24. Dezember 2008 Freundlich, fröhlich, friedlich: Sebastian Vettel ist der Darling der Szene. Die Verbissenheit von Seriensiegern der Formel 1 scheint ihm fremd. Spielerisch hat der 21 Jahre alte Pilot aus Heppenheim die ersten Hindernisse in der mitunter nebulösen Branche umkurvt, auf und neben der Strecke. Dabei verfolgt er seinen Kurs so zielstrebig wie kaum ein Kollege. Seine frühreifen Leistungen unter schwierigsten Bedingungen verraten eine besondere Steuerkunst: Bis jetzt bin ich ohne Manager ausgekommen. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern.
Sie sind jüngster Grand-Prix-Sieger der Formel 1, haben das Regenrennen in Monza gewonnen. Hatten Sie Glück?
Nein! Die Bedingungen waren für alle gleich. Wir waren in Hochform, und an dem Tag hat alles gepasst. Wir haben das beste Paket gestellt und uns keine Fehler erlaubt. Deshalb haben wir verdient gewonnen.
War es also tatsächlich ein Sieg ohne Glück?
Ich glaube an das Sprichwort vom Glück des Tüchtigen. Derjenige, der viel und hart arbeitet, hat es am Ende verdient zu gewinnen. Das haben wir die ganze Saison über getan. Anfangs war es sehr schwer, weil es viele Rückschläge gab. Trotzdem haben wir uns immer wieder aufgerappelt und wurden besser und besser. Als dann die Chance da war, haben wir sie gepackt und das Beste draus gemacht - und das war in diesem Fall eben der Sieg.
Das Glücksgefühl ist hart erarbeitet?
Ganz genau. Ich glaube daran, dass man Glück nur mit harter Arbeit bekommen kann.
Haben Sie Glücksbringer?
Ja. Das ist schon ein Widerspruch. Ich habe sogar sehr viele Glücksbringer, auch wenn ich nicht allzu abergläubisch bin. Vor den Rennen stecke ich sie immer in die Tasche meines Rennanzugs. Zwischendurch wollte man mir die Tasche schon mal abtrennen, weil sie eigentlich keine Funktion hat. Nein, habe ich dann gesagt. Ich brauche diese Tasche. Ein Grund ist, etwas unternehmen zu können, falls ich mal in eine kleine allzu menschliche Notlage gerate. Der zweite Grund sind meine Glücksbringer. Also habe ich die Tasche behalten dürfen.
Was haben Sie für Glücksbringer?
Ich habe eine Ein-Cent-Münze, einen Glückspfennig, ein Glücksschweinchen, und ich habe einen Dollarcent. Den habe ich vor dem Rennen in Indianapolis (Vettels Premiere 2007) beim Joggen gefunden.
Was bringen die Glücksbringer?
Das letzte Stückchen Kraft und den letzten Glauben an sich selbst. Ich glaube aber nicht, dass ich durch Glücksbringer eine Kurve mit zehn Kilometern pro Stunde schneller fahren kann, dass das reine Magie ist. Aber der Glücksbringer verdrängt Zweifel, die man vor dem Rennen noch hat. Ich weiß dann einfach: Ich habe alles getan, jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Ansonsten sitzt man im Auto, kurz bevor das Licht der Ampel verlöscht, und denkt: Ich habe den Glücksbringer nicht eingesteckt! Das ist mir auch schon passiert. Aber ich bin trotzdem gestartet.
War es für Ihre Karriere ein Glück, dass BMW-Pilot Robert Kubica im Rennen vor Ihrem ersten Auftritt in Indianapolis verunglückt ist, so dass er nicht fahren konnte?
