18. Juli 2008 Die Werbestrategen in Hockenheim haben sich die Hände gerieben. Gleichstand an der Spitze! Drei Formel-1-Piloten rasen auf der Position, die letztlich nur Platz für einen bietet, ins badische Motodrom, um dort am Sonntag beim nächsten Verdrängungswettbewerb die beiden Konkurrenten abzuschütteln. Und so klingen die Lockrufe der Veranstalter wie einst vor dem Zirkuszelt der Sensationen: Hereinspaziert, das hat die Welt lange nicht gesehen!
Lewis Hamilton (McLaren) und die beiden Ferrari-Piloten Felipe Massa und Kimi Räikkönen fahren mit 48 Punkten nach neun von 18 Formel-1-Rennen in Deutschland vor. 50 Jahre ist es her, dass die Grand-Prix-Gesellschaft eine solche präzise Ausgeglichenheit produzierte. Und so frohlocken die Protagonisten vor lauter Atemlosigkeit bei dieser Anspannung: Natürlich hätten wir gerne 50 Punkte Vorsprung, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug, aber so ein Ergebnis hat man nicht alle Tage. Das ist schon eine verrückte Saison, eine sehr gute WM für die Zuschauer.
Gewaltiger Druck unter der Oberfläche

Champagnerstrahl: Kam es im Rennen nass von oben, schießt Lewis Hamilton bei der Siegerehrung zurück
Meckern verboten? Das hätten die Hauptdarsteller gerne. Zur Hälfte der Saison aber fühlen sie sich emotional durchgeschüttelt wie nach einer extremen Achterbahnfahrt im Formel-1-Tempo: Eben noch lobte die Zeitung Folha da São Paulo Massa als Nachfolger des legendären Ayrton Senna in den siebten Himmel, nun verdammen sie ihn als Kringeldreher. Hamilton schien englischen Qualitätsprüfern schon als Nachtschwärmer auf gefährlichen Abwegen, ehe er ihnen beim Heimatrennen wie einer erschien, der über Wasser geht. Selbst Weltmeister Räikkönen kam in Italien nicht ohne Extratouren davon: Crashpilot und Champion in einer Person? Zwar geben die Stars vor, zum Selbstschutz nicht zu lesen, was geschrieben wird. Aber Massas ungewohnt üble Laune, Hamiltons heftige Presseschelte und die Klage des eher stoischen Räikkönen über einen zudringlichen Fotografen deuten auf den gewaltigen Druck unter der Oberfläche. Es brodelt, nachdem sich die drei besten WM-Kandidaten neben hervorragenden Rennen auch Fehler erlaubt haben, die die Formel-1-Welt selten in dieser Häufigkeit gesehen hat.
Hereinspaziert und zurückgeblickt auf die kapitalsten Touren neben der Spur in der ersten Saisonhälfte: Massa trudelte schon beim Saisonauftakt von der Piste, krachte später in den Boliden von David Coulthard. Der Brasilianer schoss in Monaco als Führender in den Notausgang von St. Devote, drehte sich in Silverstone wie auf einem Kirmes-Karussell: sechsmal. Englands Wunderkind Hamilton katapultierte Räikkönen in Kanada zur Überraschung des Weltpublikums aus der Boxengasse, weil er nur einmal Rot sah. Ferrari-Rot, nicht das Ampellicht. Der Champion wiederum verschätzte sich im monegassischen Fürstentum mehrfach. Beim finalen Ausrutscher zerschmetterte er das Heck von Adrian Sutils Force India. Sutil weinte, das Ziel als Vierter schon vor Augen. Dabei waren die Fehlleistungen der Superstars eigentlich zum Heulen. Zu den größten Böcken gesellten sich Blockade-Aktionen mit Strafversetzungen (Hamilton), weitere vermeidbare Unfälle im Rennen (alle drei) bis hin zum verbotenen und bestraften Abkürzen einer Schikane (Hamilton).
Die Frage ist doch, warum solche Fehler entstehen
Das kuriose Fehlerprogramm ergänzten die Rennställe. Wegen einer falschen Programmierung der Benzinversorgung bekam Räikkönen beim Qualifikationstraining in Melbourne keinen Sprit mehr, Hamilton wurde in Kanada nicht auf die rote Ampel hingewiesen, Ferrari versäumte in Monaco, die Reifen am Weltmeisterauto fristgerecht zu montieren (Durchfahrtsstrafe), eine Radmutter an Hamiltons McLaren klemmte in Malaysia, McLarens Elektronik versagte beim Start in Monaco, Massa beklagte eine falsche Taktik, und Räikkönen verdarb ein gebrochener Auspuff in Frankreich die Siegchance.
Die Summe aller beobachteten Fehler bei den drei Piloten und ihren beiden Teams macht stutzig: Ist die WM angesichts von wenigstens 30 Missgeschicken unter den Besten noch von besonderer Qualität? Norbert Haug holt Luft: Die Frage ist doch, warum solche Fehler entstehen, sagt der Motorsport-Experte: Wenn man ein souveränes Paket hat (Auto und Fahrer), wenn man nicht ans Limit gehen muss, dann hat man mehr Spielraum, es passiert weniger. In diesem Jahr geht es sehr eng zu, die Jungs sind wahrscheinlich nicht mal eine Zehntelsekunde auseinander. Die Fehler sprechen letztlich für die Härte des Kampfes.
Ein spannendes Duell um den Sieg Rad an Rad hat gefehlt
Weder Ferrari noch McLaren ist es in den ersten neun Grand Prix gelungen, sich mit einem Fortschritt durch Technik von der Konkurrenz abzusetzen und in Ruhe um den Gegner zu kreisen. Das Kräftespiel schwankt je nach Streckenprofil um Nuancen, entsprechend hoch ist Belastung in den Entwicklungsabteilungen. Zudem hat die Laune der Natur kräftig mitgemischt. Wechselnde Pistenverhältnisse wie in Monaco oder Silverstone ließen die Zahl der Ausritte auch schon zu Zeiten der Perfektionisten wie Senna, Alain Prost und Michael Schumacher in die Höhe schnellen.
Auch der Wegfall der Traktionskontrolle, die das Durchdrehen der Räder bei der Beschleunigung optimiert, macht auf nasser Piste selbst den Siegkandidaten zu schaffen. So ist es bislang kunterbunt zugegangen. Nur eines hat gefehlt: ein spannendes Duell um den Sieg Rad an Rad. Ein Kampf über Runden wie einst zwischen Fernando Alonso und Michael Schumacher in Imola 2005 und 2006. Hamilton, Räikkönen und Massa sind sich so packend noch nicht begegnet. Irgendeiner hat immer gepatzt. In diesem Spiel kam dann der Dritte zum Zuge: die Fahrgemeinschaft Robert Kubica/BMW-Sauber. Der Pole liegt mit 46 Punkten knapp hinter dem Führungstrio auf Rang vier. Obwohl er einen langsameren Rennwagen fährt. Dass er die annähernd gleiche Ausbeute zu bieten hat, lässt sich leicht erklären. Kubica und BMW leisteten sich kaum Fehler.
Text: F.A.Z.
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