Interview

„Ich war mit Schumacher verheiratet“

Mann mit heilenden Händen: Balbir Singh

Mann mit heilenden Händen: Balbir Singh

09. September 2006 Masseur Balbir Singh spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über seine Arbeit von 1995 bis 2005 mit Michael Schumacher. Für die Zukunft wünscht er dem Formel-1-Star „Gesundheit“.

Herr Singh, was hat Sie denn bewogen, Schumacher zwischen 1995 und 2005 zehn Jahre als Physiotherapeut und Masseur die Hand aufzulegen?

Mich faszinierte seine unglaubliche Willenskraft, seine Fähigkeit, sich sehr schnell zu entspannen. Er kann richtig gut abschalten, wenn ihm etwas zuviel wird.

Ist Schumacher ein verspannter Typ?

Nein, überhaupt nicht. Viele Leute denken, er sei arrogant. Aber ich sehe das anders. Er ist ganz normal, bodenständig, kein Angeber. Er hält sich nicht für den Größten. Wir hatten viel Spaß. Auf Partys hält er die Leute bei der Stange bis früh morgens. Michael ist offen für alle Dinge. Man muß ihn überzeugen. Aber es gibt für ihn keine Beschränkungen.

Nennen Sie ein Beispiel.

Als wir zum Rennen nach China gingen, trafen wir vorher einen Meister der Tai-Chi. Das ist eine Art Entspannungstechnik oder Gymnastik im Stehen. Man bewegt sich ganz langsam, leicht, luftig. Wenn die Bewegungen schnell ausgeführt werden, ist es eine Kampfsportart. Michael war begeistert. Diese Art, sich anderen Dingen vorurteilsfrei zu öffnen, machte Spaß.

Kennen Sie Schumacher durch und durch?

Ich habe in den ersten Jahren sehr viel Zeit mit ihm verbracht. Als es anfangs bei Ferrari nicht so gut lief, hat er gesagt: "Das ziehe ich jetzt durch, ich gebe Gas." Und dann hat er viel Zeit investiert, war ständig bei den Testfahrten in Maranello. In dieser Phase war ich mit ihm mehr zusammen als mit meiner Frau. Wir haben scherzend gesagt: "Wir sind verheiratet." In dieser Zeit ist ein großes Vertrauen entstanden.

Schumacher hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt in der Formel 1. Was ist Ihr Erfolg?

Er hat mir vertraut. Er hat sich gehen lassen, wenn ich ihn massierte. Ich spürte, wie er sich unter meinen Händen entspannte, wohl fühlte. Menschen, die wie Schumacher so stark in der Öffentlichkeit stehen, sind sehr vorsichtig. Sie müssen das wohl sein. Sein Vertrauen zu gewinnen war ein großer Erfolg für mich.

Haben Sie ihm auch vertraut?

Sicher. Es muß ein gegenseitiges Vertrauen vorhanden sein. Michael ist ein Mensch, der sein Wort hält. Da braucht man nichts schriftlich.

Wie oft ist er unter Ihren Händen eingeschlafen?

Oft. Das war ja immer mein Ziel. In Kanada habe ich mich dann mal herausgeschlichen und die Zimmertür geschlossen. Dabei blieb mein Hemd im Spalt hängen. Ich konnte es nicht herausziehen und die Tür nicht öffnen. Das war etwas unangenehm, weil ein Hotelangestellter dachte, ich würde mich an der Tür zu schaffen machen. Michael hat das ganze Theater verschlafen.

Heute will er bekanntgeben lassen, ob er aufhört oder weitermacht nach der Saison. Wie hat er sich entschieden?

Das weiß ich nicht. Ich habe nur einen Wunsch: Er soll gesund bleiben.

Die Fragen stellte Anno Hecker.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 18
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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