Ich würde nicht sagen, dass es Glück war. Niemand hat ihm diesen Unfall gewünscht. Als ich die Bilder gesehen habe, dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass ich dadurch nun zum Zug kommen könnte. Ich war genauso entsetzt wie jeder andere. Zu dem Zeitpunkt war ich in der Box und habe das Rennen angeschaut. Als es dann hieß, dem Robert geht es den Umständen entsprechend gut, kam irgendeiner, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: ,Nächste Woche fährst du dann.' Erst dann ist bei mir das Licht angegangen, weil ich darüber noch gar nicht nachgedacht hatte. Ob man das als Glück bezeichnen kann? Ich würde es nicht so sehen, aber sicherlich war es ein glücklicher Zufall. Mir hat es mit Sicherheit geholfen, dadurch habe ich erst das Cockpit bei Toro Rosso bekommen.
Sind diese Unfälle in der Formel 1 denn Zufälle?
Die Formel 1 ist am Limit gebaut, man versucht immer, etwas mehr rauszukitzeln. Natürlich kann mal etwas kaputtgehen, ein Rad, ein Flügel abfallen oder der Motor hochgehen. Auf der anderen Seite muss man sich bewusst sein, dass man nicht mit irgendwelchen Spielzeugautos, sondern mit der Realität spielt - und da kann immer etwas passieren, das Risiko ist sehr groß. Die Arbeit an dem Auto ist vergleichbar mit der Arbeit an einem Flugzeug. Man kann nicht sagen: Das wird schon passen, das wird schon halten. Wenn das Flugzeug abstürzt, hat man das Leben von vielen Menschen auf dem Gewissen. Ähnlich ist das mit der Verantwortung jedes Einzelnen im Team in der Formel 1. Da steckt man als Fahrer nicht drin, das ist dann wirklich außerhalb unserer Kräfte.
Bei der Vorbereitung des Autos werden Teile ausprobiert, die aus Gewichtsgründen am Limit konstruiert sind. Es sind schon oft Flügel gebrochen, was zu schweren Unfällen führte. Welche Rolle spielt das Schicksal in Ihrem Beruf?
Eine große. Wir haben zwar das Lenkrad in der Hand, aber vertrauen natürlich der Technik. Der Wettbewerb ist knallhart. Der, der langsamer ist, verliert. Ganz einfach. In der Position möchte niemand sein, also strengt man sich immer mehr an, es gibt immer wieder neue Entdeckungen und Erfindungen, neue Wege - und wenn experimentiert wird, dann geht auch mal was schief. Gott sei Dank aber hat sich die Sicherheit der Autos in den vergangenen Jahren extrem verbessert, auch das Drumherum an der Strecke ist sicherer geworden. Aber manche Strecken, wie zum Beispiel Monaco, werden nie den Standard von neugebauten Strecken wie Bahrein oder Schanghai haben. Wenn man sich die Bilder anschaut vom Robert (Kubica, beim Rennen in Kanada 2007), dann ist nur schwer zu glauben, dass er ohne schwere Verletzungen ausgestiegen ist.
Haben Sie noch nie Angst gehabt?
Natürlich hatte ich schon Unfälle und bin auch schon abgeflogen. Es ist ein sehr mulmiges Gefühl, wenn man weiß, dass man es jetzt nicht mehr in der Hand hat. Wenn man weiß, egal, was ich mache - bremsen, Gas geben, rechts lenken, links lenken -, es ändert nichts mehr, ich werde in kurzer Zeit die Mauer oder den Reifenstapel berühren. Da gibt es sicher angenehmere Gefühle. Man neigt dazu, die Gewalt, die dahintersteckt, ständig zu unterschätzen. Allerdings ist in den vergangenen 14 Jahren kein Fahrer mehr gestorben. Ich habe letztens mit einem älteren Herrn gesprochen, und der hat mir gesagt, dass es früher normal war, wenn zwei oder drei Piloten in einem Jahr ihr Leben verloren haben. Das gehörte zum Geschäft. Ein gewisses Risiko ist immer noch dabei. Aber letzten Endes sucht man nach dem Kitzel, dem Kick und versucht in jeder Runde, sich an das Limit ranzutasten.
Dann empfinden Sie Glück?
