten, die zusammenarbeiten. Alonso hat sich vorerst verfahren.
Hamilton ein Boxer, der auf allen Vieren seinen Mundschutz sucht
Auf Abwegen war zuletzt auch Hamilton. Der Sieger des Saisonauftaktes in Melbourne litt beim zweiten Grand Prix in Malaysia unter einer Strafversetzung in der Startaufstellung wegen Blockierens im Training und in Bahrein unter ein paar Fehleinschätzungen. Erst schoss er im Training in die Streckenbegrenzung, dann im Rennen nach einem Frontflügelschaden ausgerechnet Alonso ins Heck. Da erschraken selbst dem Team verbundene Beobachter wie der frühere Manager Jo Ramirez: Ich verstehe das nicht. Beim Wintertest in Jerez wirkte er souverän, in sich ruhend, vollständig konzentriert, sagte der Mexikaner dem Fachblatt Autosprint, seine Fehlerquote in den letzten fünf Rennen (inklusive der letzten beiden Grand Prix 2007) war einfach zu hoch.
Inklusive des Sieges in Melbourne sammelte er nur 16 Punkte. Weil zuletzt auch der neue Teamkollege Heikki Kovalainen, bei Renault 2007 nur schwer in die Gänge gekommen, Hamilton vor der Nase herfuhr, sah der Daily Telegraph in Englands großer Hoffnung einen Boxer, der auf allen Vieren durch den Ring krabbelt und seinen Mundschutz sucht.
BMW hat der englisch-deutschen Konkurrenz zuletzt keien Chance gelassen
Der fand in Barcelona immerhin zu Stimme und Gehör. Formtief? Ich bin Dritter der Fahrerwertung, habe eines von drei Rennen gewonnen. So schlecht läuft es nicht mit mir. Aber offensichtlich nicht mehr so gut mit dem Gefährt unter seinem Gesäß. Er will halt das Tempo des Schnellsten fahren, egal, ob das Auto das hergibt, sagt McLarens Geschäftsführer Martin Whitmarsh.
McLaren-Mercedes überfahren? Hinter Ferrari hat BMW der englisch-deutschen Fahrgemeinschaft zuletzt keine Chance gelassen. Als Führender der Konstrukteurswertung haben die Bayern den Schwaben vorerst den Rang abgelaufen. Was spanische Medien nicht auf die technische Stärke des deutschen Teams, sondern auf die menschliche Schwäche bei McLaren zurückführen: Ohne Alonso, höhnte die tägliche Sportzeitung AS neulich, ist McLaren nur die Hälfte wert. Vielleicht hat McLaren etwas verloren. Der Verlust für Alonso aber ist größer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
