Von Hermann Renner, Magny-Cours
22. Juni 2008 Die Welt des Lewis Hamilton wird zunehmend schwarzweiß. 2007 war der beste Neueinsteiger der Formel-1-Geschichte noch jedermanns Liebling. In diesem Jahr schwankt die Beurteilung seiner Leistung von einem Extrem ins andere. Nach seinem Sieg in Monte Carlo wurde Englands berühmtester Sportstar noch in den Motorsport-Olymp gehoben, nach seinem Fehler in Montreal war er der Depp der Nation.
Englands auflagenstärkste Zeitung titelte danach: Dummer Junge, Lew. Lewis Hamilton versucht sich gegen die polarisierende Stimmungslage dadurch zu schützen, dass er die Berichterstattung über die Formel 1 aus seinem Leben ausblendet. Wenn ich das Fahrerlager verlasse, ist die Formel 1 kein Thema mehr für mich. Dann lebe ich ein ganz normales Leben.
Hamilton: In England fühlte ich mich verfolgt
Dabei hilft ihm auch sein Umzug aus dem Süden Londons an den Genfer See. Dort wird er am Zeitungsstand nicht mit marktschreierischen Schlagzeilen konfrontiert, und im Internet kann er nur das an sich heranlassen, was er lesen will. Nach einem Grand Prix wie in Montreal bleibt der Computer aus. Auch sonst ist das Leben in der Schweiz eine Erholung im Vergleich zu dem, was er zuletzt in England erlebte. Ich kann an meinem neuen Wohnort ganz normal shoppen oder in die Kneipe gehen. In England fühlte ich mich verfolgt. Das ging so weit, dass ich mich auf der Straße ständig umgeschaut habe.
Das Leben des Lewis Hamilton wird auf der Insel observiert, als stünde er unter polizeilicher Überwachung. Alles rund um den McLaren-Piloten ist eine Geschichte wert. Was er sagt, was er denkt, in welchem Hotel er wohnt, wie er zur Rennstrecke reist. Dreht sich sein Vater Anthony in einem Porsche von einer englischen Landstraße, haben die Zeitungen im Handumdrehen Fotos auf ihrer Homepage. Das er sich beobachtet fühlt, gehört für Lewis Hamilton inzwischen zum Alltag.
Im letzten Jahr hat mir Alonso vieles abgenommen
Der Zweite der Weltmeisterschaft der vergangenen Saison hat auch auf der Rennstrecke keine ruhige Minute. Außer er sitzt in seinem McLaren-Mercedes oder in einem der klimatisierten Konferenzräume der Ingenieure. Den Rest des Tages bestimmen immer die gleichen Abläufe: Lächeln für die Fotografen, Autogramme für die Fans, Wortspenden für die Medien, Händeschütteln für die Sponsorengäste. Hamilton gibt sich Mühe, die Verpflichtungen nicht als lästige Pflicht zu sehen, doch inzwischen fällt es auch ihm auf. Im letzten Jahr hat mir Fernando Alonso viele dieser Dinge abgenommen, weil er der Weltmeister und ich noch eine unbekannte Größe war. Hätte ich nicht ein so gutes Team hinter mir, das meine Zeit verplant, würde mein Job darunter leiden.
Verdrängen ist eine der größten Stärken des sechsfachen Grand-Prix-Siegers. Während Nico Rosberg noch zwei Wochen nach dem Auffahrunfall in der Boxengasse von Montreal Schuldbewältigung betreibt, einigte sich Hamilton mit sich selbst schnell auf eine einfache Formel. Ich war zur falschen Zeit am falschen Platz. Ein unglücklicher Zwischenfall, den ich nicht mehr ändern kann. Es hätte mich mehr geärgert, wenn ich auf der Strecke abgeflogen wäre.
In diesem Jahr hat Lewis Hamilton alles zu verlieren
Montreal war nicht die erste Panne für Hamilton in dieser Saison. In Malaysia stand er in der entscheidenden Qualifikationsrunde Nick Heidfeld im Weg und wurde um fünf Startplätze zurückgestuft. In Bahrein kollidierte er zweimal mit Fernando Alonso. In Montreal fuhr er mit 80 Stundenkilometern in das Heck von Kimi Räikkönens Ferrari. Hochgerechnet auf WM-Punkte, könnte er schon 18 Zähler mehr auf seinem Konto haben.
Verglichen mit seinem ersten Jahr, stieg die Fehlerquote deutlich an. Es ist ein Unterschied, ob man als unbeschwerter Neuling in seine erste Formel-1-Saison geht und dann plötzlich feststellt, dass man mit den Besten der Welt mithalten kann. Oder ob die Motorsportwelt von einem den Titelgewinn erwartet und Niederlagen nicht mehr verzeiht. Im letzten Jahr hatte Hamilton nichts zu verlieren, in diesem Jahr alles. Er wird vielleicht einmal feststellen, sagen seine Kollegen, dass es nie wieder so einfach wird, die Weltmeisterschaft zu gewinnen wie in der abgelaufenen Saison.
Wir haben einen ähnlichen Werdegang. Das verbindet.
Hamilton will sich mit solchen Gedankenspielen nicht belasten. Der 23 Jahre alte Engländer macht sich Mut mit positivem Denken. Obwohl er in Magny-Cours an diesem Sonntag zur Strafe zehn Startplätze weiter hinten - und damit von Rang 13 - startet, spricht er von Attacke statt von Schadensbegrenzung (Start: 14.00 Uhr / Live bei RTL, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker). Ich werde um jeden Extrapunkt so hart kämpfen wie um einen Sieg.
So schwer das Leben außerhalb des Cockpits geworden ist, umso harmonischer geht es nun an seinem Arbeitsplatz zu. Heikki ist mein Kumpel, sagt Hamilton über Stallrivale Kovalainen, und es wirkt nicht einmal aufgesetzt. Wir beide haben einen ähnlichen Werdegang. Das verbindet. Kovalainen wohnt in der Schweiz nur eine halbe Stunde entfernt. Die beiden gehen zusammen essen und trainieren gemeinsam. Ungewöhnlich für zwei Männer, die um das gleiche Ziel kämpfen. Der Grundsatz, dass der Teamkollege dein erster Gegner ist, scheint bei McLaren keine Gültigkeit mehr zu haben. Wenn Heikki schneller ist als ich, dann heißt das für mich, dass ich besser arbeiten muss.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP