Von Anno Hecker, Barcelona
28. April 2008 Am Samstag tauchte Michael Schumacher in der Formel 1 auf. Und stand Rede und Antwort. Kurz nachdem die fünf aktuellen deutschen Piloten ihre teaminternen Niederlagen beim Qualifikationstraining für den Großen Preis von Spanien erläutert hatten, pilgerten die Beobachter zum siebenmaligen Weltmeister a. D. Über den Daumen gepeilt fanden sich etwa zehn Mal so viele Reporter ein wie jeweils bei seinen Nachfolgern. Also rund 50.
Schumacher sprach über seine Hobbys. Wünschte sich, dass die Gesellschaft seinen Kindern eine unbeobachtete Kindheit gönnt. Vieles wurde en detail aufgeschrieben, manches gesendet. Deutschland kreist auch eineinhalb Jahre nach Schumachers Rücktritt um den Seriensieger und Superpiloten. Weil seine Landsleute am Lenkrad keine Gewinner sind?
Viel Unvermögen auf der Piste
Am Wochenende zählten Nick Heidfeld (BMW-Sauber), Nico Rosberg (Williams), Timo Glock (Toyota), Sebastian Vettel (Toro Rosso) und Adrian Sutil in seinem Force India zu den Verlierern. Nach dem deutschen Debakel beim Zeittraining folgte tags darauf die nächste unangenehme Abrechnung für die Individualisten im Grand Prix: Germany – null Punkte.
Das lag am Pech im Falle Heidfeld, dessen Rennstrategie durch den Unfall von Heikki Kovalainen über den Haufen geworfen wurde. Ansonsten wäre er wenigstens Fünfter statt Neunter geworden. Es steckte aber auch so viel Unvermögen in einem deutsch-deutschen Treffen auf der Piste, dass nun eine ernste Verstimmung droht. Adrian Sutil präsentierte sich gleich in der vierten Kurve nach einem missglückten Überholmanöver als unüberwindbarer Kreisel für Vettel.
Letztes Jahr voller Selbstbewusstsein, jetzt hirnlose Attacken
Die folgende Kaltverformung warf beide aus dem Rennen und erzeugte deshalb eine Reibungsenergie mit Explosionspotential. Der junge Vettel fasste sich jedenfalls in Gedanken ans Oberstübchen, als er Sutils Versuch eines Angriffs kommentierte: Das war eine hirnlose Attacke.“
Hirnlos ist Sutil nicht. Kein Zweifel. Aber so unter Druck geraten in den vergangenen Wochen, dass ihm inzwischen die 2007 vorgeführte Coolness abhanden gekommen scheint. Das Fahren in der Königsklasse des Motorsports fiel Sutil im vergangenen Jahr so leicht, dass er den Mut aufbrachte, einerseits in Monaco im Training auf nasser Piste mit dem langsamsten Auto am schnellsten zu fahren.
Vorgefahren vom Altmeister
Andererseits aber auch seine Nähe zum Wunderkind Lewis Hamilton und überhaupt seine Grundbegabung in allen Facetten des Autofahrens schlechthin zu preisen: Gibt es etwas, was der nicht kann?“, fragte ein deutscher Journalist nach einer weiteren Demonstration des verblüffenden Selbstbewusstseins während einer Sutil-Sprechstunde.
Die Antwort liegt auf der Straße: Altmeister Giancarlo Fisichella fährt Sutil seit dieser Saison vor. Mit solchem Abstand, dass der Deutsche aus Selbstschutz zu einer Fehleinschätzung neigt: Er ist einer der besten Fahrer.“ Wenn dem so wäre, dann hätte der 35 Jahre alte Italiener Fernando Alonso bei Renault 2005 und 2006 wohl mehr Gegenwehr geboten. Alonso gewann 14 Rennen, Fisichella zwei.
Das Training kann die Rangordnung im Team entscheidend beeinflussen
Der zweite Frühling des Römers bringt Sutil in ernste Bedrängnis. Falls er Fisichella im Laufe der Saison nicht einfangen kann, dann geht das Vertrauen der Teamchefs in sein Potential, die Voraussetzung für eine Beförderung in ein besseres Auto, verloren. Sutil kämpft um seine Zukunft, inzwischen kleinlaut und schwer gedämpft: Im Moment“, sagte er am Sonntag, fühle ich mich am Tiefpunkt.“
Für die Pole Position am Samstag, behauptet Weltmeister und Spanien-Sieger Kimi Räikkönen, gibt es keine Punkte. Das stimmt nicht ganz. Denn beim Wettrennen um die besten Startplätze werden die Weichen gestellt für Auf- und Abstieg. Schumacher hat in 15 Jahren und 249 Einsätzen kaum Duelle gegen seine Teamkollegen verloren – auch nicht im Qualifying – und damit immer wieder das Vertrauen der Rennstallführung gewonnen: Das ist unser Mann.
Glock ist dem Trainingsspezialisten Trulli bislang unterlegen
Bei Toyota scheint Jarno Trulli auch in diesem Jahr die Führungsposition sicher. Timo Glock kam ihm zwar nahe, aber überholen konnte er den Italiener bislang nicht. Ich habe ihn unterschätzt. Wie jeder in der Formel 1. Er ist ein großes Kaliber.“ Trulli gilt unter Experten als Meister, wenn es darum geht, über eine Runde am Limit zu fahren. Das wirkt. Toyota hat den Boliden auf seinen unorthodoxen Fahrstil abgestimmt.
Ich habe versucht, so zu fahren wie Jarno“, sagt Glock, aber es geht nicht. Trotzdem will ich ihn bis Mitte der Saison überholt haben.“ Der Druck wächst. Beim Versuch, im Rennen Boden gutzumachen, geriet Glock mit Coulthard aneinander, verlor dabei mit dem Frontflügel die Aussicht auf einen Punkterang und interne Anerkennung: Einen Teil des Unfalls nehme ich auf meine Kappe.“
Heidfelds Position bei BMW ist nicht gefährdet - noch nicht
Vorwürfe hatte sich Nick Heidfeld nur am Samstag gemacht. Der Mönchengladbacher kam schon besser im Zeittraining (9.) zurecht. Die vierte Niederlage gegen Kubica (4.) aber bestätigt einen Trend. Der Pole kommt mit dem neuen BMW-Sauber über eine Runde besser zurecht. Vorerst gefährdet diese Entwicklung Heidfelds Position nicht. Denn der Mönchengladbacher ist auch am Sonntag, trotz seines Pechs, dem Ruf als konstanter, schneller wie umsichtiger Pilot gerecht geworden. Sollte sich BMW aber in Zukunft ein Weltmeister vom Schlage Alonsos andienen, dann dürfte der Zweitschnellste im Team zur Diskussion stehen.
Nicht entschieden ist die Frage, ob Sebastian Vettel seinen neuen Nebenmann Sebastian Bourdais noch im Griff hat. Der Franzose holte den Heppenheimer laut Trainingsstatistik ein. Unter den Deutschen beansprucht also nur Nico Rosberg unbestritten die Rolle eines Chefpiloten. In Spanien allerdings verlor der Williams-Mann die Orientierung bei der Abstimmung des Rennwagens, sah sich gezwungen, die Daten seines bislang weit unterlegenen Teamkollegen Kazuki Nakajima zu übernehmen. Das kann mal passieren, sollte sich aber nicht wiederholen. Sonst bleibt Schumacher die Attraktion der Deutschen im Fahrerlager.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS