25. Mai 2008 Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes hat den Großen Preis von Monaco gewonnen. In einem verregneten, ereignisreichen und nach zwei Stunden durch Zeitablauf beendeten Rennen lag der Engländer vor dem Polen Robert Kubica (BMW). Dritter wurde der von der Pole Position gestartete Felipe Massa im Ferrari. Der Mann des Tages jedoch war Adrian Sutil aus Gräfelfing, der zehn Minuten vor Schluss an vierter Position liegend von Kimi Räikkönen in einen Unfall verwickelt wurde und das Rennen aufgeben musste. Sebastian Vettel wurde hervorragender Fünfter, Timo Glock Zwölfter, Nick Heidfeld 14. Nico Rosberg schied nach einem Unfall aus. Hamilton führt nun mit 38 Punkten die Weltmeisterschaftswertung vor Räikkönen (35) an, der keine Punkte holte, und Massa (34).
Schon vor dem Start hatte ein Fahrer massive Probleme: Heikki Kovalainen hatte Pech, kam nicht vom Fleck und verpasste die Aufwärmrunde. Die Quittung: Ein Start hinter dem Feld aus der Boxengasse. Der Rennstart gelang dann unter enorm schwierigen, weil glitschigen Bedingungen erstaunlich störungsfrei. Massa im Ferrari und Kovalainens Teamkollege Hamilton kamen am besten in Gang und gingen als Führende in die erste Kurve. Weltmeister Räikkönen verlor einen Platz, Nick Heidfeld, nur von Startplatz zwölf ins Rennen gegangen, gewann gleich auf den ersten Kilometern des Rennens drei Plätze. Nur Jenson Button und der aussichtsreich von Platz sechs gestartete Nico Rosberg beschädigten ihre Frontflügel an den jeweils vor ihnen fahrenden Fahrzeugen und mussten zum Materialtausch an die Box.
Rutschende Boliden, überbeschäftigte Piloten
Der Regen wurde bald nach Rennstart stärker, die Folge: rutschende Boliden, in denen die Piloten fahrerische Drahtseilakte vollbringen mussten. Timo Glock im Toyota konnte einen Ausrutscher nicht vermeiden, nutzte aber den erzwungenen Boxenstopp, um die den Bedingungen angepassten Regenreifen aufziehen zu lassen.
Schon bald darauf war der Wersauer sechs Sekunden schneller als die Konkurrenz unterwegs. Auch Hamilton und Alonso rutschten in die Leitplanken und mussten in die Box, aber während Alonso ebenfalls die Regenreifen wählte, blieb Hamilton bei den Intermediate-Reifen. Was zunächst wie ein Fehler wirkte, sollte sich für den McLaren-Fahrer später lohnen. Ich habe mich wie auf Zehenspitzen bewegt, aber es hat sich ausgezahlt, sagte Hamilton nach dem Rennen. Jetzt haben wir die Führung in der Weltmeisterschaft. Da wollen wir dran bleiben, sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug nach dem Rennen.
Heidfelds Aufholjagd von Alonso beendet
In der achten Runde verunglückten David Coulthard (Red Bull) und der Franzose Sebastien Bourdais (Toro Rosso), das Saftey-Car musste ausrücken. Unmittelbar nach der erneuten Freigabe des Rennens dann eine Hiobsbotschaft für Räikkönen: Weil seine Crew die Reifen an seinem Ferrari nicht drei Minuten vor dem Start aufgezogen hatte, musste der Finne zur Durchfahrtsstrafe die Boxengassen aufsuchen. Als Vierter kehrte er auf die Strecke zurück. Unmittelbar dahinter lieferten sich Alonso und Nick Heidfeld ein erbittertes Duell, der Spanier war auf Grund seiner Reifenwahl schneller als der Mönchengladbacher, aber zu ungeduldig.
In der Loewskurve rutschte Alonso in Heidfelds BMW. Ein kurzfristiger Stau war die Folge, Heidfeld setzte die Fahrt über den Frontflügel des Renault fort. Im gedrängten Verkehr verlor auch Nico Rosberg erneut die Frontpartie, so dass er sich, genau wie Alonso, in der Box schon die dritte Nase des Tages abholen musste. Doch auch für Heidfeld erwies sich der Zwischenfall als folgenreich: In der darauf folgenden Runde entwich dem linken Hinterreifen die Luft, nach dem Reifenwechsel musste er seine Aufholjagd von vorn beginnen - unter erschwerten Bedingungen, als 18. und letzter im Rennen verbliebener Pilot. Fortan profitierte Heidfeld nurmehr von Ausfällen der Kollegen.
Sutil wie einst Bellof und Senna
An der Spitze verbremste sich Massa in der Sainte-Devote-Kurve nach Start und Ziel und verlor die Führung an Robert Kubica. Der konnte sich vom Brasilianer jedoch nie richtig abschütteln und musste die Führung nach seinem ersten regulären Boxenstopp wieder hergeben. Trotzdem war Kubica einer von zwei Piloten, der bis dahin völlig fehlerfrei unterwegs war.
Der andere heißt Adrian Sutil. In seinem an sich völlig unterlegenen Force India war der Pianist aus Oberbayern in der 30. Runde bis auf Platz fünf vorgefahren, lag sogar vor Weltmeister Räikkönen, der nach einem Fahrfehler auch einen neuen Frontflügel brauchte und erst hinter dem 25 Jahre alten Sutil wieder auf die Strecke zurückkehrte. Der fuhr derart virtuos durch den monegassischen Regen, dass er Erinnerungen an das Rennen des jungen Stefan Bellof 1984 unter ähnlichen Bedingungen wach rief, das bis heute seinen Platz in der Formel-1-Folklore hat, auch weil bei jener Gelegenheit der Stern von Ayrton Senna endgültig zu leuchten begann.
Hamilton hängte Massa ab
Sutil profitierte nicht allein von den Ausrutschern der Kollegen, obwohl auch das eine Leistung, die nicht gering zu schätzen gewesen wäre, im Gegenteil: Runde 36 war die schnellste des Rennens bis dahin, gefahren von Sutil, Force India. Anscheinend war ich wirklich schnell, sagte Sutil nach dem Rennen. Drei Runden hielt der Rekord, dann war Lewis Hamilton bei trockener werdenden Bedingungen schneller. Der Engländer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Spitze inne, übernommen von Massa, der zum Tanken an der Box war.
Runde um Runde vergrößerte Hamilton seinen Vorsprung, von 18 auf 23, auf 28, auf 33 Sekunden. Als Massa sogar unter Druck von Robert Kubica geriet, war klar, das Hamilton ohne Fehler das Rennen gewinnen würde. Zu diesem Zeitpunkt fuhr Sutil an vierter Position, nach seinem Boxenstopp fiel er auf Platz fünf, hinter Räikkönen zurück. Ein ähnliches Schicksal ereilte Felipe Massa bei seinem zweiten Boxenstopp: Trotz wilden Drifts aus der Boxenstraße schlüpfte Kubica an ihm vorbei, der beste Ferrari lag damit auf Rang drei.
Sutils Rennen endet mit bitteren Tränen
Runde 57 spülte Räikkönen wieder vor die Füße seiner Servicecrew und Sutil zurück auf die vierte Position. Die Strecke trocknete weiter ab, die Fahrer wechselten auf entsprechende Reifen. Nun hätte es ruhiger zugehen können, doch Nico Rosberg hielt den Adrenalinspiegel hoch. Ein heftiger Abflug, als er das 61. Mal die Schwimmbadschikane passierte, zertrümmerte mehr als nur den Frontflügel, der Wahlmonegasse musste sich auf den Heimweg machen. Rosbergs Unfall brachte das Sicherheitsfahrzeug zum zweiten Mal an diesem Nachmittag auf die Piste.
Als es wieder in die Boxengasse abbog, war klar, dass das Rennen nach zwei Stunden, nicht aber nach 78 Runden abgewunken würde. Sutil steckte im Ferrarisandwich, doch nicht lange. In derselben, 67. Runde, Ausgang des Tunnels, vor der Hafenschikane, brach der Ferrari des Weltmeisters aus und schoss Sutil ins Heck. Beide Fahrer mussten die Box ansteuern, doch nur Räikkönen konnte sie wieder verlassen. Der Force India war irreparabel beschädigt, Sutil schüttelte zunächst fassungslos den Kopf und vergoss dann bittere Tränen. Es tut mir sehr leid, wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen. Er wird wohl nicht mehr oft in eine solch gute Position kommen, sagte der Finne hinterher. Es war wie ein Alptraum, den man nicht glaubt, sagte Sutil, als er die Fassung wieder gewonnen hatte.
Von Sutils Pech profitierte Sebastian Vettel: Er steuerte seinen Toro Rosso von Startplatz 19 auf Platz fünf, auch das eine Glanzleistung, belohnt mit den ersten vier Punkten des Jahres. Nach zwei Stunden und 76 gefahrenen Runden dann beendete die schwarz-weiß karierte Flagge das Rennen, Hamilton war der Sieger. Es ist fast ein Wunder, dass wir ins Ziel gekommen sind, sagte Robert Kubica anschließend. Zu diesem Zeitpunkt schien die Sonne.
Ergebnisse Formel 1, Grand Prix von Monaco in Monte Carlo (76 Runden à 3,340 km/253,840 km):
1. Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes 2:00:42,742 Std. (Schnitt: 126,171 km/h); 2. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber + 03,064 Sek.; 3. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 04,811; 4. Mark Webber (Australien) Red Bull + 19,295; 5. Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso + 24,657; 6. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda + 28,408; 7. Kazuki Nakajima (Japan) Williams + 30,180; 8. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes + 33,191; 9. Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari + 33,792; 10. Fernando Alonso (Spanien) Renault + 1 Runde; 11. Jenson Button (Großbritannien) Honda + 1 Runde; 12. Timo Glock (Wersau) Toyota + 1 Runde; 13. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 1 Runde; 14. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW- Sauber + 4 Runden
Ausfälle: Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso (8. Runde/Kollision); David Coulthard (Großbritannien) Red Bull (8. Runde/Kollision); Giancarlo Fisichella (Italien) Force India (37. Runde/Defekt); Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault (48. Runde/Fahrfehler); Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams (60. Runde/Unfall); Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (68. Runde/Kollision)
Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Ferrari) 1:16,689 Min.
Pole Position: Felipe Massa (Ferrari) 1:15,787 Min.
Fahrer-Wertung nach 6 von 18 Rennen: 1. Lewis Hamilton 38 Punkte 2. Kimi Räikkönen 35 3. Felipe Massa 34 4. Robert Kubica 32 5. Nick Heidfeld 20 6. Heikki Kovalainen 15 7. Mark Webber 15 8. Fernando Alonso 9 9. Jarno Trulli 9 10. Nico Rosberg 8 11. Kazuki Nakajima 7 12. Sebastian Vettel 4 13. Jenson Button 3 14. Rubens Barrichello 3 15. Sébastien Bourdais 2
Team-Wertung: 1. Ferrari 69 2. McLaren-Mercedes 53 3. BMW-Sauber 52 4. Williams 15 5. Red Bull 15 6. Toyota 9 7. Renault 9 8. Toro Rosso 6 9. Honda 6
Nächstes Rennen: GP Kanada am 8. Juni in Montréal
Text: chwb/FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS