Dakar-Kommentar

Karawane des Zynismus

Von Evi Simeoni

04. Januar 2008 Nein, betonen die Veranstalter, die Rallye Dakar wird nicht sterben, nur weil sie in diesem Jahr abgesagt werden musste. Nein, so schnell stirbt die Dakar nicht. Sie ist in den vergangenen 29 Jahren schließlich auch nicht gestorben, noch nicht einmal am Tod.

Falls die inoffizielle Zählung stimmt, haben bisher 55 Menschen bei dem Wüstenrennen durch die Sahel-Zone ihr Leben gelassen. Im vergangenen Jahr waren es zum Beispiel zwei. Vor zwei Jahren drei. Vor drei Jahren fünf. Unter diesen insgesamt zehn Toten waren drei Kinder, zwölf, zehn und fünf Jahre alt. Doch die Nachrichten darüber verklangen ohne Wirkung. Das Spektakel ging immer weiter. Die Macht der vermarktbaren Bilder war größer als jeder Ansatz zur Selbstbesinnung.

Abenteuer und Grenzerlebnisse

Auch der Papst konnte nichts ausrichten - schon vor 20 Jahren bezeichnete Johannes Paul II. das Treiben in der Wüste als einen Affront gegen die Menschenwürde, weil an Orten mit Stärke und Reichtum geprotzt werde, wo Menschen verhungern und verdursten. Immer wieder kritisierte die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" seitdem das "blutige Rennen der Verantwortungslosigkeit", dessen "Blutspur" eine zynische Ignoranz gegenüber der Umgebung zeige.

Doch selbst die katholische Kirche konnte nichts ausrichten gegen die lukrative Kommerzveranstaltung, die den saturierten Mitgliedern der Industriegesellschaft Abenteuer und Grenzerlebnisse bietet. Es musste schon Al Qaida kommen, um die Zynismus-Karawane durch Portugal, Marokko und Mauretanien nach Senegal zu stoppen.

Landminen und Erpressungen

Es ist kein Wachrütteln. Offenbar wurden einfach nur die Terror-Bedrohung und der Druck der französischen Regierung auf die "Amaury Sport Organisation" zu groß. Seine oberste Verantwortung, heißt es in der Erklärung des Veranstalters zwar, sei es, die Sicherheit aller zu gewährleisten, von den Fahrern bis zur Bevölkerung in den Austragungsländern. Doch diese Beteuerung kann kein vernünftiger Mensch ernst nehmen. Niemand sollte also gefährdet werden? Wieso haben die Organisatoren dann 29 Mal eine Rallye veranstaltet, die nur vier Mal ohne Todesopfer zu Ende ging?

Routiniert hat sich der Veranstalter in den von Unfällen, Überfällen, Drohungen, explodierenden Landminen und Erpressungen geprägten Jahren auf die angeblich segensreiche Wirkung der Rallye für die Gastgeberländer berufen. Man bringe schließlich Geld, Arbeitsplätze und allerlei brauchbares Material in arme Länder. Man statte wichtige Hilfsorganisationen aus - so als könnte man dies nicht auch tun, ohne gleichzeitig bei spät-kolonialistisch anmutenden Gastspielen Gas zu geben. Die Rallye Dakar sei ein Symbol, beschwört der Veranstalter jetzt. Doch ein Symbol wofür? Vielleicht für die Hoffnung, dass irgendwann jeden der eigene Hochmut einholt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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