Nico Rosberg im Interview

„Gebt mir ein Siegerauto, dann beweise ich es“

Nico Rosberg: “So ein Leben ist auch wahnsinnig hart“

Nico Rosberg: "So ein Leben ist auch wahnsinnig hart"

11. März 2008 Williams-Pilot Nico Rosberg, 22 Jahre alt, Einser-Abiturient, trägt einen berühmten Namen. Sein Vater Keke war 1982 Formel-1-Weltmeister. Hat auch der Sohn das Zeug zur großen Persönlichkeit, zum Star? 17 Jahre lang war die Formel 1 die Formel Schumacher. In diesem Jahr dreht zum ersten Mal kein Kerpener in der Königsklasse seine Runden. Dafür fünf junge Deutsche: Heidfeld, Sutil, Vettel, Glock und eben Rosberg, der gebürtige Wiesbadener.

Die bevorstehende Saison ist die erste in der Formel 1 seit 1990, ohne dass einer der Schumacher-Brüder mitfährt. Geben die jungen Wilden jetzt endlich Gas?

Ich finde es schade, denn ich bin immer ganz gerne gegen sie gefahren. Aber klar hat sich da jetzt eine Lücke aufgetan, in die wir Junge mit Vollgas reinspringen müssen, wenn sich das Interesse an der Formel 1 nicht bald in Luft auflösen soll. Aber genau darin sehe ich meine Aufgabe, den freigewordenen Platz jetzt mit aller Macht für mich zu nutzen. Ich bin dafür bereit.

Bei einem der letzten Testfahrten in Barcelona ist Michael Schumacher noch einmal in den Ferrari gestiegen und war auf Anhieb wieder schnellster Deutscher . . .

Er sitzt in einem ganz anderen Auto als wir anderen deutschen Fahrer. Da können wir nicht gegen anstinken. Es ist einfach beeindruckend, zu sehen, dass ein siebenmaliger Weltmeister sich nicht dafür zu schade ist, für einen Test noch einmal in das Auto zu steigen, um es weiter zu optimieren. Das hat sportliche Größe, das hat es nie gegeben, das wird es auch nicht mehr geben. Da ist Michael einmalig.

Während dieser Testfahrten hat Schumacher Sie als den deutschen Fahrer gelobt, von dem er 2008 am meisten erwartet.

Superklasse natürlich, dass er so von mir denkt. Ich hoffe natürlich, dass er recht hat und ich ihm die Vorschusslorbeeren mit sehr guten Ergebnissen zurückzahlen kann. Aber leider ist es im Moment dafür noch viel zu früh. Nach dem ersten Rennen in Melbourne wissen wir, wie gut das Auto wirklich ist.

Was sagt Ihr Bauchgefühl?

Das sagt mir, dass wir besser sind als letztes Jahr. Aber alle sind besser als letztes Jahr. Wenn es gut läuft, sind wir die Nummer vier hinter BMW. Dann können wir vielleicht auch mal aufs Podium fahren, wenn der eine oder andere ausfällt. Das wäre Wahnsinn. Ansonsten sehe ich uns zwischen Platz sechs und acht. Wenn es schlecht läuft, werden uns aber auch Red Bull und Renault große Probleme machen können. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Was machen die Rosbergs, Sutils und Vettels anders als die Generation Schumacher?

Die macht nichts anders, weil Michael Schumacher in allen Bereichen das Machbare so ausgereizt hat, dass es unsere Aufgabe sein muss, das jetzt fortzuführen. Michael hat die Standards gesetzt, etwa was die Physis angeht. Er war wahrscheinlich der talentierteste Fahrer, aber ganz sicher der ehrgeizigste, der größte Profi von allen.

Sie selbst gelten als ähnlich ehrgeizig. Gleich in Ihrem ersten Rennen 2006 in Bahrein fuhren Sie mit der schnellsten Rennrunde in die Punkte. Geht Ihnen Ihre Karriere schnell genug voran?

Ich bin realistisch genug, dass ich weiß, dass ich noch warten muss. Ich arbeite sehr hart an mir, um alles aus mir herauszuholen. Aber dafür brauche ich ein hohes Maß an innerer Ruhe, sonst wird das nichts. Die Formel 1 ist Geduldspoker.

Wann hat es Ihnen der berühmte Familienname Rosberg leichter, wann schwerer gemacht?

Am Anfang war es sicher leichter, weil der Name als Türöffner perfekt funktionierte. Als wir Sponsoren gesucht haben, die ganze Finanzierung auf die Beine gestellt haben, da hat der Name sicher sehr geholfen. Wenn du am Anfang kein Geld mitbringen kannst, dann schaffst du es nicht in die Formel 1. Schwierig sind die Erwartungen, die heute an mich gestellt werden. Die Leute erwarten einfach, dass ein Rosberg vorne fährt und nicht hinterher. Das Gute daran ist, dass ich den Druck heute kaum noch wahrnehme, weil ich ja damit aufgewachsen bin. Ich kenne es nicht anders.

Sind Sie sicher, dass Sie den berühmten Vater irgendwann vergessen lassen?

Da bin ich mir ganz sicher, dass ich den Schatten meines Vater eines Tages hinter mir lassen werde. Wobei das nicht mein wichtigstes Ziel ist. Denn ich bin ja sehr stolz darauf, einen solch berühmten Vater zu haben, auch wenn er mein größter Kritiker ist, mit dem es nicht immer ganz leicht ist. Bei uns zu Hause ist er ein echter "petrol head", wie man in England sagt. Also einer, der Benzin im Blut hat. Ständig möchte er mit mir über Motorsport reden, so dass ich dann irgendwann zu ihm sage: "Dad, lass gut sein, lass uns übers Wetter reden."

Auf die Frage, wer der beste deutsche Fahrer ist, hat Ihr Vater Nick Heidfeld genannt, nicht Sie. Ist das seine Art der innerfamiliären Motivation?

Das hat er sicher auf das Auto bezogen, und da hat er ja auch recht. Für mich wird es schwierig, Heidfeld im BMW zu schlagen. Anders sieht die Situation sicher aus, wenn wir alle im gleichen Auto sitzen würden . . .

Halten Sie sich für den besten deutschen Fahrer?

Muss ich das beantworten? Lieber nicht, gibt nur wieder Schlagzeilen (Rosberg lächelt vielsagend).

Bei allem Ehrgeiz, der Sie so auszeichnet: Wie sehr beneiden Sie den gleichaltrigen Lewis Hamilton, dass er bereits in einem Siegerauto sitzt, um die WM fährt und Sie nicht. Finden Sie das ungerecht?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde klasse, was Hamilton macht. Natürlich hat er Glück gehabt mit dem Auto, aber er muss es ja auch umsetzen. Sonst wird er da nicht lange drinsitzen. Ich neide ihm das nicht, im Gegenteil: Ich habe die Hoffnung, dass auch ich bald in einem Siegerauto sitzen werde. Aber ich lasse mich da nicht verrückt machen. Ich nehme die Herausforderung Rennen für Rennen an. Ich bin keiner, der sagt: Ich muss jetzt sofort Weltmeister werden. Aber ich sage auch: Ich bin jetzt so weit, Rennen zu gewinnen. Das kann ich sagen, weil ich es heute in mir fühle. Geben Sie mir ein Siegerauto in die Hand, und ich werde es Ihnen beweisen.

Sie haben alles, wovon Jungs träumen: gutes Aussehen, tollen Job, viel Geld. Wie groß ist Versuchung, dass man in der Formel 1 ein verwöhnter Bengel wird?

Die Gefahr ist ganz klar da, dass man verdorben wird. Es ist ja auch ein cooler Job. Du kommst als junger Bursche in der schönen, wohlhabenden Welt herum wie sonst wenige. Mir aber wird das schon deshalb nicht passieren, weil ich sehr aufmerksam bin und mir diese Welt, die mit der Realität natürlich oft nichts zu tun hat, sehr genau anschaue. Da spielt auch die Erziehung eine große Rolle. Man darf natürlich auch eines nicht vergessen: So ein Leben ist auch wahnsinnig hart. Die Geschwindigkeit, die Intensität des Jobs ist unglaublich. Du bist ständig unterwegs, nie zu Hause, immer Termine, nie für dich allein. Glauben Sie mir: Die Formel 1 ist nicht nur rosig.

Das Gespräch führte Thilo Komma-Pöllath.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

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