25. Dezember 2008 Als Turner ist Fabian Hambüchen eine absolute Größe. Zu Hause in Wetzlar ist er gerne auch noch Sohn. Sein Vater trainiert den Reck-Weltmeister seit seinen Kindertagen, seine Mutter sitzt bei dem Interview dabei. Der junge Turner im Gespräch mit Christiane Moravetz und Evi Simeoni.
Sie sind 21 Jahre alt und wohnen im Elternhaus - wie lange noch?
Meine Freundin und ich beginnen gerade, eine Wohnung zu suchen, wir wollen zusammenziehen. Ich hoffe, es bis zum Frühjahr zu schaffen. Denn sollte ich studieren, soll sich das nicht überlappen.
Was wollen Sie studieren?
Betriebswirtschaftslehre mit Spezialisierung Sportmanagement. Es wird ein Fernstudium werden.
Ist das noch ein weiterer Schritt ins Erwachsenenleben?
Ja, aber der größte Schritt ist es, auszuziehen. Studieren gehört auch zum Erwachsenwerden, aber das ist einfach nur der nächste Schritt. Turnen hin, Turnen her, das ist schön, aber ich habe jetzt anderthalb Jahre nichts anderes gemacht, jetzt reicht es.
Es ist ein spannender Moment in Ihrem Leben ...
Es werden viele Dinge auf mich und meine Freundin zukommen, die normalerweise von meinen Eltern erledigt werden. Ich möchte zum Beispiel kochen, das würde ich gerne können. Und Wäsche waschen und Ähnliches bekommt man sicher alles hin. Einfach mal Mama anrufen und fragen, wie es geht.
Wird einem in solchen Momenten bewusst, was es bedeutet hat, Kind zu sein?
So, wie ich hier alles nachgetragen bekomme, wird es später nicht mehr sein. Wenn allerdings auch noch der ganze Medienrummel auf mich allein einprasseln würde, wäre ich innerhalb eines Monats erledigt, also machen wir Arbeitsteilung.
Bei Ihnen stimmen so viele Faktoren: Ihr Vater ist Turntrainer, Sie sind außergewöhnlich begabt und von den körperlichen Voraussetzungen besonders geeignet fürs Turnen, als müsste irgendein Konzept dahinterstecken. Haben Sie als Kind vielleicht sogar gedacht, Sie wären fürs Turnen geboren?
Ich habe nie gedacht, ich bin auf die Welt gekommen, um Turner zu sein. ANTWORT: Es war einfach, was ich machen wollte, und das ist es immer noch. Deshalb habe ich meine ganze Kindheit und Jugend in der Turnhalle verbracht. Als ich angefangen habe zu turnen, hat mein Vater bestimmt nicht gedacht, in ein paar Jahren ist der ganz oben, das sah am Anfang gar nicht so aus. Das hat sich entwickelt.
Können Sie sich an einen Moment erinnern, in dem Ihnen ganz klar wurde, dass Sie unbedingt Turner werden wollten?
Mittags bin ich manchmal mit einem Kumpel auf den Fußballplatz gegangen und habe einfach ein bisschen mitgekickt, weil ich frei hatte. Wenn mich dann ein Trainer oder Betreuer gefragt hat, ob ich nicht samstags mitmachen wolle beim Spiel, und ich gesagt habe: nein, kein Interesse, ich will nur turnen - da war mir klar, dass ich nichts anderes machen wollte.
Wie alt waren Sie bei Ihrem ersten Wettkampf?
Ich glaube, fünf. Man durfte erst ab sechs turnen, aber ich hatte eine Sondergenehmigung. Es war ein Mannschaftskampf für Siebenjährige, da kam ich Stoppelhopser dazu: Attacke.
War es ein ganz gerader Weg, den Sie gegangen sind, oder mussten Sie bewusst an Abzweigungen vorbeigehen?
Bisher war er wirklich gerade. Ich musste auch nicht sagen, jetzt ist Schluss, jetzt muss ich irgendwie anders weitermachen. Es war immer klar: Das eine ist Schule, die muss durchgezogen werden bis zum Abitur. Und sportlich: sich immer weiter hocharbeiten. Jetzt kommt der Faktor Freundin noch dazu. Aber der turnerische Weg geht weiter wie bisher auch.
Gab es keine Verlockungen, Versuchungen?
Nein. Auch weil meine Freunde meistens selbst Turner waren, und die hatten Verständnis, oder ich habe sie sowieso immer gesehen. Aber wenn die anderen dann samstagabends Party machten, war ich nicht dabei. Ich war nicht auf einer einzigen, nicht einmal auf der von meinem Leistungskurs. Ich hatte nie das Bedürfnis, ich muss da hin. Ich hätte mich aber auch selbst geärgert, wenn ich am Montag im Training platt gewesen wäre.
Haben Sie denn nicht in der Pubertät gegen Ihren Vater rebelliert?
Es ist ja nicht so, dass wir nie Krach hatten. Aber in der Hinsicht gab es keinen Stress.
Wie haben Sie die Pubertät erlebt?
Es hat sich alles in Ruhe ergeben, sei es mit Wachstum, sei es im Verhalten. Wo andere einen Riesen-Schuss machen, in den Stimmbruch kommen - das hat sich bei mir alles ganz langsam mit der Zeit entwickelt. Ich hatte nie einen Wachstumsschub.
Hatten Sie nie die Chance, den notwendigen Vater-Sohn-Konflikt auszuleben?
Ich bin nicht der Meinung, ich hätte was verpasst. Einen richtigen fetten Konflikt mit meinem Vater brauche ich nicht, wir haben immer wieder kleine Meinungsverschiedenheiten.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater charakterisieren?
Auf der einen Seite sind wir uns sehr nah, aber dann auch wieder sehr distanziert. Nah, weil wir sehr viel aufeinanderhängen, sehr viel Zeit miteinander verbringen durch das Training und sehr viel in diesem Sinn kommunizieren. Distanziert, weil mein Vater nicht einer ist, der einen viel in den Arm nimmt, er ist nicht der Typ. Wenn eine Gratulation kommt, gibt er mir eben die Hand.
Wenn Sie sich in die Haare kriegen - wird es da auch mal laut?
Ja, klar. Wir sind beide Sturköppe, deshalb rappelt es hin und wieder mal. Meistens geben wir dann direkt Vollgas.
Hatten Sie bei Ihrem Vater als Trainer das Gefühl einer besonderen Behandlung?
Man hat wohl bei solchen Konstellationen immer das Gefühl, man wird härter rangenommen. Aber ich glaube, das war bei uns gar nicht der Fall.
Haben Sie das Training nie als Qual empfunden?
Einfach ist es nie. Dehnung jeden Morgen ist auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Am Anfang hat es sicher auch wehgetan, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Jetzt empfindet man es nicht als Schmerz, wir sagen einfach, es zieht.
Unabhängig vom Turnen: Wer oder was bestimmt Ihr Leben?
Wenn ich etwas machen will, zum Beispiel mit meiner Freundin, dann entscheide ich das. Wenn es aber um andere Sachen geht wie Umziehen, dann will mein Vater schon noch viel mitreden. Er vergleicht das viel mit seiner Zeit, und dann sage ich: Es sind aber seither zwanzig oder dreißig Jahre vergangen.
Gibt es ein Konkurrenzverhältnis zwischen Liebesleben und Sportleben?
Nein. Meine Freundin ist viel an der Uni, morgens relativ früh und bis abends. Deshalb passt das. Es wird noch praktischer, wenn wir zusammenleben. Ich habe von Anfang an klargelegt: Turnen hat immer Vorrang, da kommt nichts ran.
Welche Rolle spielt Ihre Mutter in Ihrem Leben?
Die Rolle war gut von Anfang an: Aufpasserin in der Schule, Aufpasserin in medizinischen Fragen, Konfliktschlichterin zwischen Vater und mir, wenn man es so nennen will. Zwischen uns beiden gab es selten Konflikte, ich glaube, wir haben uns noch nie so richtig gestritten.
Die Olympischen Spiele in Peking waren sicher ein Einschnitt auf Ihrem Lebensweg. Was für ein Prozess hat sich auf dem Weg dahin und in China abgespielt?
Auf dem Weg dahin war ich sehr selbstbewusst. Ich war mental stark drauf, bin die ganze Geschichte offensiv angegangen und habe gesagt: Ich will Gold. Aber vor Ort, da lief irgendetwas falsch, als ob ich im falschen Film wäre. Es ging auch super los, die Qualifikation war 1a, und ich dachte, wir sind auf dem richtigen Weg. Dann habe ich mir den Finger verletzt, im Mannschaftsfinale kam der Absturz am Reck, und dann war der Wurm drin. Den Mehrkampf kann ich nicht mehr als Wettkampf bezeichnen, das war für mich nur ein Überlebenskampf wegen des Fingers. Ich war überhaupt nicht im Wettkampf, sondern hatte nur den Gedanken: Hoffentlich tut es nicht so sehr weh. Alles war komplett falsch. Ich hatte mir erhofft, dass wir vielleicht mit der Mannschaft eine Medaille holen oder ich im Mehrkampf. Und ich dachte: Dann hast du auf jeden Fall schon eine Medaille in der Hand, hast überhaupt keinen Druck mehr am Reck. Doch es kam genau das, was ich nicht wollte: die Situation, dass ich vor dem Reck stehe, bisher nichts gewonnen habe und nur noch diese einzige Chance habe. Und dann musste ich noch als Erster turnen, und die Übung lief eben nicht gut. Ich kam runter und wollte schon aus der Halle rauslaufen und das Finale nicht mehr ansehen, weil ich so sauer war. Aber dann bin ich noch Dritter geworden, glücklicherweise. Wäre ich Vierter geworden, hätte das nichts an meiner Einstellung geändert, weiter zu turnen. Ich bin jetzt aber überglücklich mit der Medaille, alles andere kann ich mir noch erarbeiten.
War es das erste Mal, dass Sie so heftig Sand im Getriebe gespürt haben?
Es gab schon Wettkämpfe, in denen es nicht gut lief. Aber da war ich einfach nicht so gut in Form. Diesmal aber war ich perfekt vorbereitet. Und dann bin ich da und verturne dreimal.
Hat dieses Erlebnis etwas geändert in Ihrer Einstellung zum Turnen, möglicherweise auch zu anderen Dingen?
Wenn, dann zum Turnen. Beim Weltcup in Stuttgart am vergangenen Wochenende hat mich selbst erstaunt, dass ich schon in der Qualifikation überhaupt nicht aufgeregt war. Ich stand vor dem Reck, ich wusste, ich gehe da jetzt ran, turne meine Übung durch, dann bin ich im Finale, und morgen haue ich einen raus. Bumm, so wie immer eigentlich. Das habe ich dann auch gemacht. Ich kann immer noch nicht erklären, was in Peking anders war. Als ich danach den ersten Wettkampf in der Bundesliga geturnt habe, da habe ich gemerkt: Hej, das ist es, warum du turnst, weil du den Spaß hast, weil du die Freude hast, weil es einfach geil ist. Und nicht, weil du unbedingt eine Medaille holen musst.
Würden Sie sagen, Peking war eine wichtige Erfahrung?
Ja, das kann man laut sagen. Das nächste Mal wird es anders ablaufen, nicht vielleicht von den Medaillen, aber von der Einstellung her.
Kann man sagen, das ist ein Schritt in einem Reifeprozess?
Sicher. Das sind Dinge, die im Sportlichen sehr helfen werden in Zukunft, aber im Privaten auch, dass ich - egal, in welcher Situation ich bin - daran denken muss: Was kann ich, was will ich und was muss gemacht werden?, anstatt etwas sofort voller Freude oder voller Frust zu tun. Man muss alles ausblenden, zumindest versuchen, jetzt hier und an dieser Stelle zu sein und sich nur auf das eine zu konzentrieren.
Hat diese Erfahrung das Verhältnis zu Ihrem Vater verändert?
Auch er lernt dazu. Für ihn waren es die ersten Olympischen Spiele - für mich die zweiten, aber in Athen war er nicht dabei. Er hat jetzt erstmals erlebt, wie so etwas ist. Auch im Alter wird man nicht aufhören zu lernen, es geht immer weiter, egal, in welchem Sinne.
Hatten Sie das Gefühl, Ihren Vater enttäuscht zu haben?
Nein. Überhaupt nicht. Und ich glaube, mein Vater ist der Einzige, der das nachvollziehen kann, der so richtig mitfühlt, der aber im gleichen Moment sagt: Das ist o.k., das hast du gut gemacht.
Hat Sie das Erlebnis auch ein Stück weit befreit?
Definitiv. Was vor den Olympischen Spielen abging, war nicht mehr normal. Sei es in meinem Kopf, sei es von den Medien, es ging nur um Gold.
Was empfinden Sie bei dem Begriff Erwachsenwerden?
Auf der einen Seite sage ich mir, du bist an sich schon erwachsen, auf der anderen Seite fehlt noch was. Solange man Eltern hat, wird das wohl nie aufhören.
Können Sie sich vorstellen, dass Sie nach dem Ende der Turnkarriere das Gefühl haben werden: Jetzt bin ich erwachsen?
Da werde ich bestimmt noch ein paar Jährchen brauchen. Aber wenn ich dann die ganze Arbeit von meinen Eltern übernommen habe, dann kann ich so richtig sagen: Ich bin erwachsen.
Sie verdienen durch Turnen mehr Geld als die meisten in Ihrem Alter. Gibt Ihnen das ein Gefühl von Erwachsensein?
Auf der einen Seite ja, weil das Geld einfach zur Verfügung steht. Auf der anderen Seite aber nicht, weil ich doch nicht ganz die Übersicht oder Macht darüber habe. Ich lege nach Beratung mit meinem Vater viel an und bespreche alles mit ihm. Wenn ich ausziehe, muss ich kalkulieren, wie viel Geld ich für die Wohnung ausgeben will. Und wenn ich mein Geld dann wirklich alleine verwalte und alles selbst mache, wird es so weit sein.
(siehe auch: Slideshow: Fabian Hambüchen - Ein heißer Kandidat (Turn-WM 2007))
Das Gespräch mit Fabian Hambüchen ist Teil einer Reihe von Interviews. (siehe auch: Skifahrer Felix Neureuther: Ich will nur der Felix sein)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa, Privat, AFP, DPA, Reuters, Kai Stuth von Neupower/Starshot