Kommentar

Die Angst der Männer

Von Anno Hecker

21. April 2008 Frauen sind die besseren Autofahrer. Das sagen angeblich Unfallstatistiken in Deutschland. Spätestens seit Sonntag steht aber auch fest, dass Frauen nicht nur umsichtiger steuern. Danica Patrick hat die gesamte Männerelite der amerikanischen Indy Racing-League (IRL) hinter sich gelassen, überholte in der vorletzten Runde in ihrem 650-PS-Boliden den erfahrenen Piloten Castroneves und gewann als erste Frau einen IRL-Lauf. Ohne technischen Vorteil, mit taktischem Geschick, mit dem überzeugendsten Argument: Sie war schneller.

Ob das weh tut? Den Kollegen in der IRL schon nicht mehr. Viele von ihnen sind von der Amerikanerin schon in deren vorangegangenen 49 IRL-Rennen überholt worden – im doppelten Sinne. Kaum jemand in der IRL behauptet noch ernsthaft, dass Frauen nicht so erfolgreich sein können am Lenkrad wie Männer. Da sind sie in der Alten Welt doch noch etwas vorsichtiger. Im Elite-Club Formel 1, so etwas wie der letzte Männerorden des Sports, gibt es zwar eine Menge Frauen mit Einfluss und besonderen Lenkfähigkeiten. Mancher lässt sich sogar von ihnen schlagen. Nur spielt sich diese Steuerung (meistens) hinter den Kulissen ab. Nicht einmal Chefmanager Bernie Ecclestone konnte seine Vorstellungen durchsetzen: Er sucht schon lange eine Schumacherin.

Machohafte Formel-1-Selbstdarsteller

Wenn aber einer wie Ecclestone, der Königshäuser, Regierungen und die Automobilindustrie wie Slotcars auf seine Formel-1-Spur setzte, bei diesem Zug bislang scheiterte, dann müssen gewaltigere Kräfte im Spiel sein. Etwa die Behauptung, die Frau an sich sei nicht gebaut für die Anstrengungen des Formel-1-Business. Mit Verlaub – wer wie Danica Patrick 200 Runden im Oval fährt und dann fünf Sekunden vor der Konkurrenz das Ziel erreicht, scheint physisch wie psychisch gerüstet. Mit spezifischem Training ist so eine Dauerleistung auch in der Formel 1 möglich. Vermutlich muss man in der IRL sogar stärkere Nerven haben als in Ecclestones Kreisverkehr. Experten wie Schumacher schlossen ein Gastspiel in den Staaten jedenfalls aus: zu gefährlich.

Dass es noch keine Frau zu einer Führungsfigur in der Formel 1 gebracht hat, liegt auch an den verkrusteten Strukturen in Europa. In den Kart- und Formel-Klassen, der Grundschule für spätere Grand-Prix-Sieger, findet man kaum Mädchen. Das ist mitunter eine Folge der machohaften Formel-1-Selbstdarstellung. Manager zögern, viel Geld in eine junge Frau zu investieren, wenn sie mit brutalen Ausbremsmanövern rechnen müssen. Als Ellen Lohr es 1992 wagte, ein DTM-Rennen zu gewinnen, schob sie der frühere Formel-1-Weltmeister Keke Rosberg im folgenden Lauf ins Kiesbett. Da sah man, was Frauen auf dem Weg in den Motorsport am meisten bremst: die Angst der Männer, von ihnen überholt zu werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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