Formel 1

„Ein sensationeller Sieg von Lewis Hamilton“

Von Anno Hecker, Hockenheim

Daumen hoch! Lewis Hamilton nach dem Sieg in Hockenheim

Daumen hoch! Lewis Hamilton nach dem Sieg in Hockenheim

20. Juli 2008 Warum langweilig sein, wenn man es auch spannend machen kann? McLaren-Mercedes hat am Sonntag beim Großen Preis von Deutschland einen Beitrag zum Unterhaltungswert der Formel 1 geleistet. Mit einer riskanten Strategie-Entscheidung zwang der Rennstall Lewis Hamilton zu einer Sondervorstellung im badischen Motodrom.

Nach der Neutralisierung des Rennens wegen eines Unfalls von Toyota-Pilot Timo Glock gewann der Brite das zehnte Rennen im Stile eines brillanten Sprint- und Überholmeisters vor dem glücklichen Brasilianer Nelson Piquet auf Renault, Felipe Massa im Ferrari und Nick Heidfeld (BMW-Sauber), dem besten Deutschen am Sonntag. Sebastian Vettel fuhr im Toro Rosso auf Rang acht, Nico Rosberg (Williams) wurde Zehnter, während Adrian Sutil in seinem Force India als 16. das Ziel erreichte.

Hamilton führt mit vier Punkten Vorsprung

In der Fahrerwertung hat Hamilton mit 58 Punkten die Führung vor Massa (54) und Kimi Räikkönen (Ferrari/51) übernommen. War das die Wende? Vorne der Brite, erst beim Zeittraining am Samstag, dann nach dem Start in der ersten Kurve. Und weg war er. Nicht verschwunden, aber enteilt mit einem Tempo, dem Verfolger Massa nie gewachsen war. „Das hatte ich selbst nicht gedacht, ich war teilweise eine halbe Sekunde schneller pro Runde“, berichtet Hamilton von der Fahrt zu seinem vierten Saisonsieg.

Von seiner Erscheinung hatten die Kollegen also nicht viel. Nach ein paar Runden entschwand er ihren Blicken. Die nächste Begegnung schmerzte noch heftiger. In der 29. Runde begann Hamilton mit dem Überrunden. Das Rennen um den Sieg schien gelaufen. Im Mittelfeld aber drängte sich die Konkurrenz mit deutscher Beteiligung so packend, dass der gemeine Fan den einsam Führenden gelassen fahren ließ.

Novum: Hesse jagt Hesse

Denn Toyota-Pilot Timo Glock rauschte aus deutscher Sicht in den Mittelpunkt. Als Elfter des Zeittrainings hatte er so viel Benzin an Bord, dass seine erste Tour in Hockenheim bis zur 30. Runde reichte. Weit länger als die der besten Zehn. Glock nutzte die Chance, beschleunigte mit sich leerendem Tank auf das Rundenzeiten-Niveau von Hamilton, fuhr mitunter schneller. So holt man auf.

Prompt sauste der 26 Jahre alte Pilot aus dem Odenwald nach seinem ersten Boxenstopp auf Platz sieben, nur vier Sekunden hinter seinen Teamkollegen Trulli und direkt vor Vettel. Was der Formel-1-Gemeinde ein Novum in Hockenheim bescherte: Hesse jagt Hesse beim Großen Preis. Glock konnte in seinem schwer betankten Boliden der Attacke des Heppenheimers zwar nicht standhalten, aber er hielt den zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso hinter sich.

Glock im Glück

Ein Zweikampf auf Biegen und Brechen. Der Mensch hielt, die Maschine nicht. 37. Runde: Bei der Einfahrt auf die Zielgerade knickt die rechte Hinterradaufhängung des Toyota auf den Randsteinen. Der Rennwagen macht eine halbe Drehung und prallt stumpf mit dem Heck in die Boxenmauer, rückwärts trudelt das Wrack die Gerade herunter, bis es im Gras liegen bleibt.

Nach gut einer Minute wird Glock aus dem Auto geholfen. Er wirkt benommen, greift sich an die Lendenwirbelsäule. Erste Untersuchungen an der Strecke ergaben keine Verletzungen. Glock wurde zur Sicherheit in ein Krankenhaus nach Ludwigshafen gebracht.

Saftey-Car verändert das Rennen

Glocks Pech war das Glück anderer. Damit die Trümmer ungefährdet beseitigt werden konnten, fing das Safety-Car die Rennwagen ein. Alle Vorsprünge schwanden fast auf Null. Die Öffnung der Boxengasse zum Nachtanken und Reifenwechseln wirbelte das Feld durcheinander. Nur Hamilton, Nick Heidfeld und Nelson Piquet blieben auf der Strecke.

Die neuen Hintermänner des Frontmanns im McLaren rückten von Rang 12 (Heidfeld) und 16 (Piquet) nach vorne. Sie schienen nicht im Vorteil. Alle anderen hatten ihren zweiten Stopp hinter sich. Doch der Glückspilz Piquet hatte ohnehin geplant, mit einem Service ins Ziel zu kommen.

Überholmanöver erster Güte

Heidfelds nächster Halt warf den blitzschnellen Mönchengladbacher nur um zwei Plätze zurück. Und Hamilton verwandelte den lästigen Aufenthalt in eine weitere Demonstration. „Das Team hat entschieden, dass ich nicht in der Safety-Car-Phase reingefahren bin. Ich hatte vollstes Vertrauen.“ Aber dann gleich das richtige Gefühl, noch einmal alles bieten zu müssen: „Ich glaubte nicht, dass ich den Rückstand noch mal aufholen könnte. Aber ich sagte mir nur, mach Druck, fahr, fahr. Vielleicht hätten wir es besser machen können. Aber wir waren am schnellsten. Und dafür haben sie mich angestellt.“

Hamiltons erstes Überholmanöver im Schlussspurt vorbei an Heikki Kovalainen wirkte noch begünstigt von der Freundlichkeit des Teamkollegen, die Haarnadelkurve mit einem weiten Bogen zu nehmen. „Heikki ist ein toller Teamkollege.“ Ferrari-Mann Massa ließ Hamilton an gleicher Stelle vier Runden später sicher nicht freiwillig vorbei. Der Brasilianer versuchte gleich in der nächsten Kurve eine Revanche. Vergeblich. „Wir haben das Rennen verloren, weil das Auto zum Schluss nicht mehr konkurrenzfähig war“, sagte Michael Schumacher, der in der Ferrari-Box zu Gast war: „Felipe hatte mit Bremsen und Reifen zu kämpfen.“

Haug: „Ein sensationeller Sieg von Lewis, er fuhr in einer eigenen Liga“

An Piquet schoss Hamilton wenig später vorbei wie beim Überrunden der Hintermänner. „Ein sensationeller Sieg von Lewis, er fuhr in einer eigenen Liga“, schwärmte Mercedes-Sportchef Norbert Haug, die Bilder der „großartigen Überholmanöver“ vor Augen. Vielleicht haben sie symbolischen Wert. McLaren-Mercedes scheint die Konkurrenz in den vergangenen Wochen nicht nur dank des Piloten überholt zu haben. „Wir haben ein paar kleine Schwächen ausgemerzt“, sagte Hamilton: „Das Auto ist phantastisch.“

Zumindest deuten die Resultate von Hockenheim auf ein erfolgreiches Feintuning hin: Hamiltons Bolide gehörte zu den Schnellsten sowohl auf den Geraden als auch im kurvigen Motodrom. Was für eine ausgezeichnete aerodynamische Effizienz spricht, nämlich wenig Luftwiderstand bei hohem Anpressdruck, mithin die hohe Kunst des Bolidenbaus. Nicht jeder aber hält die Vorstellung für wegweisend: „Das war keine Referenz“, sagt Schumacher, „jede Rennstrecke hat eine andere Charakteristik.“

Großer Preis von Deutschland am Hockenheimring, Endstand nach 67 Runden

1. Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes), 2. Nelson Piquet Jr. (Renault), 3. Felipe Massa (Ferrari), 4. Nick Heidfeld (BMW-Sauber), 5. Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes), 6. Kimi Räikkönen (Ferrari), 7. Robert Kubica (BMW-Sauber), 8. Sebastian Vettel (Toro Rosso), 9. Jarno Trulli (Toyota), 10. Nico Rosberg (Williams), 16. Adrian Sutil (Force India)

Gesamtwertung

1. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes 58 Punkte, 2. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari 54, 3. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari 51, 4. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber 48, 5. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber 41, 6. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes 28, 7. Jarno Trulli (Italien) Toyota 20, 8. Mark Webber (Australien) Red-Bull-Renault 18, 9. Fernando Alonso (Spanien) Renault 13, 10. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda 11, 11. Nelson Piquet junior (Brasilien) Renault 10, 12. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams-Toyota 8, 13. Kazuki Nakajima (Japan) Williams-Toyota 8, 14. David Coulthard (Großbritannien) Red-Bull-Renault 6, 15. Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro-Rosso-Ferrari 6, 16. Timo Glock (Wersau) Toyota 5, 17. Jenson Button (Großbritannien) Honda 3, 18. Sebastien Bourdais (Frankreich) Toro-Rosso-Ferrari 2

Teamwertung

1. Ferrari 105 Punkte, 2. BMW-Sauber 89, 3. McLaren-Mercedes 86, 4. Toyota 25, 5. Red-Bull-Renault 24, 6. Renault 23, 7. Williams-Toyota 16, 8. Honda 14, 9. Toro-Rosso-Ferrari 8



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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