Zukunft der Formel 1

Gesucht wird: Ein neuer Held

Von Anno Hecker, Monza

Historisch: Schumachers siebter WM-Streich

Historisch: Schumachers siebter WM-Streich

10. September 2006 Ein Jahr noch, nicht mehr. "Das würde schon reichen." Aber Walter Kafitz glaubt nicht mehr an sein Wunschergebnis beim Großen Preis von Italien. Michael Schumacher, glaubt der Geschäftsführer der Nürburgring GmbH vielmehr, wird kurz nach Ende des Rennens seinen Rücktritt zum Ende der Saison verkünden. Eingeweiht in den Kreis der Geheimnisträger ist Kafitz nicht. Wie das gesamte Fahrerlager schwimmt er im Trend, allerdings höchst widerwillig.

Denn mit Schumachers Abschied "geht mein bester Außendienstmitarbeiter von Bord". Kafitz atmet tief durch und blickt über den Bistrotisch hinaus in die Ferne, als suche er jemanden: "Die Stelle wird ausgeschrieben: Held gesucht. Ich fürchte, sie bleibt unbesetzt."

Die größte Attraktion im Zirkus

Der Formel 1 in Deutschland steht nach der Ära Schumacher ein heftiger Existenzkampf bevor. "Für die Promotoren der Rennen", sagt ein ausgewiesener Kenner der Veranstalterbranche, "ist Schumachers Rückzug eine Katastrophe." Schon in den vergangenen zwei, drei Jahren versuchten die Grand-Prix-Veranstalter in Deutschland, den Frust unter den Fans zu lindern: Wer 500 Euro Eintritt für ein Wochenende zahlt, will mehr als den x-ten Schumacher-Erfolg. Aber die eifrigen Bemühungen, mit einem Rundumprogramm einen überzeugenden Mehrwert zu schaffen, griffen kaum. Jedenfalls sanken die Besucherzahlen nach den fetten Jahren mit mehr als 100.000 Zuschauern zusehends. Zum Großen Preis von Deutschland in Hockenheim kamen weniger als 50 000 zahlende Fans. Viel zuwenig, um Zins und Tilgung des Umbaus in Hockenheim refinanzieren zu können. Längst kämpft der Laden (die Hockenheimring GmbH) ums Überleben. Die Kommune Hockenheim hält die Fahne hoch.

Doch weitere Verluste - das Rennen Ende Juli bescherte ein Minus von 3,5 Millionen Euro - sind wohl kaum zu rechtfertigen: Formel-1-Rennen lassen sich in Deutschland schon zum Ende von Schumachers Karriere nicht mehr ohne die Hilfe der öffentlichen Hand finanzieren. Was aber, wenn die größte Attraktion des Zirkus dem Nürburgring demnächst fernbleibt? Kafitz wehrt sich tapfer: "Es wird keinen Boris-Becker-Effekt wie im Tennis geben. Das Ausmaß nach Schumachers Rücktritt kann ich zwar nicht vorhersagen. Wir hatten aber dieses Jahr 64 Prozent neue Kunden, junge Leute."

Die Zuschauer bleiben aus

Über andere Zahlen spricht Kafitz nicht: zum Beispiel über eine interne, wenn auch ältere Kalkulation. Demnach schwindet die Zahl der Fans mit dem Ausstieg des Helden um 30 Prozent. 50.000 zahlende Zuschauer wären dann vielleicht realistisch. Sie aber könnten die Zeche kaum zahlen. Zumal schon die rund 60.000 verkauften Sonntags-Karten für den Grand Prix Anfang Mai das Ziel der Kaufleute nicht annähernd erreichten. Kafitz wünschte sich eine "schwarze Null" in der Kasse. Die Show war gut. Schumacher siegte. Das Defizit nach der großen Party der Rotkäppchen-Gemeinde betrug allerdings rund vier Millionen Euro.

Schumachers Aufstieg über Nacht zum Star der Branche löste in Deutschland einen Boom aus. Aber kommt die Formel 1 im Land der Autofahrer auch alleine über die Runden? Der Einstieg von Daimler-Chrysler, die nun geplante Übernahme des Rennstalls McLaren, der Kauf des Teams Sauber durch BMW im vergangenen Jahr garantieren vorerst eine Fortsetzung deutscher Präsenz: Wir fahren weiter! Aber das Marketinginstrument Formel 1 ist nur dann die dreistelligen Millionen-Etats wert, wenn man im Bilde bleibt. Am besten mit dem nächsten deutschen Superstar, frei nach dem Motto: Mensch vor Maschine.

