Von Anno Hecker, Spa-Francorchamps

War zufrieden mit Rang zwei: Felipe Massa darf aber seinen Pokal noch nachträglich gegen die Siegertrophäöe eintauschen
07. September 2008 Eben noch im siebten Himmel, nun aus allen Wolken gefallen. Gegen 18 Uhr blieb Lewis Hamilton der leichte Happen eines kleinen Siegermenüs schwer im Halse stecken. Just als ihn die Nachricht des Verkehrsgerichts vom Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) erreichte. Die drei Herren befanden den Briten gut zweieinhalb Stunden nach Ende des Großen Preis von Belgien der unerlaubten Vorteilsnahme beim Zweikampf mit Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen für schuldig.
Nachträglich fügten sie seiner Siegerzeit von 1:22:59,394 Stunden über gut 308 Kilometer 25 Sekunden hinzu. Was einer Herabstufung von Rang eins auf drei entspricht. Damit stieg Hamiltons Rivale im Kampf um die Fahrerweltmeisterschaft, Felipe Massa, zum offiziellen Sieger des zwölften Saisonrennens auf. Im Zuge des Verfahrens rückte BMW-Fahrer Nick Heidfeld auf den zweiten Platz vor. Mit dieser Rochade spitzt sich der Titelkampf zu. Denn Hamiltons zunächst herausgefahrener Vorsprung schrumpfte am Sonntag mit dem Richterspruch von neun (76) auf zwei Punkte vor Massa (74).

Nieselregen wie auf Knopfdruck
Ein Grand Prix in Spa-Francorchamps ist immer für Überraschungen gut. Schon das Rennen riss die Zuschauer, je nach Zuneigung für Rot oder Silber, hin und her. Als Weltmeister Kimi Räikkönen nach 40 Führungsrunden wie der sichere Sieger aussah, wie einer, der nach einem Formtief endlich wieder auf der Überholspur unterwegs schien, bescherte ein Schauer den 100.000 Zuschauern ein dramatisches Finale - auf einer einzigen Runde, sieben Kilometer, die Leid und Glück, Missgeschick und Können des Menschen in der Maschine wie kaum eine andere zu Tage förderte.
Längst waren die Statements der Presse-Abteilung vorformuliert, Rennberichte auf Räikkönens Comeback getrimmt. Doch wie auf Knopfdruck begann der Grand Prix mit einsetzendem Nieselregen von neuem.
Strafrelevante Abkürzung
43. Runde: Hamilton schließt auf nasser Piste sofort zum führenden Räikkönen auf, greift ihn vor der Schikane an. Der Weltmeister wehrt sich, zwingt Hamilton, die Abkürzung zu nehmen. Diesen Vorteil gibt der Brite auf der folgenden Zielgeraden auf. Er lässt Räikkönen wieder vorbei. So will es das Reglement. So sah man es mit flüchtigem Blick auf den Bildern des Fernsehens.
Doch die Streckenkommissare werten Hamiltons kurze Zurückhaltung nicht als entlastend. Beim Abkürzen der Schikane gewann er einen Vorteil, heißt es in der nicht näher erläuterten Urteilsbegründung. Hamilton wirkte schon vor der Bestrafung irritiert: Ich habe doch alles getan, was man tun musste, um diesen Vorteil rückgängig zu machen, hatte er während der Untersuchung erklärt und gleich eine Interpretation vorausgeschickt: Wenn ich dafür bestraft werde, muss etwas faul sein.
Sondervorstellung von Räikkönen und Hamilton
Mercedes-Sportchef Norbert Haug schüttelte später den Kopf: Wir verstehen die Argumentation nicht. Es gibt keine Regel, die sagt, wie weit man einen vorbeilassen muss. Außerdem war es nicht entscheidend. Folgerichtig legte McLaren-Mercedes Berufung ein. Ferrari teilte diese Sicht nicht.
Zweifellos aber überschattet diese letzte Runde am Sonntag einen Grand-Prix von besonderer Qualität. Denn Hamilton und Räikkönen setzten ihre Sondervorstellung nach dem umstrittenen Vorfall fort: Auf der Zielgeraden zog der McLaren-Mann zackig am Weltmeister vorbei. Dann rasten die Boliden durch die Eau Rouge auf die lange Gerade hinauf. Auf der nassen Piste sind die Rennwagen kaum zu beherrschen. Prompt sauste Hamilton durch die Botanik. Räikkönen führte wieder, die Roten jubelten - zu früh. Denn wenige Augenblicke später drehte sich mit dem Ferrari wieder das Bild. Die Silbernen ballten ihre Fäuste, während Räikkönens Renner bei der Aufholjagd mit einem Einschlag in die Streckenbegrenzung endgültig Form und Fassung verlor.
Heidfeld beweist Denkerqualitäten
Ich mag diese Kämpfe, sagte der Sieger vor seiner Degradierung mit einem breiten Lächeln, das war wohl eines der aufregendsten Rennen meines Lebens. Eines, was leider über die Ankunft hinaus spannend blieb. Hamilton durchlebte in Spa also nicht nur während der letzten Runden ein ständiges Auf und Ab. Von der Pole-Position war er als Erster - gefolgt vom Ferrari-Duo Massa und Räikkönen - losgezogen. Die drei kamen unbeschadet durch die nur 250 Meter entfernte Schlüsselstelle, eine Haarnadelkurve namens La Source, die Übereilige bestraft.
Toyota-Mann Jarno Trulli hatte mit seinem allzu optimistischen Sprintstart entlang der Boxenmauer alle hoffnungsvollen Jäger aus der Bahn getrieben. Um einem Aufprall am Stauende zu entgehen, zog er nach links, zwang neben anderen BMW-Pilot Heidfeld zu einem Ausweichmanöver, das Positionen kostete. Statt als Fünfter im Rennen zu bleiben, musste sich der Mönchengladbacher als Elfter wieder einreihen. Doch der Rheinländer kämpfte sich voran und zeigte im Finale als bester Deutscher, wie ein erfahrener Denker über einen Umweg Boden gut macht: Als es zu nieseln begann, dachte ich, dass sich keiner trauen wird, auf Regenreifen umzurüsten. Heidfeld traute sich, überholte deshalb in der letzten Runde fünf Rivalen und kletterte auf das Podium: Das war eine Sekt- oder Selters-Entscheidung. Mehr noch. Im Ziel genoss der Rheinländer Champagner.
Wird Massa nun Ferrari-Chefpilot?
Auch Räikkönen hatte zu schlucken. Nur war es nicht so prickelnd. Die Zweifel mehren sich, ob der Finne wirklich in der Lage ist, ein Team zu führen wie einst Schumacher: Kimi verfügt nicht über den Ruf, eine Person zu sein, die ein Auto gut entwickeln kann, sagte der frühere Technische Direktor von Ferrari, der allseits wegen seines Überblicks geschätzte Ross Brawn. Aber, fügte der neue Teamchef von Honda hinzu, er ist sehr schnell.
Am Sonntag war er zu schnell, um seiner Titelverteidigung neuen Schwung zu verleihen. Es war mein Fehler, gab Räikkönen zu, ich wollte unbedingt gewinnen. Stattdessen ist Ferrari nun in Zugzwang geraten. Fünf Grand Prix vor Ende der Saison scheint die Zeit gekommen, einen Chefpiloten gegen den außergewöhnlichen Solisten bei McLaren-Mercedes ins Rennen zu schicken: Massa.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa