Im Gespräch: Skifahrer Felix Neureuther

„Ich will nur der Felix sein“

Christian Neureuther und die Familienbürde: „Haa, geh, jetzt kommt er wieder, der Bua von der Rosi und vom Christian“

Christian Neureuther und die Familienbürde: „Haa, geh, jetzt kommt er wieder, der Bua von der Rosi und vom Christian"

20. Januar 2009  Mit gut zweieinhalb Jahren hatte er die ersten Ski unter den Füßen, mit drei Jahren gewann er den ersten Titel: Felix Neureuther wurde Kinder-Clubmeister in Partenkirchen, und der erste Trainer war natürlich sein Papa.

Als Sohn der Olympiasiegerin Rosi Mittermaier und des sechsfachen Weltcupsiegers Christian Neureuther hat er früh kennengelernt, was Erwartungsdruck bedeutet. 2003 nominierte ihn der Deutsche Ski-Verband überraschend für die WM in St. Moritz - Neureuther dankte es mit einer Laufbestzeit im zweiten Durchgang des Riesenslaloms. Den Durchbruch zur Weltspitze schaffte er danach allerdings im Slalom, wo er bei der WM 2007 in Åre nach Zwischenbestzeit im zweiten Durchgang stürzte und eine Medaille unglücklich verpasste. Sportliches Vorbild ist ein Tennisspieler: Roger Federer. „Bewundernswert, wie er mit dem Druck umgeht“, sagt Felix Neureuther. Der Start in die neue Saison missglückte: Neureuther verpasste in beiden bisherigen Slaloms den zweiten Lauf

Immer im Blickpunkt: “Bei mir heißt es dann gleich: Neureuther schon wieder ausgeschieden. Wann ist es denn endlich so weit?“
Immer im Blickpunkt: „Bei mir heißt es dann gleich: Neureuther schon wieder ausgeschieden. Wann ist es denn endlich so weit?”

Im FAZ.NET-Interview spricht Neureuther über Namensverwechslungen, den Druck und die Freude, erfolgreiche und prominente Eltern zu haben.

Sie sind auf Felix getauft. Wie oft werden Sie Christian genannt?

Öfter. Speziell von älteren Semestern, die meinen Vater noch haben fahren sehen. Ganz alten Stadionsprechern rutscht ab und zu das Christian raus. Oder Toni Sailer, aber der sagt dann ganz schnell: „Tschuldigung, Tschuldigung Felix!“

Ärgern Sie solche Verwechslungen, oder sind Sie stolz, bei Vaters Vornamen genannt zu werden?

Ich schmunzle eigentlich drüber. Ich antworte auf jeden „Christian“ gleich „Ja, ja, Felix“. Ich würd's lustig finden, wenn jemand zu meinem Vater Felix sagen würde.

Sind Sie nun stolz oder nicht, auf Ihre Eltern angesprochen zu werden?

Natürlich bin ich auf meine Eltern stolz - was die erreicht haben!

Schnuppert man dabei nicht Lorbeer, der schließlich nicht mehr frisch ist?

Ja, aber ich bin natürlich ein eigener Mensch. Ich will nicht gesehen werden als „der Sohn von“, sondern als der Felix - der Felix Neureuther.

Glauben Sie die Vererbungslehre, dass sich Ihr Skitalent fortgepflanzt hat?

Die Skibegabung auf alle Fälle. Aber allein dadurch, dass meine Eltern nur Ski gefahren sind, egal wie gut, und wir hier in Garmisch aufgewachsen sind - da kommt man doch gar nicht drum herum, auch Ski zu fahren, wenn man klein ist.

Also auch ohne diese Eltern?

Ja, denke ich schon. Mein Vorteil war, dass ich mit Sicherheit die besten Lehrer hatte, die es auf der Welt gibt.

Gute Eltern sind nicht immer die besten Lehrer. Haben Ihre Eltern Wert darauf gelegt, Sie in die Skispur zu setzen?

Nein, jedenfalls habe ich nichts davon gemerkt, dass sie verbissen versucht hätten, mich auf die Bretter zu stellen. Sie sind es spielerisch angegangen, nicht mit Druck. Mein Papa hat sich gedacht: Wie kann jetzt der Bua mit dem größten Spaß, so wie wir, zum Skifahren kommen?

Und was hat sich die Mutter so gedacht?

Da gibt's so eine Geschichte, die glaubt man vielleicht nicht. Als ich knapp drei war, ist Mama mit mir so zum Spielen an den Baby-Skilift. Sie hatte nur Turnschuhe an, sie hat wohl gedacht, sie schiebt mich da so ein bisschen rum. Aber ich wollte unbedingt den Schnurlift rauf, stundenlang, und natürlich wieder runter. Irgendwann wollte sie heim, weil sie so gefroren hat, aber ich wollte nicht und habe wahnsinnig geweint. Nebenan hat eine Frau gestanden und gesagt: „Mei, jetzt schau dir die Mittermaier an, jetzt zwingt sie ihren kleinen Sohn schon zum Skifahren.“ Dabei war's genau andersrum.

Die Mittermaiers müssten ja die geniale Gen-Kombination gewährleisten...

Ja, natürlich. Die Mutter kommt, obwohl der Name fehlt, bestimmt nicht zu kurz weg. Das ist ihr sogar ganz recht. Meine Mutter, die würde das gar nicht wollen, dass ich auch noch Mittermaier hieße.

Es hätte ja noch dicker kommen können: Felix Neureuther-Mittermaier. Sind Sie froh, dass Ihnen das erspart blieb?

Ja, wie klänge das denn? Und mit Mittermaier allein wär's vielleicht noch schwieriger geworden als mit dem Namen Neureuther.

Ist es eine gerechte Erbgutverteilung, dass Sie mehr sportliche Begabung abbekommen haben als Ihre Schwester?

Da gibt es keine Ungerechtigkeit. Mein Großvater, der Vater meiner Mama, konnte wahnsinnig gut zeichnen, und das hat meine drei Jahre ältere Schwester Amelie komplett mitbekommen. Oder auch die Vorfahren von meinem Vater. Eugen Napoleon Neureuther war ein Wahnsinnskünstler, Zeichner - auch das geht ganz an meine Schwester. Aber an mich: null. Die Schwester ist Modedesignerin in Berlin, bei Wolfgang Joop. Ich bin ganz stolz, dass sie ohne den Namen Neureuther da hingekommen ist. Das hat sie alles selbst geschafft, ohne prominente Unterstützung.

Wann haben Sie erstmals von der alpinen Prominenz Ihrer Eltern erfahren?

Als ich bei der Mama im Einkaufswagen gesessen bin. Da sind die Leute hergekommen und haben gesagt: „Mensch, schau her, die Rosi!“ Und einmal ist der Vater eines anderen Kindes bei einem Rennen, bei dem meine Eltern übrigens wie immer nicht dabei waren, hergekommen und hat mir ein Olympiabuch gezeigt, in dem sie drin waren. Das war das erste Mal. Die Pokale haben wir zu Hause gesehen, aber Pokale stehen in Bayern in jedem Bauernhaus. Wir haben jedenfalls keine alten Filme gucken müssen oder so.

War das ein schönes Gefühl, so berühmte Eltern zu haben?

Ja, da war ich schon stolz, klar.

Waren Ihnen die Erfolge von Mutter und Vater mehr sportliche Bürde oder erleichterndes Entree?

Erleichternd? Kein bisschen. Ich fahre nicht eine halbe Sekunde schneller, nur weil ich Neureuther heiße.

Vielleicht umgekehrt? Sie fahren langsamer, weil alle erwarten, Sie müssten als Neureuther schneller fahren?

Schon eher. Für mich war der Weg nach oben mit Sicherheit schwerer als für andere.

Warum?

Wegen des Rummels, der sofort da war. Mein allererster großer Auftritt war eigentlich schon die WM in St. Moritz 2003. Ich bin im zweiten Durchgang Laufbestzeit gefahren, Fünfzehnter geworden - und davor nur ein Weltcuprennen in meinem Leben gefahren. Ein paar lockere Sprüche habe ich rausgehauen. Der junge Neureuther in allen Zeitungen. Das Jahr drauf habe ich erst Abitur gemacht, eine sehr gute Saison gehabt, und jeder hat dann schon einen Sieg erwartet. Mit achtzehn! Das ist ein unheimlicher Druck, wenn das öffentliche Interesse so schnell so groß wird.

Das hat aber nicht nur mit dem Namen zu tun, sondern mit dem sportlichen Senkrechtstart.

Ja - und mit dem Namen. Denn wenn jetzt einer Müller oder Meier oder so heißen würde, hätte man den ein Jahr nach dem Abitur nicht gefragt: „Wann gewinnt der denn endlich mal sein erstes Rennen?“ Da bin ich hundertprozentig sicher. Alois Vogl konnte so gute Rennen fahren, wie er wollte, der hätte nie so oft in der Zeitung gestanden. Bei mir heißt es dann gleich: Neureuther schon wieder ausgeschieden. Wann ist es denn endlich so weit?

Wie zeigt sich konkret die Bürde?

Dass es immer heißt: „Haa, geh, jetzt kommt er wieder, der Bua von der Rosi und vom Christian. Meine Güte, der ist auch nur noch dabei, weil er Neureuther heißt.“ Das ist das, was mich so fuchsteufelswild macht.

Aber der Name Neureuther bringt doch sicher auch Vorteile?

Ja, schon - dass ich leichter einen Kopfsponsor bekomme, das ist ja logisch. Das gehört zum Thema erleichterndes Entree. Aber sportlich ist das eher negativ.

Wie denn nun konkret?

Der Neureuther-Druck lässt leicht verkrampfen, und der psychische Druck verkrampft dann auch die Muskulatur. Das war so 2006, in Turin. Ich hatte mich nicht ordentlich für Olympia qualifiziert, bin vorher Elfter geworden im Weltcup und Siebzehnter, wurde aber trotzdem mitgenommen. Und da hieß es wieder, aber wirklich von allen Seiten: „Nur weil er Neureuther heißt.“ Und dann bin ich auch noch zweimal ausgeschieden, und es ist die volle Breitseite gekommen. Aber aus so was lernt man dann auch.

Was?

Aus so einem Tief, wie ich es dort hatte, kommt man als anderer raus.

Allein? Oder hat der Sohn sich Vaters und Mutters Rat geholt damals?

Da kann einen nur die Familie rausholen. Mein Vater hat sofort gemerkt, dass ich Hilfe brauche, und dann haben wir uns zusammengesetzt und geredet und geredet. Über Skitechnisches, aber auch über die Psyche. Über den Umgang mit den Medien, einfach professioneller zu werden. Ich muss zugeben, dass ich mich schon ziemlich lange auf meinem Talent ausgeruht habe. Früher war ich ein fauler Hund.

Ist doch auch schön, wenn man so herrlich begabt ist ...

. . . und deshalb glaubt man, man braucht nicht so viel zu machen. Dann wird man Achter, Siebter, Sechster im Weltcup und denkt, das läuft jetzt von allein. Und auf einmal stehst du daneben.

Und dann standen Sie daneben?

Ja, in Turin. Nach der Herzbeutelentzündung durch verschleppte Erkältung, dreieinhalb Monate weg gewesen im Sommer, da kam alles zusammen, ich war am Boden, ganz winzig klein.

Wären Sie da vielleicht lieber in ein Golfloch gekrochen oder hätten auf dem Fußballplatz gestanden? Sie haben angeblich nicht nur Talent zum Skifahren.

Ich habe früher mal ziemlich gut Fußball gespielt, auch in der Auswahl, Fußball im Sommer, Ski im Winter, aber irgendwann überschnitt sich das im Herbst. Fußball hat mir letztlich nie so viel Spaß gemacht wie Skifahren.

Und Golf? Sie sollen ein erstaunlich kleines Handicap haben.

Ich hau drauf auf die Kugel, aber die fliegt mehr rechts und links als geradeaus. Handicap 15 habe ich. Könnte schon besser, wenn ich wollte. Aber ich spiele extrem selten. Für mich gibt's nur Skifahren, nix anderes.

Sind Sie ob Ihrer prominenten Herkunft gehänselt oder hofiert worden, im Gymnasium, im Skiklub, im Weltcup gar?

Hofiert überhaupt nicht. Im Weltcup am wenigsten. Meinen Kollegen Ted Ligety oder Bode Miller habe ich es mal erzählt mit den Eltern, und sie haben gesagt: „Hey, Felix, that's cool“, und das war's.

Eltern kann man sich nicht aussuchen. Wenn Sie Ihre Mutter und Ihren Vater, die ja heute noch als Idealpaar in allen möglichen und manchen unmöglichen Fernsehsendungen auftreten, so nebeneinander sehen - würden Sie die beiden als Ihre Eltern wählen?

Wir haben da schon ab und zu Diskussionen, und ich sage, vor allem bei so einer Chart Show: Papa, du wirst nächstes Jahr 60, Mama, du wirst 59, müsst ihr das eigentlich noch machen? Aber aussuchen würde ich mir die beiden trotzdem. Für mich gibt's als Eltern keine besseren.

Zum Erwachsenwerden gehört die Lösung vom Elternhaus, man muss sich distanzieren können. Gab es nicht einen Zeitpunkt, an die Sie gesagt haben: Lasst mich mal mein Ding machen?

Sie lassen mich ja mein Ding machen. Ich musste mich nicht absetzen. Ich wohne seit drei Jahren nicht mehr zu Hause, und das war sehr wichtig für mich, eben mich ein bisschen zu distanzieren, dass sich nicht immer der Vater um alles kümmern kann. Dazu brauchte es keinen Streit, keine Abgrenzung. Aber ich komme immer noch sehr oft nach Hause, vor allem mittags nach dem Training, wenn die Mama dann kocht, es gibt nichts Schöneres, als in der Küche zu sitzen. Meine Mutter ist die beste Köchin und liest mir jeden Wunsch von den Lippen ab.

Ihre Eltern waren aus Prinzip nicht dabei, wenn Sie Rennen fuhren. War Ihnen das recht? Ist das immer noch so?

In Sölden zur Saisoneröffnung waren sie jetzt das erste Mal wieder zusammen seit St. Moritz bei der WM 2003, da waren sie ganz am Rande. Vor zwei Jahren, als ich hier in Garmisch Zweiter geworden bin, war die Mama im Ziel, der Papa war oben, der hat es unten nicht ausgehalten.

Das war ja kein Desinteresse, sie wollten es Ihnen zuliebe ganz bewusst nicht.

Weil es dann schon so viel Rummel um mich gegeben hätte, nach dem Motto: Stellt euch doch mal rasch zusammen, machen wir ein Familienfoto. Mein Vater hat ja auch bis St. Moritz alle Interviewanfragen konsequent abgeblockt. Mir war das sehr recht. Inzwischen habe ich gut gelernt, damit umzugehen.

Würden Sie Ihre Eltern gerne öfter dabei haben?

Ja, schon. Ich denke auch, dass das Thema Abstand halten jetzt langsam durch sein sollte. Ich bin momentan der siebtbeste Slalomfahrer der Welt, und durch den Erfolg ist jetzt alles entspannt. Nur der Vater tut sich halt immer so schwer, live zuzuschauen, weil er so nervös ist. Die Mama ist die Coole, der macht das gar nichts aus.

Ist es eine schwere Last, dass Sie mit Ihrem Namen, in Ihrem Land, in Ihrer Geburtsstadt vor den Augen Ihrer Eltern 2011 Ihren Weltmeistertitel schaffen sollen?

Krass. Daran denke ich jeden Tag. Wir haben hier im Olympiastützpunkt eine deutsche Fahne hängen, auf der steht: Train hard every minute, that's the way to 2011. Dann schauen wir da drauf, und dann noch mal den Gudiberg rauf - und das ist, abgesehen von Vancouver 2010, für mich als Garmischer, einfach der Wahnsinn. Da muss mindestens eine Medaille her. Da geht nix anderes.

“Da kann einen nur die Familie rausholen“
„Da kann einen nur die Familie rausholen”

Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa, picture-alliance / Sven Simon, Rauchensteiner, REUTERS

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