„Den Deutschen droht das Schicksal der Franzosen“

Die Global Players verweisen zwar gerne auf den internationalen Markt und damit auf ihre Unabhängigkeit von deutschen Piloten. In der Heimat, wo Vorstandsvorsitzende Fernsehen schauen, wird die Generation Alonso bei allem Respekt aber kaum die jüngsten Quoten schaffen: 7,89 Millionen Fans schauen laut RTL im Schnitt zu (46,3 Prozent Marktanteil). Die Kölner bejubeln den Zuwachs nach dem Quotenfall im vergangenen Jahr (6,94). Allerdings hat der Effekt einen Namen: Schumacher. Nach der lausigen Saison 2005 mit einem Sieg ist er wieder im Rennen.

"Es wird zweifellos relativ schnell einen neuen Helden geben", sagt Werner Heinz, der Manager von Nick Heidfeld, "aber den Deutschen droht das Schicksal der Franzosen." Seit Alain Prost 1993 nach seinem vierten und letzten WM-Titel die Formel 1 fahrenließ, versuchten sich viele hoffnungsvolle Landsleute. In 13 Jahren sind dabei zwei Grand-Prix-Erfolge herausgesprungen. Obwohl Peugeot ein- und wieder ausstieg, obwohl Prost es selbst als Teamchef vergeblich versuchte, obwohl Renault erst als Motorenlieferant auch Schumacher zum Titel antrieb (1995), obwohl der Konzern als Rennstall die Konstrukteurs-WM 2005 für sich entschied, klagen die Nachbarn: Es gibt immer noch keinen, der die Lücke des "Professors" schließt. Wie auch, wenn sich kein einziger Franzose Formel-1-Pilot nennen darf?

Internationaler Formel-1-Botschafter

An Brasilianern fehlt es dagegen nicht. Einer sitzt zur Rechten Schumachers. Felipe Massa hat vor zwei Wochen seinen ersten Grand Prix gewonnen. Das war eine Freude in Brasilien. "Erstmals rief die Redaktion an und wollte mehr Texte, als ich angeboten habe", schildert der Formel-1-Reporter Livio Oricchio. Seit Ayrton Senna hat er das nicht mehr erlebt. Der letzte Superstar vor Schumachers Machtübernahme starb 1994 in Imola. "Es hat lange gedauert", sagt Oricchio. "Die Menschen haben anfangs gedacht, der nächste Fahrer müßte wie Senna sein. Das war ein Desaster. Aber jetzt geht es wieder. Am Sonntag morgen um neun Uhr schauen 15 Millionen Menschen die Formel 1."

Im Geschäft des Bernie Ecclestone besetzte Schumacher als internationaler Formel-1-Botschafter sehr schnell die Stelle von Senna. So zügig wird der Wechsel diesmal nicht ablaufen. Selbst wenn sich mit dem 25 Jahre alte Spanier Fernando Alonso ein Siegertyp aufdrängt. So gut wie mit dem Rekordmann Schumacher läßt sich lange nicht hausieren. Als 2004 erstmals der Große Preis von China vor den Toren Schanghais ausgetragen wurde, hing an fast jeder zweiten Laterne der größten Straßen in der Metropole das Konterfei des Kerpeners. Die Chinesen wußten nichts von Ecclestones Rennzirkus. Aber das Stichwort "Formel 1" kombinierten sie reflexartig und fröhlich mit dem Namen "Sumacker, hi, hi".

Und sie waren genauso perplex wie 1999 die Malaysier, weil Ecclestones Zirkusattraktion, dieser bewunderte, verehrte Mann mit der Sieggarantie, nicht die Premiere gewann. Als sei der Sieg eines Gegners eine Majestätsbeleidigung. Die Fixierung scheint so groß, daß ein Abschied auch befreiend wirken könnte von einem Piloten, der wie kein anderer vor ihm seinen Sport beherrschte: Aus der Formel Schumacher würde vorerst wieder die Formel 1.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 17
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verpassen Sie nicht den Kündigungsstichtag 30.11. Vergleichen Sie jetzt Ihre Kfz-Versicherung und sparen Sie bis zu 500 €!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche