Im Gespräch: Nico Rosberg

„Das Auto war das Hauptproblem“

“Zweifellos glaube ich an meine Stärke“

"Zweifellos glaube ich an meine Stärke"

17. Oktober 2008 Nico Rosberg ist nach Sebastian Vettel und Nelson Piquet der drittjüngste Pilot im Formel-1-Zirkus des Jahrgangs 2008. Der 23 Jahre alte Sohn des früheren Weltmeisters Keke Rosberg fährt seit 2005 für den britischen Rennstall Williams.

Nach einem erfolgreichen Saison-Auftakt bremste den in Wiesbaden geborenen, in Monaco aufgewachsenen Deutschen die Fehler bei der Weiterentwicklung seines Boliden. Erst in Singapur tauchte Rosberg als Zweiter des Nacht-Grand-Prix wieder im Rampenlicht auf. Im FAZ.NET-Gespräch redet Rosberg über sein Auto, die Schwächen seines Rennstalls Williams, seine Fehler und Karrierechancen.

“Williams hat seit Jahren Probleme bei der Weiterentwicklung des Autos während der Saison“
„Williams hat seit Jahren Probleme bei der Weiterentwicklung des Autos während der Saison”

Nach 16 von 18 Grand Prix haben Sie 17 Punkte auf dem Konto, Ihr Team Williams liegt auf Rang acht von zehn Teams in der Konstrukteurswertung. Wie sieht Ihre Saisonbilanz aus?

Ich bin natürlich sehr enttäuscht. Am Anfang des Jahres sah es sehr gut aus. Ich war Dritter in Australien. Die Erwartungen, eine gute Saison zu erleben, waren gerechtfertigt. Wir waren besser als Renault. Aber dann haben wir wohl schlecht gearbeitet. Wir hatten mit Ausnahme von Bahrain nur auf den Stadtkursen in Melbourne, Monaco, Kanada und Singapur die Chance, unter die besten Zehn zu kommen.

Lag das am Auto?

Würde ich sagen, auf jeden Fall. Das war das Hauptproblem, besonders die Entwicklung auf dem Gebiet der Aerodynamik.

Williams hat seit Jahren Probleme bei der Weiterentwicklung des Autos während der Saison, das zeigte sich schon bei der Zusammenarbeit mit BMW zwischen 2000 und 2005. Ist das nicht beunruhigend?

Sicher ist es nicht super. Aber das Entwicklungstempo war in Ordnung. Die Entwicklung ist nur hier und da in die falsche Richtung gegangen. Ich kann das aber noch entschuldigen, weil wir wieder viel dazugelernt haben.

Das Auto hat Schwächen. Haben Sie als Fahrer nicht auch Fehler gemacht?

Ja. Zwei oder drei schon. Und leider dort, wo wir gut dastanden, etwa in Monaco mit dem sechsten Startplatz oder Kanada als Fünfter. Wenn das Auto konstant gewesen wäre im Verlauf der Saison, dann würde man diese Fehler wohl nicht mehr sehen. Ich hatte mir im Qualifikationstraining gute Positionen erarbeitet, aber dann im Rennen unter schwierigen Bedingungen Fehler gemacht. Das sollte in Zukunft nicht mehr passieren.

Spielte Ungeduld eine Rolle?

Sicherlich. Ich muss in solchen Situationen geduldiger sein.

Kann man bei einem Start inmitten von 20 Autos erst voll auf Angriff fahren und dann vor der ersten Kurve noch einen taktisch klugen Rückzieher machen?

Ja, das kann man. Wir sind ja alle aggressiv und wollen nach vorne. Das ist eine Stärke. Aber man muss gleichzeitig einschätzen können, wann man sich zurückhalten, auch mal einen vorbeilassen muss. Auch das ist eine Stärke. Diese Einschätzung, wann ist es nötig, wann von Nachteil, ist allerdings schwer. In Melbourne hatte ich nach dem Boxenstopp einen Kampf mit Alonso. Ich habe ihn vorbeigelassen, weil es keinen Sinn gemacht hätte. Trotzdem wurde ich Dritter. Ich kann das also. In Monaco aber habe ich die Situation falsch eingeschätzt.

Dem ersten WM-Kandidaten Lewis Hamilton wird vor dem vielleicht entscheidenden Rennen am Sonntag in Schanghai vorgeworfen, er nutze jede Lücke zu einem Überholmanöver ohne die möglichen Folgen zu bedenken. Kann er sich im entscheidenden Moment nicht bremsen?

Doch, der kann das. Auch wenn die Anzeichen in den letzten Rennen oder zum Ende der vergangenen Saison einen anderen Eindruck vermitteln. Vielleicht ist es schwieriger für ihn, sich zurückzuhalten, aber der kriegt das hin.

Einige Kollegen sagen, Hamilton fahre, als sei er allein auf der Piste. Wie kommen Sie mit seinem Stil klar?

Er ist sicherlich einer der aggressiveren Piloten. Aber ich habe kein Problem damit. Er hat sich eigentlich nur selbst geschadet. (siehe auch: Lewis Hamilton im Gespräch: „Für gute Beziehungen haben wir keine Zeit“ und Lewis Hamilton: Mitunter wie ein Geisterfahrer)

Wer wird Weltmeister?

Derjenige, der keinen Fehler mehr macht. Lewis hat bessere Chancen, auch wegen des Autos. Ich gönne es aber beiden. In der nächsten Saison werden die Autos wegen der einschneidenden Regeländerungen auch auf dem Gebiet der Aerodynamik ganz anders aussehen.

Sie verbinden damit eine Hoffnung?

Ja, weil ich nach wie vor glaube, dass wir talentierte Leute haben in der Firma, wir lernen immer mehr. Auch ich versuche mit meinen Eindrücken vom Fahrverhalten des Autos so viel zu helfen, wie ich kann. Ich denke, wir haben eine Chance, nächstes Jahr gut da zu stehen.

Warum sollten die großen Werksteams nachlassen?

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass die großen Teams weiter vorne bleiben, hoch. Aber allein der Wechsel zum Einheitsreifen hat die Hackordnung durcheinander gewirbelt. Darauf muss man hoffen.

In einem schwachen Auto sieht auch ein Fahrer selten gut aus. Fürchten Sie nicht um Ihren Marktwert?

Eine gewisse Gefahr besteht, weil die Leistung des Fahrers, seine Einschätzung durch andere, eng mit der Qualität des Autos zusammenhängt. Ein gutes Beispiel ist Jenson Button (Honda). Der ist für mich nach wie vor ein sehr, sehr guter Fahrer. Aber sein Marktwert ist tierisch runter gegangen seit 2004, als er Dritter in der WM hinter den Ferrari-Piloten war. Das ist doch Wahnsinn. Wenn man den falschen Weg geht in diesem Sport, wenn man Pech hat, dann kann es sehr schwierig werden.

In welcher Lage befinden Sie sich?

Ich bin von einer solchen Entwicklung noch weit entfernt. Ich konnte ja auch zeigen, wie stark ich mittlerweile bin als Fahrer. Das merken die Leute, die das sehen müssen. So wie es in Singapur gelaufen ist als Zweiter hinter Fernando Alonso (siehe: Formel 1 in Singapur: Alonso ist schnellster Nachtfahrer der Welt), hätte ich es mir kaum besser wünschen können. Außerdem versuche ich auf allen Ebenen zu punkten, so dass ich insgesamt für ein Team interessant bin. Man muss auch bei den Sponsoren-Terminen sein Bestes geben. Die Formel 1 ist so kommerziell geworden, dass man gar nicht anders kann.

War es ein Fehler, den Vertrag mit Williams im vergangenen Jahr verlängert zu haben?

Im Nachhinein nun zu sagen, das war richtig oder falsch, halte ich für Quatsch. Ich hatte mir allerdings viel mehr erhofft.

Sie hatten im vergangenen Jahr ein Angebot von Mercedes, zu McLaren zu kommen. Warum haben Sie es nicht angenommen?

Das war nicht mein Bier. Frank (Teamchef Frank Williams, d.Red.) musste das entscheiden. Er hat aber nie darüber nachgedacht.

Sie hätten Williams angesichts der Aussicht auf eines der besten Autos sagen können, dass Sie nicht mehr motiviert seien, für ihn zu fahren.

Ja, das geht schon. Man bewegt sich dann aber in einer Grauzone. Bis zu einem gewissen Punkt würde ich das auch machen. Aber man muss die Grenze kennen. Letztes Jahr stand das nicht zur Debatte.

Glauben Sie, alle Fahrer schlagen zu können?

Neulich habe ich gesagt: ,Ja, aber...' Trotzdem stand in der Schlagzeile: ,Rosberg kann alle schlagen'. Zweifellos glaube ich an meine Stärke. Ich habe das schon bewiesen. Um herauszufinden, wie stark man ist, muss man in ein Topteam mit einem Topfahrer kommen. Irgendwann wird das Zeit. Platz nehmen neben einem Top-Fahrer.

Das wäre ein Risiko, oder?

Zumindest nicht die Ideallösung, aber die Formel 1 ist kein Wunschkonzert.

Rosberg auf dem langsamen Weg nach vorn: “Sicher ist es nicht super. Aber das Entwicklungstempo war in Ordnung“
Rosberg auf dem langsamen Weg nach vorn: „Sicher ist es nicht super. Aber das Entwicklungstempo war in Ordnung”

Die Fragen stellte Anno Hecker. (siehe auch: Nico Rosberg: „Gebt mir ein Siegerauto, dann beweise ich es")



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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