Ja. Die Leute sagen vielleicht: Der sitzt immer im gleichen Auto, fährt immer im Kreis, bis das Benzin verbraucht ist, dann fährt er rein, wechselt noch die Reifen und fährt weiter. Aber jede Runde ist eine neue Herausforderung. Im Qualifying muss man eine Runde von Anfang bis Ende perfekt hinbekommen. Es geht darum, die Reifen optimal auf Temperatur zu halten, die Drücke (Luftdruck der Pneus) perfekt zu justieren, das Auto an das Limit zu bringen, und wenn man dann alles perfekt geschafft hat - und man braucht dabei gar nicht die Zeit sehen, das spürt man -, dann ist das Gefühl unschlagbar. Oder im Rennen, wenn man jede Runde versucht, immer besser zu werden, den Vordermann zu kriegen, und man hat ihn dann - das sind Momente, in denen sich das Glücksgefühl einstellt.
Welche Rolle spielt die Geschwindigkeit dabei?
ANTWORT: Wenn das Ganze langsamer wäre, dann wäre es natürlich auch weniger spaßig. Das ist ganz klar.
Kann man süchtig nach diesem Rausch werden?
Ja, nicht krankhaft. Aber man kann ohne das irgendwann nicht mehr leben. Ich war jetzt auf der Kartbahn, habe die kleinen Kinder fahren sehen, man hört die Motoren brummen, dieser bestimmte Geruch liegt in der Luft, und es kribbelt. Da möchte ich am liebsten sofort mitfahren.
Sie sind also nicht nur süchtig nach der Formel 1?
Nein, man ist einfach fahrgeil. So würde ich es sagen. Das ist auch das Wichtigste, egal, was man macht, man darf nur den Spaß nie verlieren.
Das Geschäft Formel 1 besteht aber nicht nur aus Spaß, sondern auch aus ernsten Dingen. Spielen Sie nicht mit Ihrem Glück, wenn Sie noch immer keinen Manager haben?
Nein, bis jetzt hatte ich das immer fest in der Hand. Ich frage schon mal meine Familie und gute Freunde um Rat. Die Entscheidungen treffe aber ich. Bis jetzt hat es gut funktioniert. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern.
Ist es ein gutes Gefühl, in einer so komplizierten, kaum durchschaubaren Welt mit gewieften Managern und verschwiegenen Agenten und Gegenspielern seine Zukunft mit einer Unterschrift zu besiegeln?
Man hält sein Schicksal in seinen eigenen Händen. Wenn man eine Entscheidung trifft, dann ist es das Wichtigste, dass man sich absolut darüber im Klaren ist, warum man das macht. Und dann gibt es keinen Grund mehr zur Diskussion. Wenn sich im Nachhinein etwas als falsch herausgestellt hat, dann muss man trotzdem so ehrlich zu sich sein und sagen: In dem Moment war das für mich die richtige Entscheidung. Deshalb habe ich sie getroffen. Selbst wenn das bedeutet, dass ich ein paar Jahre im Regen stehen muss, was ich dann eben aushalten müsste.
Es gibt philosophische Ansätze, nach denen Selbstkontrolle, Selbstbestimmung die ersten Schritte zum Glück sind. Stimmen Sie zu?
Ja, das ist vielleicht wirklich ein Teil des Glücks. Den Kreis kann man dann so schließen.
Eine Ihrer jüngsten Entscheidungen war der Wechsel zum Mutterteam Red Bull Racing, ein Rennstall, der langsamer war als Toro Rosso, nicht unbedingt als Siegerteam bekannt ist. War das wirklich eine glückliche Entscheidung?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass es die richtige Entscheidung war. Bis Mitte 2007 war ich Testfahrer bei BMW und hatte keinen Ausblick auf einen Rennsitz. Von daher bin ich sehr froh, dass man mir bei Toro Rosso ein Cockpit gegeben hat. Zu dem Zeitpunkt war es natürlich ein großes Risiko, weil Toro Rosso am Ende des Feldes lag, und natürlich gab es Leute, die gesagt haben: Mach das nicht, das ist nicht gut für dich. Aber ich wollte Rennen fahren, dafür lebe ich. Ich bin nicht dafür da, um ein bisschen auf und ab zu stolzieren und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich will Rennen fahren. Die Chance habe ich dort bekommen, also habe ich keine Sekunde daran gezweifelt und bin zu Toro Rosso gegangen. Nach einem Jahr kann man sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Im nächsten Jahr fahre ich für Red Bull Racing, es ist der Schritt in die richtige Richtung. Das Potential ist da, trotzdem gibt es viel zu tun. Aber das ist jetzt die Herausforderung, ansonsten wäre es ja auch langweilig.
Formel-1-Manager Bernie Ecclestone hat gesagt, Sie seien ein Glücksfall für die Formel 1. Ihr damaliger Teamchef Gerhard Berger verglich Sie schon mit Michael Schumacher. Die Erwartungen sind ungemein groß geworden.
Welche Erwartungen andere Leute an mich stellen, das liegt nicht in meiner Hand. Ich verlange von mir nur das Beste, habe einen sehr, sehr hohen Anspruch und bin hier, um zu gewinnen. Wenn ich nicht deshalb hier wäre, würde ich sofort gehen, weil es reine Zeitverschwendung wäre. Ich will mich immer verbessern, nie stehenbleiben und immer das Beste rausholen - egal, in welchem Auto, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen.
Sie wollen unbedingt Weltmeister werden?
Ganz genau. Da braucht niemand etwas zu erwarten. Es ist ganz normal, dass ich mit bestimmten Resultaten irgendwelche Erwartungen wecke. Aber das ist mir ziemlich wurscht, weil ich selbst weiß, wo ich hinmöchte.
Wenn die Ziele immer größer werden, muss man Zeit investieren, um diese auch zu erreichen. Aber bedeutet Zeit zu haben nicht auch Glück, und verliert man durch den wachsenden Erfolg nicht im gleichen Moment Zeit?
Von nichts kommt aber nichts. Ich möchte ja nach vorne, besser gestern als heute, lieber heute als morgen.
Der Erfolg macht glücklich?
Korrekt.
Und wer in der Formel 1 erfolgreich ist, der verdient oft viel Geld. Macht Reichtum auch glücklich?
Es kommt auf die Ziele an, die man verfolgt. In dem Moment, wo Geld oder materialistische Dinge zum Ansporn und zur Motivation werden, kann man nicht mehr so gut sein wie jemand, der seinen Sport aus voller Leidenschaft und aus innerem Willen heraus betreibt. Von daher glaube ich, dass man mit Geld allein nicht glücklich werden kann. Letztlich geht es darum, der Beste zu sein, es geht darum, Erster zu werden. Der Erfolgreichste ist auch der Glücklichste.
Vor Beginn der vergangenen Saison wäre sehr wahrscheinlich ein Podiumsplatz ein glückliches Ergebnis gewesen. Wie sieht es mit 2009 aus?
2008 haben wir unsere Ziele übertroffen. Das ist immer gut, aber jetzt muss man die Füße auf dem Boden lassen. Wir spielen nicht in der Liga wie McLaren-Mercedes und Ferrari. Aber unser Ziel ist es, näher heranzukommen. Im nächsten Jahr gibt es sehr viele Regeländerungen, die Karten werden neu verteilt, es wird spannend.
Aber wenn man so weit oben war, den Champagner nicht nur gerochen, sondern auch getrunken hat . . .
. . . dann weiß man erst recht, warum man genau dort wieder hinkommen möchte.
Haben Sie schon mal ein Glücksspiel ausprobiert?
Nicht so oft. Ich habe schon mal an einem einarmigen Banditen gehangen, in Australien habe ich mal Roulette probiert, aber kläglich versagt und 50 Dollar verspielt. Dann habe ich aufgehört. Ich wäre ein schlechter Verlierer.
Das Gespräch führten Anno Hecker und Michael Wittershagen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa