03. April 2008 Es werden noch Scherze gemacht im Fahrerlager der Formel 1: Wir lassen uns nicht schlagen oder: Das wird durchgepeitscht. Kaum ein Gespräch begann am Donnerstag ohne Hinweis auf die das Rennen in Bahrein überschattende Sex-Affäre um Max Mosley. Der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), eine Art Gesetzesmacher und de facto Oberster Richter der Formel 1, hatte indirekt zugegeben, am vergangenen Freitag in wechselnden Rollen Mitwirkender einer sadomasochistischen Orgie in einem Londoner Apartment gewesen zu sein.
Der detaillierten Schilderung der Zeitung News of the World am Sonntag widersprach Mosley bislang in einem Punkt. Die Szenen mit Prostituierten in Häftlingskleidung, die teilweise an eine Entlausung wie in Konzentrationslagern der SS erinnerten, sollen keinen Nazi-Hintergrund gehabt haben: Das ist absolut falsch, sagt Mosley. Nach Informationen von auto motor und sport haben Mosleys Rechtsanwälte belegen können, dass die Kostüme keine SS-Uniformen, sondern amerikanische Armee-Kleider gewesen seien.
Die Inhalte der Veröffentlichungen sind abstoßend
Trotz Mosleys Beteuerung haben vier in der Formel 1 engagierte Automobilkonzerne vier Tage nach der Veröffentlichung die FIA zu Reaktionen aufgefordert. BMW und Mercedes reagierten am Donnerstag - in seltener Einmütigkeit - mit einer gemeinsamen Erklärung auf die erste Weigerung von Mosley zurückzutreten: Die Inhalte der Veröffentlichungen sind abstoßend. Wir distanzieren uns als Unternehmen ausdrücklich davon.
Damit vermieden die deutschen Konzerne zwar geschickt eine Wertung des Vorfalls und eine öffentliche Verurteilung Mosleys. Sie halten den Fall aber nicht wie vom FIA-Chef proklamiert für eine Privatsache und forderten den Verband auf, Konsequenzen zu ziehen: Der Vorgang betrifft Max Mosley in Person und als Präsident der FIA, der weltweiten Dachorganisation der Automobilklubs. (. . .) Die Tragweite geht damit über den Motorsport hinaus. Wir erwarten eine Reaktion der relevanten Gremien.
Ich kann BMW und Mercedes verstehen, aber...
Mosley, ein eloquenter Jurist, reagierte spontan mit einem Hinweis auf die deutsche Vergangenheit: Angesichts der Geschichte von BMW und Mercedes, speziell vor und während es Zweiten Weltkrieges, kann ich verstehen, warum sie wünschen, sich von den Inhalten der Publikation klar abzugrenzen. (. . .) Leider haben sie sich nicht vorher gemeldet, um zu prüfen, ob es auch wahr ist.
Honda und Toyota gingen härter mit Mosley ins Gericht: Toyota Motorsport, schrieb der in Köln ansässige Rennstall, billigt kein Verhalten, dass das Image der Formel 1 schädigt, besonders nicht ein Verhalten, das als rassistisch oder antisemitisch verstanden werden kann. In der Mitteilung erinnert Toyota an die hohen moralischen Maßstäbe, die Menschen in leitenden Funktionen zu erfüllen haben. Wenn alle Fakten bekannt sind, muss die FIA entscheiden, ob Herr Mosley die moralischen Ansprüche erfüllt, die mit der Position des FIA-Präsidenten verbunden sind.
Die FIA muss beraten und dann schnell entscheiden
Während Bernie Ecclestone, der Chefmanager und Vertraute Mosleys seit Jahrzehnten, bislang keinen Schaden für die Formel 1 sieht, befürchtet Honda einen Frontalcrash: Wir haben die Sorge, dass die Reputation der Formel 1 und aller Teilnehmer beschädigt ist. Wir fordern die FIA auf, diesen Fall sorgfältig zu beraten und eine schnelle Entscheidung im Interesse des Motorsports zu treffen. Mit anderen Worten: Mosley soll gehen. Das halten alle Konzerne - hinter vorgehaltener Hand - für nötig. Renault und Ferrari äußerten sich bislang nicht. Die Scuderia pflegte in der Vergangenheit eine besondere Nähe zu Mosley.
Abgesehen von den Statements der Industrie, nach tagelangen Beratungen in jedem Fall von höchster Stelle abgesegnet und von Rechtsanwälten geprüft, wagte keiner der Protagonisten, öffentlich Stellung zu nehmen. Die Fahrer lehnten konkrete Kommentare zu Mosley ab. Sie fuhren im Windschatten der Werke: Generell, sagten Nico Rosberg (Williams) und Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) quasi unisono, müssten Personen in führenden Funktionen als Vorbilder überzeugen.
Es gibt viel Politik in der Formel 1 - das lernt man zuerst
Force-India-Pilot Adrian Sutil deutete an, warum die auf der Piste so mutigen Piloten ihre Gedanken am Donnerstag für sich behielten: Man muss vorsichtig sein, was man sagt. Es gibt viel Politik in der Formel 1, das ist das Erste, was man lernt. Selbst der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso, Direktor der Fahrervereinigung (GPDA), umkurvte die Schikane: Wir haben dazu nichts zu sagen. Die GPDA ist für Sicherheit zuständig.
Die Formel 1 hat kein Mandat, Mosley von seinem Posten zu entheben. Die Amtszeit des 67 Jahre alten Briten endet erst im Herbst 2009. Vorher kann er allenfalls bei einer außerordentlichen Sitzung der FIA-Generalversammlung abgewählt werden, die demnächst einberufen werden soll. Bis dahin zielen die diplomatischen Noten der Unternehmen darauf, Mosley von einem Rücktritt aus freien Stücken zu überzeugen.
Die Formel 1 rätselt, wer Mosley observiert hat
Der Engländer aber denkt gar nicht daran. Obwohl er inzwischen von einer hochangesehenen, geradezu umgarnten Persönlichkeit zu einer Persona non grata geworden ist. Das Königshaus von Bahrein gab ihm zu Beginn der Woche über Mittelsmänner unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht erwünscht sei. Und zwar noch bevor Ecclestone seinem kongenialen Partner am Dienstag öffentlich zur Absage der Reise riet.
Unterdessen rätselt die Formel 1, wer hinter den Enthüllungen steckt. Mosley ist laut auto motor und sport sieben Wochen lang observiert worden. Angeblich haben Hacker seinen Computer angezapft. Der FIA-Boss wurde darüber von britischen und französischen Geheimdiensten informiert. Angeblich dachte der Millionär, der Angriff gelte seinen Finanzgeschäften und nicht der Ausspähung seines Privatlebens.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP